SEMPACH: Tetraplegie: Lionel ist geheilt

Die Geschichte um den 17-jährigen Tetraplegiker nimmt ein glückliches Ende: Lionel Wyser hat sich praktisch vollständig erholt – und sogar die gewünschte Lehrstelle gefunden.

Rahel Schnüriger
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An seinem neuen Arbeitsplatz bei Atmoshaus: Lionel Wyser freut sich über die Lehrstelle. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

An seinem neuen Arbeitsplatz bei Atmoshaus: Lionel Wyser freut sich über die Lehrstelle. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

«Eigentlich ist es ein Wunder», sagt Kari Emmenegger, Berufsberater am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil. Als wir die Büros der Atmoshaus AG betreten, ist Lionel Wyser gerade am Freihandzeichnen. Was für andere eine ganz normale Tätigkeit ist, wäre für den 17-Jährigen noch vor einigen Monaten nicht denkbar gewesen. Genau ein Jahr ist es nun her, seit Lionel plötzlich zum Tetraplegiker wurde: Er verspürte damals immer stärker werdende Nackenschmerzen, bevor er bewusstlos wurde und schliesslich im Zürcher Unispital erwachte (siehe Kasten). Er konnte weder essen noch sich bewegen, und die Lehre als Landschaftsgärtner musste er bald darauf aufgeben.

Konnte auswählen

Auf den Spitalaufenthalt folgte eine lange Zeit im SPZ, wo Lionel schnell Fortschritte machte. Nur ein Wunsch schien in diesem Moment unerfüllbar: noch im kommenden Sommer eine neue Lehrstelle beginnen zu dürfen. Gescheitert wäre der Wunsch allerdings nicht an den Fähigkeiten des jungen Mannes, sondern an der Tatsache, dass schlicht schon alle Lehrstellen vergeben waren. Auf den Beitrag unserer Zeitung hin (22. Dezember 2012), meldeten sich aber gleich vier Arbeitgeber, die bereit waren, für Lionel Wyser eine neue Lehrstelle zu schaffen. Und so hatte Lionel letztlich sogar die Wahl. Seit einem Monat ist er nun bei Atmoshaus in Sempach-Station im Praktikum, bevor er dort im Sommer die Lehre als Zeichner mit Fachrichtung Architektur (ehemals Hochbauzeichner) beginnt. «Wir haben uns gemeldet, weil uns das Schicksal von Lionel berührt hat», sagt sein Lehrlingsbetreuer Oliver Meier. Gleichzeitig hätten sie effektiv Bedarf nach Zeichnern und wollten Lionel entsprechend voll einsetzen. Dass er fähig ist, hat er bereits bewiesen: «Schon bei der Schnupperlehre hat Lionel gezeigt, dass er den anderen Lehrlingen in nichts nachsteht», sagt Oliver Meier.

Konzentrieren ist anstrengend

Im Praktikum ist Lionel nun halbtags: Nach wie vor sei es für ihn anstrengend, sich lange zu konzentrieren, sagt er. «Aber diese Vorlaufzeit ist ein gutes Training für nachher.» Diese Einstellung ist typisch für den 17-Jährigen, der schon kurz nach dem Vorfall positiv in die Zukunft blickte. Sein Berufsberater bewundert vor allem den psychischen Umgang mit seinem Schicksal: «Es ist sehr aussergewöhnlich, wie er die Situa-tion nach so kurzer Zeit schon akzeptiert hat», sagt Kari Emmenegger. «Ich nehme es, wie es kommt», sagt Lionel auch heute – er mache sich keine Gedanken über allfällige Rückschläge. Auch dass er Dinge wie das Saxofonspielen vorläufig aufgeben musste, habe er akzeptiert. Wenn er auf das vergangene Jahr zurückschaue, habe er vor allem eines gelernt: «Immer daran zu glauben, dass es gut kommen kann – ich habe nie aufgegeben.»

Viele Leute beeindruckt

Neben den vier Firmen hat Lionel auch von anderen Seiten Reaktionen auf den Zeitungsbericht erhalten – Leute, die beeindruckt waren von ihm und seiner Art. Mit der Firmgruppe St. Martin aus Baar verbrachte er daraufhin gar einen Abend, um über das Geschehene zu sprechen.

Er steht heute fest auf dem Boden, denn sein Ziel ist erfüllt. Die Hauptsache sei für ihn gewesen, dass er wieder etwas machen könne – und das sei jetzt eingetreten. «Mein Wunsch ist es nun, die Lehre möglichst normal durchziehen zu können.»

Nackenschmerzen beim Aufräumen

ROTHENBURG sra. Vor einem Jahr war Lionel Wyser gerade dabei, sein Zimmer aufzuräumen, als er immer stärker werdende Nackenschmerzen verspürte. Im Wohnzimmer legte er sich daraufhin aufs Sofa und rief seine Eltern. «Es fiel mir immer schwerer zu atmen», erzählt der 17-Jährige, «dann kamen die Lähmungserscheinungen.» Als die Sanität eintraf, wurde Lionel bewusstlos.

Warum kann Lionel Wyser wieder gehen? Sein Rückenmark wurde – nicht wie bei manchen Unfällen – komplett zerrissen, sondern durch eine Blutung beschädigt. Eine Schwellung drückte daraufhin auf das Rückenmark, wodurch er vorübergehend gelähmt wurde. Bis eine solche Schwellung im Rückenmark zurückgeht, kann es Wochen bis Monate dauern – Lionel Wyser hat sich wieder erholt.