SEMPACH: Vogelwarte tritt auf die Bühne Europas

Gleich drei Bewerber aus der Zentralschweiz sind für den europäischen Museumspreis nominiert. Darunter befindet sich auch die Vogelwarte, deren Besuchszentrum heute vor zwei Jahren eröffnet worden ist. Zeit für eine Bilanz.

Stephan Santschi
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Das Besuchszentrum der Vogelwarte Sempach hat Chancen auf einen europäischen Preis. (Bild: Pius Amrein (Sempach, 28. April 2017))

Das Besuchszentrum der Vogelwarte Sempach hat Chancen auf einen europäischen Preis. (Bild: Pius Amrein (Sempach, 28. April 2017))

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

European Museum of the Year Award oder kurz: Emya. So heisst die renommierte Auszeichnung, die seit 1977 verliehen wird. Am Samstag ist es wieder so weit; am Ende eines viertägigen Forums wird in Zagreb ein Kulturhaus mit dem Emya geehrt. Nominiert sind insgesamt 46 Museen aus 24 Ländern. Speziell: Hinter Deutschland (5) stellt die Schweiz am meisten Bewerber, vier an der Zahl. Noch spezieller: Drei davon kommen aus der Zentralschweiz. Und wirklich ausserordentlich: Zwei sind in Sempach zu Hause – das Rathausmuseum und die Schweizerische Vogelwarte. Daneben figuriert auch das Museum Burg aus Zug auf der illustren Liste.

Eine Bewerbung für den Emya wird möglich, wenn man in den vergangenen zwei Jahren ein Museum eröffnet oder neu gestaltet hat. Das Rathausmuseum gefiel im letzten Jahr mit Fotografien aus dem historischen Alltag Sempachs, die es während zweier Monate in Schaufenstern von Geschäften ausgestellt hatte (wir berichteten). Die Vogelwarte eröffnete derweil exakt heute vor zwei Jahren ein neues Besuchszentrum für 15 Millionen Franken.

Ziel des Neubaus war es, mehr Gäste begrüssen zu können. Bis 2015 kamen jährlich rund 10000, gerne würde man diese Zahl verfünffachen, hiess es damals an der Eröffnungsfeier. 24 Monate später fällt die Zwischenbilanz erfreulich aus: «40000 Menschen haben uns seither pro Jahr besucht», sagt Felix Tobler, der Leiter des Besuchszentrums. Selbsttragend ist das Angebot allerdings nicht, der Grad der Eigenfinanzierung beläuft sich auf 60 Prozent. «Dieser Anteil ist recht hoch, unser Anspruch war es nie, eine Finanzierungsquelle für die Vogelwarte zu sein. Wir sind eine Stiftung, die auch einen Bildungsauftrag hat. Deshalb geniessen Schulklassen auf Anmeldung Gratiseintritt», erklärt Tobler. Und er hält fest: «Es läuft sehr gut, nun dürfen es aber gerne noch etwas mehr Besucher werden.»

«98 Prozent würden uns weiterempfehlen»

Als der Juror des Emya zwecks Rekognoszierung seine Aufwartung in Sempach machte, ähnelte seine Reaktion laut Tobler jener von vielen Besuchern: «Ihn sprach das ganze Konzept an. Beim Eintreten hören wir oft, dass man sich bei uns sofort wohl fühlt, dass man in eine andere Welt eintaucht.» Angesprochen ist der Wechsel von der Geschäftigkeit der viel befahrenen Luzernerstrasse in die Ruhe des Besuchszentrums mit dem Blick auf den Sempachersee. Hervorhebenswert ist im Weiteren die Bauweise des Gebäudes, welches in Anlehnung an ein Schwalbennest mit Lehm erstellt worden ist und deshalb als bauökologische Pionierleistung eingeordnet wird.

Auf dem Rundgang gefalle den Leuten die Erlebnisausstellung mit interaktiven Elementen, dem mechanischen Theater mit Erläuterungen zur Vogelsprache und dem Film über reisende Vögel. Ein Gummiring, der an der Kasse ausgehändigt wird, sammelt dabei Informationen über das Verhalten des Besuchers, wor­aufhin dieser am Ende mit einem Augenzwinkern einer Vogelart zugeordnet wird. Daneben können in zwei Volieren auch lebendige Vögel beobachtet werden. «Drei Viertel der Besucher sagten bei einer Umfrage, dass sie wiederkommen würden. Gar 98 Prozent würden uns weiterempfehlen», berichtet Felix Tobler. Das alte, bescheiden gehaltene Besuchszentrum habe im Gegensatz dazu oft zu enttäuschten Reaktionen geführt.

Morgen Donnerstag reist Tobler mit Kollege Christian Marti nach Zagreb, um wie alle anderen Nominierten die eigene Einrichtung in einer Präsentation vorzustellen. Dass der Emya ausser Reichweite ist, wurde ihnen schon im Vorfeld mitgeteilt. «Hierzu kommen nur Museen mit wissenschaftlich betreuten Sammlungen in Frage. Das haben wir nicht, wir sind ein Institut für die Erforschung und den Schutz der Vögel.» Verliehen werden aber auch Spezialpreise, wie der Kenneth Hudson Award, mit dem ungewöhnliche und wagemutige Leistungen honoriert werden. «Den würden wir natürlich gerne nehmen», sagt Tobler und lacht.

Gewonnen hat die Vogelwarte letztlich schon mit dem Dabeisein, auf diese Weise rückt sie sich in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit, «das ist für uns natürlich eine tolle Sache», sagt Tobler. Das Besuchszentrum will aufzeigen, dass die Artenvielfalt genauso zur Schweiz gehört wie das Matterhorn oder das Berner Münster. Und dass 40 Prozent unserer Vogelarten in ihrer Existenz bedroht sind.