SENIOREN: Armutsfalle schnappt im Alter zu

Sie haben ein Leben lang geschuftet. Am Ende reicht das Geld trotzdem nicht, um in Würde zu altern. Drei Luzerner erzählen.
Christian Hodel
Die Ernüchterung erfolgt oft mit der Pension: Jeder 13. Senior in der Schweiz hat Mühe, für die nötigsten Ausgaben aufzukommen.Symbolbild: Keystone/Sebastian Widmann

Die Ernüchterung erfolgt oft mit der Pension: Jeder 13. Senior in der Schweiz hat Mühe, für die nötigsten Ausgaben aufzukommen.Symbolbild: Keystone/Sebastian Widmann

Es gibt sie, die Zahlen und Definitionen. Aber weder Tabellen noch Diagramme können aufzeigen, worum es wirklich geht. Es braucht Menschen wie Ingrid* und das Ehepaar Huber* um zu verstehen, was es heisst, in der Schweiz arm zu sein. Regen prasselt an diesem Nachmittag an die Scheiben im Sitzungszimmer der Pro-Senectute-Beratungsstelle, Taubenhausstrasse 16 in Luzern. Herr Huber (74) zückt ein Blatt Papier. 18 Franken steht da drauf – und nicht mal ein Minus davor. Ein guter Monat war das.

«Welche Dokumente brauchen Sie?», fragt Huber und durchwühlt seine abgewetzte Mappe. Bankkontoauszüge. Lebenslauf. Eine vor Jahrzehnten ausgestellte Berufsbescheinigung. Und Fotos aus seinem früheren Leben. Die Dokumente schiebt er über den Sitzungstisch. Herr Huber ist es sich gewohnt, zu rapportieren, alles zu zeigen, zu belegen. Wer von Behörden und Fachstellen Hilfe benötigt, muss offenlegen, was er nicht hat. «Nur die Hosen runter lassen musste ich noch nie», sagt Huber, schmunzelt kurz und lacht lange. Dann schweigt er wieder, schaut an die Decke – als ob er sich überlegen würde, ob am ernst gemeinten Satz nicht doch was Wahres dran ist. Armut in der Schweiz heisst auch, ein Stück seiner Würde zu verpfänden, so wie andere ihren Schmuck.

Beizen gekauft, die nie rentiert haben

1633 Franken AHV bekommt Herr Huber jeden Monat, seine Frau genauso viel. 396 Franken Ergänzungsleistungen kommen dazu – 3662 Franken macht das für das Ehepaar. Ihr Vermögen: null. Die Pensionskassengelder haben sie schon lange aufgebraucht, für seinen Lebenstraum – mehrere Beizen, die nie rentierten.

In der Schweiz gelten die Hubers als arm (siehe Kasten). Nach einer neuen Erhebung des Bundesamts für Statistik hat jeder 13. Senior in der Schweiz Mühe, für die nötigsten Ausgaben – Essen, Versicherungen und Wohnen – aufzukommen. Tendenz steigend. 1319 Franken zahlt das Ehepaar monatlich für Wohnzimmer, Bad, zwei weitere Zimmer und die Küche. Zum Zmittag gibts eine Suppe, manchmal Spiegeleier. Die Krankenkasse wird über die Prämienverbilligung abgegolten. 2343 Franken bleiben für den Rest – Strom, Fernseher, Kleidung, Essen, Versicherungen. Alle Ausgaben schreibt Frau Huber (75) akribisch in ein Heft. Wenn Ende Monat was übrig bleibt, geht sie spazieren, kauft ein Stück Kuchen in einem Kaffee. Er aber bleibt immer zu Hause. «Kollegen habe ich keine», sagt Huber. Nur manchmal fahre er in den nächstgelegenen Supermarkt. Einen Most trinken. So wie er es früher immer gemacht hat, als noch Freunde bei ihm einkehrten in seinen Wirtsstuben.

Knapp 40 Jahre wirtete Huber, was ihn in den Ruin trieb. Er war ein guter Berufsmann – bis mit 72 Jahren arbeitete er. Aber mit dem Verwalten und dem Administrativen klappte es nie so richtig. «Wir wurden ein paarmal übers Ohr gehauen, als es um Käufe oder Verkäufe von Restaurants ging. Manchmal fehlt mir einfach das notwendige Verhandlungsgeschick», sagt Huber, macht eine lange Pause und fügt an: «Könnte ich noch einmal von vorne beginnen, würde ich trotzdem alles gleich machen. Ich habe meinen Traum gelebt.»

Die Ehefrau schüttelt jetzt fassungslos den Kopf. Nichts habe er gelernt aus dem Leben, sagt sie. Zu oft sei er ins Fettnäpfchen getreten. «Wegen deiner Gutgläubigkeit und Sturheit sind wir jetzt hier. Hätten wir nur nie eine Beiz gekauft.» Hätte, wäre, wenn: Vorwürfe und Streit gehören genauso zu ihrem Alltag, wie Scham, Einsamkeit und sich von der Gesellschaft ausgeschlossen zu fühlen – die finanzielle Situation belastet das Ehepaar, das seit über 50 Jahren verheiratet ist. Wie ihr Konto haben sich auch ihre Tage geleert.

Mit 20 Franken in der Woche über die Runden kommen

Nur wenige wissen, unter welchen Umständen Ingrid (74) lebt. Manchmal sei es schon schwierig, mit so wenig Geld auszukommen. Zum Beispiel, wenn sie eine Freundin bitten muss, 2000 Franken vorzuschiessen, um eine Operation bezahlen zu können. Oft kommt sie mit 20 Franken pro Woche über die Runden. Ingrid schläft lange und spart so eine Mahlzeit am Tag. Dennoch sagt sie: «Ich bin zwar finanziell am Limit, fühle mich aber nicht arm.» Ein sonniger Spätherbsttag in Luzern, Ingrid fährt im Bus vor, das Billett hat sie geschenkt bekommen. Sie – roter Pullover, gepflegte Haare, schwarze Hosen – setzt sich an einen Tisch im Redaktionsgebäude der «Luzerner Zeitung». «Ich habe nie an Geld gehangen», sagt sie. «Und ich habe auch kein Polster.» Noch vor ihrem 20. Geburtstag beschloss Ingrid, ledig zu bleiben und auf Reisen zu gehen. Sie arbeitete in Genf und Italien, lebte in England. Die Fremdsprachen spricht sie noch heute fliessend.

Ingrids Leben war eine Abfolge von Zufällen. «Ich schöpfte aus, was ich konnte», sagt sie. Auf der Strecke blieb das kontinuierliche Einzahlen der AHV-Prämie. Das Pensionskassen-Obligatorium gab es noch nicht, es kam erst 1985. Und selber sparen – das lag nicht drin. Ingrid nahm immer Jobs an, die ihr gefielen, aber schlecht bezahlt waren. 4000 Franken war ihr höchster Lohn, den sie je verdient hat, sagt sie. Mit 40 Jahren machte sie noch eine Lehre. «Ich habe viel gelernt im Leben. Je ne regrette rien.»

«Bis vor wenigen Wochen ging alles gut»

Die Ernüchterung folgte mit der Pension. Der 13. Monatslohn blieb aus. 3228 Franken hat Ingrid im Monat zur Verfügung. Zu wenig, um sorgenfrei zu altern, aber ein paar Franken zu viel, um Ergänzungsleistungen zu beantragen. «Bis vor wenigen Wochen ging auch alles gut», sagt sie. Aber dann kam die Mietzins­erhöhung – ein Anstieg um 400 auf 1600 Franken. Seither ist ihr Konto Ende des Monats überzogen. «Seit fast 40 Jahren wohne ich in diesem Haus. Es ist mir zur Heimat geworden. Ich möchte darin bleiben», sagt Ingrid. Die Mieterhöhung hat sie angefochten. Käme man ihr 100 Franken entgegen, würde ihre Rechnung wieder etwas rosiger aussehen. Trotz aller Sorgen sagt Ingrid aber: «Ich bin glücklich, auch wenn ich nicht viel habe. Ich begegne jeden Tag ärmeren Menschen.»

* Namen geändert

Christian Hodel
christian.hodel@zentralschweizamsonntag.ch

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