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Interview

«Senioren werden lächerlich gemacht, nur weil sie nicht mehr Teil des Wirtschaftslebens sind»

Die frühere Zürcher Stadträtin Monika Stocker kämpft gegen die Diskriminierung von alten Menschen. Am Wochenende hat sie mehrere Auftritte in Luzern.
Robert Knobel
Monika Stocker.

Monika Stocker.

Die Messe Zukunft Alter, die ab Freitag auf der Luzerner Allmend stattfindet, widmet sich dieses Jahr unter anderem dem Thema Altersdiskriminierung. An den täglichen Podiumsdiskussionen nimmt auch die ehemalige Zürcher Stadträtin Monika Stocker teil. Sie ist heute Präsidentin der unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA).

Monika Stocker, Sie kämpfen gegen die Diskriminierung von älteren Menschen. Ist das überhaupt nötig? Man sagt ja oft, den Senioren gehe es materiell viel besser als den Jungen...

Es stimmt, dass es vielen Senioren sehr gut geht. Aber nicht allen. Dies hängt in erster Linie von der Stellung ab, die sie im Arbeitsleben hatten. Es gibt immer noch viele ältere Menschen, die Rentenlücken haben. Ich denke dabei etwa an Frauen, die nach altem Scheidungsrecht geschieden wurden und kein Recht auf die PK-Gelder ihres Ex-Mannes haben.

Sie sind gerade dabei, eine Volksinitiative gegen Altersdiskriminierung zu lancieren. Worum geht es da genau?

Wir fordern, dass der Schutz vor Diskriminierung auch für Senioren gesetzlich festgeschrieben wird – analog zu den bereits bestehenden Gesetzen für Frauen und Behinderte. Es geht aber auch darum, die «emotionale Diskriminierung» zu bekämpfen.

Was meinen Sie damit?

Wir reden hier von einer Generation, die enorm viel für unseren heutigen Wohlstand geleistet hat. Das wird viel zu wenig geschätzt. Schlimmer noch: Senioren werden abgewertet und lächerlich gemacht, bloss, weil sie nicht mehr Teil des Wirtschaftslebens sind – nach dem Motto: Wer nicht Lohnarbeit macht, ist faul. Diskriminiert werden aber auch solche, die noch im Arbeitsleben sind. Es gibt über 50-Jährige, die nicht einmal mehr ein anständiges Arbeitszeugnis erhalten, weil die Firma denkt, das sei ja ohnehin nicht mehr wichtig. Und wer arbeitslos wird, schreibt eine Bewerbung nach der anderen und erhält oft nicht einmal eine Antwort.

Senioren leisten heute sehr viel Freiwilligenarbeit. Wird das ebenfalls zu wenig anerkannt?

Ganz klar. Ich engagiere mich bei der «Grossmütter-Revolution». Wir sind an einem Nachmittag einmal mit 42 Frauen zusammengesessen und wollten wissen, wie viel es kosten würde, wenn man uns für alles bezahlen müsste, was wir tun – vom Enkelhüten bis zur Mithilfe in der Kirchgemeinde. Wir nahmen einen Stundenansatz von 30 Franken und kamen so auf total 2,4 Millionen Franken in einem Jahr.

Sie sind selber 71-jährig. Wurden Sie schon einmal aufgrund Ihres Alters diskriminiert?

Nein, zum Glück nie. Ich gehöre zu den Privilegierten. Aber gerade deshalb engagiere ich mich. Ich möchte erreichen, dass man die Anwesenheit von alten Menschen als Gewinn, und nicht als Last empfindet.

Der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung wird in den nächsten Jahren massiv ansteigen. Das bringt die Sozialwerke an ihre Grenzen...

Ja, alte Menschen kosten Geld. Und das ist okay so. Wenn plötzlich viel mehr Kinder zur Welt kommen, baut man ja auch zusätzliche Schulhäuser. Wenn es mehr Verkehr gibt, baut man Strassen. Wenn es aber plötzlich mehr Betagte gibt, sagt man, wir könnten uns dies nicht leisten. Man jammert, als wäre es eine Katastrophe, dass es so viele Alte gibt. Alte Menschen sind aber auch ein aktiver Wirtschafts- und Konsumfaktor. Man darf zudem nicht vergessen, dass die Menschen immer länger gesund bleiben. Viele Senioren finanzieren ihren Lebensunterhalt nach wie vor selber.

Was bräuchte es denn, um den Stellenwert des Alters zu erhöhen?

Es braucht einen Sinneswandel. Es geht nicht darum, dass die Jungen für die Alten denken. Die Alten können ganz vieles durchaus selber entscheiden. Aber sie brauchen Unterstützung, wenn sie selber an ihre Grenzen kommen. Zu den häufigsten Gründen, weshalb jemand zu unserer Beschwerdestelle kommt, gehören Überlastung und Erschöpfung im Zusammenhang mit der Pflege von Angehörigen. Die Vorstellung, dass man seiner Familie derart zur Last fällt, dass man nicht mehr richtig gepflegt wird, ist ein Albtraum für viele Senioren. Doch mit der nötigen Unterstützung und vorausschauendem Handeln kann man solchen Problemen vorbeugen - in einem reichen Land eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Zur Person: Monika Stocker (71) war für die Grünen im Nationalrat (1987-1991) und Sozialvorsteherin der Stadt Zürich (1994-2008)

Messe Zukunft Alter Luzern: 8. bis 10. November. www.messe-zukunft-alter.ch

Weitere Links:
Grossmütter-Revolution (ThinkTank für Grosseltern): https://www.grossmuetter.ch/
Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA): http://www.uba.ch/

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