SERIE «ADVENT, ADVENT»

Das Privileg einer grossen Schwester

Über das Aufwachsen mit einer kleinen Schwester und einen ganz speziellen Moment an Heiligabend.

Roseline Troxler
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Roseline Troxler

Roseline Troxler

Advent, Advent Privileg der Erstgeborenen Grosse Geschwister haben es nicht immer leicht. Besonders mit einer kleinen Schwester. Damals, in einer Luzerner Landgemeinde in den 90er-Jahren: Ging ich ins Geräteturnen, wollte auch Leonie an Ring und Reck. Sträubte ich mich, von einem Moment auf den anderen Fleisch zu essen, tat es mir Leonie gleich. Musste ich talentfrei in den Klavierunterricht, begann Leonie freiwillig.

Erstgeborene, plötzlich vom Thron gestossen, müssen sich auf einmal die Aufmerksamkeit der Eltern teilen. Das herzige Kleine kann sich viel erlauben, die Grosse muss oft die doppelte Schelte einstecken. Später in der Jugendzeit müssen sich die Älteren erst noch den längeren Ausgang erkämpfen. Doch nun gut, gab es auch viele Momente gemeinsam durchzustehen – gerade im Advent. Seite an Seite wurde dem Samichlaus mit zittrigen Beinen das Sprüchli aufgesagt, gemeinsam vom Guetzliteig genascht, bis wir Bauchschmerzen hatten, den Tanten ein Duett zum Besten gegeben – mal mit mehr, mal mit weniger Applaus.

Doch ein Privileg ist mir geblieben. Nur ich durfte erleben, wie es ist, mit meiner Mama an Heiligabend die Kerzen am Baum anzuzünden, auf Zehenspitzen und nur flüsternd. Dann der grosse Moment: Mit der Glocke zu klingeln und rasch zurück zu huschen, ohne dass Leonie Verdacht schöpfte. Die Freude, Eingeweihte zu sein, während die kleine Schwester nichts ahnend und mit leuchtenden Augen die Stube betrat.

Längst kann ich meiner Schwester nichts mehr vormachen und muss anerkennen: Leonie hat es auch heuer geschafft und bereits alle Geschenke besorgt und schön eingepackt, bevor ich beginne, mir überhaupt erst Gedanken darüber zu machen, was unter dem Weihnachtsbaum liegen soll. Aber eins Leonie, kannst du mir nicht nehmen. Dieses Privileg damals, irgendwann in den 90er-Jahren, als ich Christkind sein durfte.