SERIE: Als der Kirchturm in sich zusammenfiel

Vor bald 50 Jahren liessen die Udligenswiler ihre Pfarrkirche sprengen. Das tat vielen Dorfbewohnern im Herzen weh.

Rainer Rickenbach
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Der alte Kirchturm von Udligenswil bei der Sprengung am 6. Mai 1965 (links) und die Kirche, wie sie heute aussieht (rechts). (Bild: Archiv Neue LZ / Manuela Jans)

Der alte Kirchturm von Udligenswil bei der Sprengung am 6. Mai 1965 (links) und die Kirche, wie sie heute aussieht (rechts). (Bild: Archiv Neue LZ / Manuela Jans)

Es sei eine der grössten Sprengungen der Schweiz, berichtete die «LNN» über den unsanften Abgang der katholischen Pfarrkirche St. Oswald in Udligenswil. 130 Kilogramm Sprengstoff wurden in 400 Löchern für die Sprengung hergerichtet. Diese erfolgte in drei Etappen vom 30. April bis zum 6. Mai 1965. Als Letztes war der Kirchturm dran, er versank in einer grossen Staubwolke.

Die Basler Armee-Mineure leisteten präzise Arbeit, sie jagten die Kirche genau nach Plan in die Luft. Zuvor hatten sie die Udligenswiler in Merkblättern aufgefordert, die Fensterläden zu schliessen und die Fenster zu öffnen. Es ging dann auch kein Glas zu Bruch. Doch so richtig wohl schien es dabei nicht allen Soldaten zu sein. «Ein Soldat sagte mir, er dürfe seiner Mutter zu Hause nicht erzählen, dass er an einer Kirchensprengung beteiligt war», erinnert sich Bernadette Rigert (78). Die Udligenswilerin hat alle Zeitungsartikel, Bilder und eigenen Notizen gesammelt, die das Verschwinden der 1875 im neugotischen Stil erbauten Kirche dokumentieren. «Viele Dorfbewohner versammelten sich an den drei Sprengtagen bei der Sonnmatt-Scheune. Es herrschte ein beklemmendes Gefühl. Es war nicht lustig, mitzuverfolgen, wie die Kirche dem Erdboden gleichgemacht wurde », erzählt die frühere Landwirtin. Sie hatte 1957 in der alten Kirche geheiratet.

Umstrittene Radikallösung

Die Radikallösung war im Dorf heftig umstritten. Bernadette Rigert: «Längst nicht alle fanden es richtig, die alte Kirche zu sprengen. Die Befürworter sagten, es komme günstiger, eine neue Kirche zu bauen, als die alte zu sanieren.» Die enorme wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit erreichte damals auch ländliche Gegenden, es herrschte eine technikgläubige Aufbruchstimmung. Viele Bausünden von damals sind heute noch sichtbarer Beleg dafür; der Erhalt alter Kulturgüter war nicht gross gefragt.

Die im August 1966 eingeweihte neue Dorfkirche fällt indes nicht in die Kategorie der Bausünden. «Die neue Kirche ist heller und geräumiger. Die Udligenswiler freundeten sich mit ihr an – auch mein Schwiegervater, der anfänglich demonstrativ die Sonntagsmesse in der Kapelle Haltikon besuchte», erzählt Bernadette Rigert mit einem Schmunzeln.

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