SERIE: Die Turnhalle sorgte für kleinen Dorfskandal in Adligenswil

Im alten Dorfschulhaus in Adligenswil war früher der Metzger jede Woche zu Gast. Und im Keller gab es eine Ecke für aufmüpfige Schüler

Rainer Rickenbach
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Das alte Dorfschulhaus (Aufnahme: 1930er-Jahre) stammt aus dem Jahre
1864. (Bild: PD)

Das alte Dorfschulhaus (Aufnahme: 1930er-Jahre) stammt aus dem Jahre 1864. (Bild: PD)

Das «neue» Schulhaus (unten) folgte fast hundert Jahre später. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Das «neue» Schulhaus (unten) folgte fast hundert Jahre später. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Vor dem Schulhaus haben sich mehrere Schülergruppen aufgereiht, die meisten von ihnen mit Hut auf dem Kopf. Vor der Treppe steht der Dorfschullehrer. Alle richten sie ihren Blick direkt in die Kamera. Das Bild (oben rechts) entstand wahrscheinlich in den 1930er-Jahren. Das Adligenswiler Schulhausgebäude war damals etwa 70 Jahre alt. Das Raumprogramm würde den heutigen Bildungsverantwortlichen wohl die Haare zu Berge stehen lassen: zwei Klassenzimmer, ein Musiklokal, die Gemeindekanzlei, eine Lehrerwohnung, ein Nähschulzimmer und im Keller eine Art Verlies für unartige Kinder. Am Dienstag und Freitag war jeweils ein Metzger aus Ebikon im Schulhaus zu Gast und verkaufte Fleisch.

Zwei Kachelöfen für 100 Schüler

«Drei Klassen mit insgesamt 50 bis 60 Schülern waren in einem Klassenzimmer », erinnert sich der heute 72-jährige Adligenswiler alt Gemeindeammann Hans Meier. «Im Sommer konnte es dort sehr heiss werden. Im Winter gab es pro Zimmer nur einen Kachelofen, wer weit davon entfernt seinen Platz hatte, fror.» Sieben Jahre lang ging Meier dort zur Schule. Schöne Erinnerungen würden ihn mit dem alten Haus verbinden, sagt er. Einmal musste er auf Geheiss des Lehrers ein Mädchen in den Keller führen, wo es seine Strafe im «Gäder» abzusitzen hatte. Meier erzählt schmunzelnd: «Ich habe die Tür aber hinter mir nicht geschlossen. Vielleicht ahnte ich es bereits: Beim Mädchen handelte es sich um meine spätere Ehefrau.» Meier war auch involviert, als die Adligenswiler 1960 ein neues Schulhaus errichteten. Als Lehrling installierte er elektrische Anlagen im neuen Gebäude. Beeindruckt hat ihn vor allem die Turnhalle. «Es war die erste Turnhalle im Dorf. Sie war das Grösste für uns. Denn die Halle erlaubte es, auch im Winter an unseren Turnübungen zu feilen», sagt Meier. Die neue Turnhalle sorgte indes bald für Aufregung im Dorf. Als 1964 der kantonale Turninspektor in Adligenswil aufkreuzte, störte er sich daran, dass die Kinder in normalen Werktagskleidern in der Halle unterwegs waren. Der Inspektor wies an, Knaben müssten künftig in Turnleibchen und -hosen Sport betreiben, die Mädchen in Turnkleidchen. Doch er hatte die Rechnung ohne die frommen Besucher der Werktags- Gottesdienste gemacht. Sie empfanden die sportlichen Mädchenkleider als einen Verstoss gegen die gute Sitte – und protestierten heftig. Schliesslich schaltete sich gar der Dorfpfarrer ein.

Handarbeitslehrerin fand Lösung

Es setzte ein langes Hin und Her ein. Erst geisterte die Idee umher, die Turnhalle mit Milchglasfenstern oder Vorhängen zu versehen, um den Einblick in die Halle zu verwehren. Doch der Gemeinderat winkte ab – zu teuer. Schliesslich fand die Handarbeitslehrerin einen eleganten Ausweg: Sie entwarf Pumphosen, und die Schülerinnen nähten im Handarbeitsunterricht das sittlichkeitsgerechte Turnröcklein. Die Welt in Adligenswil war wieder in Ordnung. Das alte Schulhaus wurde weiterhin genutzt, bis es 1968 der Abrissbirne zum Opfer fiel. Heute gibt es in Adligenswil zehn Schulhäuser, die Pavillons und Kindergärten mitgezählt. Der grosse Entwicklungsschub im Dorf setzte in den 1970er-Jahren ein. Er brachte die Behörden nicht nur im Schulwesen unter Zugzwang, die ganze Infrastruktur musste wegen des stürmischen Wachstums in vergleichsweise kurzer Zeit hergerichtet werden. «Das ist gut gelungen. Diese Phase findet heute gewissermassen ihre Fortsetzung, denn der Gemeinderat plant, ein Alters- und Pflegeheim zu bauen», sagt Meier.

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