SERIE: Glanz und Niedergang der Luzerner Ballszene

Üppige Ballveranstaltungen als gesellschaftliche Höhepunkte der (Vor-) Fasnacht haben Luzern geprägt. Heute dominiert die Partykultur – mit Ausnahmen.

Jérôme Martinu
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Fidelitas-Ball von 1937 im Saal des Luzerner Kunsthauses. (Bild: PD)

Fidelitas-Ball von 1937 im Saal des Luzerner Kunsthauses. (Bild: PD)

Die letztjährige Fasnachtsball-Inszenierung im Hotel Palace rund um das fiktive Paar Gisela und Ruedi. (Bild: Jérôme Martinu)

Die letztjährige Fasnachtsball-Inszenierung im Hotel Palace rund um das fiktive Paar Gisela und Ruedi. (Bild: Jérôme Martinu)

«Gäll, du könnsch mi ned?» Das lustvolle Maskentreiben während der Vorfasnachtszeit in der Stadt Luzern ist praktisch ausgestorben. Längst vorbei sind die Zeiten der traditionell- üppigen Fasnachtsbälle in den grossen Sälen, die massenweise Publikum anzogen. Nicht dass die Vorfasnacht tot wäre. Die Anlassdichte ist, zumindest in der Agglomeration und auf der Landschaft, nach wie vor gross. Die Charaktere der Anlässe haben sich indes gewandelt: DJ statt Livemusik, bunte Lichter statt aufwendiger, mottogerechter und selbst hergestellter Dekorationen. Jüngstes Opfer des Ballsterbens: der 2004 unter der Federführung des Lozärner Fasnachtskomitees (LFK) im Hotel Schweizerhof ins Leben gerufene Lozärner Fasnachtsball. Die im Zweijahresrhythmus organisierte Vorfasnachtsveranstaltung findet nicht mehr statt. Der LFK-Medienverantwortliche Bruno Spörri sagt: «Es mangelte schlicht und einfach am Publikumsinteresse.»

Start im 19. Jahrhundert

Die städtische Ballkultur begann im frühen 19. Jahrhundert. Sie erlebte ihre Glanzzeiten um die Jahrhundertwende, in den 1920er-Jahren und in den 1950erund 1960er-Jahren, wie in Band 2 des Geschichtswerks «Der Kanton Luzern im 20. Jahrhundert» nachzulesen ist. Die Bälle waren Höhepunkte des Gesellschaftslebens: «Tanz sowie intrigierende und neckende Masken machten sie zu glamourösen Ereignissen. Hier traf sich ganz Luzern», schreibt die Historikerin Beatrice Schumacher. Bevor es zu einer sozialen Ausweitung kam, war die Welt der Bälle eine recht hierarchisch-elitäre. Mit der Vergabe der Ballrechte hatte sich auch der Regierungsrat zu befassen.

542 Franken Gage für zwei Bands

Die Schauplätze waren unter anderem Kunsthaus, Kursaal, Union und Rütli- Saal. Nebst den Bällen der Theater- und Musikgesellschaft oder der Maskenliebhaber spielten diejenigen der 1892 gegründeten Gesellschaft Fidelitas Lucernensis eine wichtige Rolle. Den ersten öffentlichen Ball veranstaltete die Fidelitas 1904, wie in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen dokumentiert ist. In der Folge blieben die Fidelitasbälle vom Güdismontag bis in die 1990er-Jahre ein Fixpunkt im Maskenballkalender. Sie waren vor allem auch bekannt für ihre üppigen Saaldekorationen. Interessante Details sind vom Ball im Kunsthaus 1942 überliefert: Die beiden Musikformationen verlangten zusammen «Fr. 542.50 für pausenloses Musizieren von abends acht bis morgens sechs Uhr». Das Bier kostete 30 Rappen, die Flasche Châteauneuf- du-Pape 1934 einen Fünfliber.

«Auf die Strasse verlagert»

Franco-Gino Paravicini, Archivar der Fidelitas, sagt zur Gegenwart: «Die Ballszene ist gestorben, die Fasnacht hat sich auf die Strasse verlagert.» Darum ist es für die Gesellschaft derzeit auch kein Thema, ihre Bälle wiederzubeleben. «Das Rüsako-Fest am Fasnachtssamstag unter der Egg ist heute unsere Domäne», so Paravicini. «An diesem Anlass generieren wir auch die Mittel, um die seit Jahrzehnten bestehende Tradition der Unterstützung gemeinnütziger Projekte zu finanzieren.» Nebst der Verlagerung gibt es einen weiteren Grund für den Niedergang der Ballkultur. Für Marco Thomann, langjähriger Co-Moderator der SRF-Umzugsübertragung und Mitglied der Guuggenmusig Alti Garde, ist das Missverhältnis zwischen Aufwand und finanziellem Ertrag zunehmend grösser geworden: «Heute ist die Formel für eine gefüllte Vereinskasse einfacher: Man nehme ein Festzelt, fünf Guuggenmusigen und stelle eine Kaffeehütte auf. Wesentlich einfacher im Aufwand und ergiebiger im Ertrag.» Weil Thomann und der in Guuggerkreisen nicht weniger bekannte Beat Felder die Maskenbälle vermissten, lancierten sie 2012 eine neuartige Fasnachtsveranstaltung – eine Mischung aus Maskenball, Seifenoper und Esstheater. Für diesen wohl speziellsten Fasnachtsball Luzerns, aufgehängt am fiktiven Paar Gisela und Ruedi, gibt es jeweils nur 200 exklusive Tickets. Am Samstag, 25. Januar, geht die Sause zum dritten Mal über die Bühne. Ruedis unehelicher, überraschend aufgetauchter Sohn Ernschtli feiert seinen 8. Geburtstag. Der Kindergeburtstag ist ausverkauft.

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