SERIE: Glocken läuten dank Spende der Queen

Vor über 150 Jahren wurde die Matthäuskirche Luzern erbaut. Sie ist die älteste reformierte Kirche der Zentralschweiz.

Susanne Balli
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Die Matthäuskirche an der Hertensteinstrasse hinter dem Hotel Schweizerhof in der Stadt Luzern. (Archivbild Neue LZ)

Die Matthäuskirche an der Hertensteinstrasse hinter dem Hotel Schweizerhof in der Stadt Luzern. (Archivbild Neue LZ)

Die reformierte Matthäuskirche in der Stadt Luzern hat eine bewegte Geschichte. Am 29. September 1861 wurde die Kirche an der Hertensteinstrasse hinter dem Hotel Schweizerhof feierlich eingeweiht. Der Weg bis dahin war für die damalige reformierte Gemeinde lang. Luzern war eine katholische Hochburg, und die Reformierten galten als eine religiöse Minderheit. Über Jahrhunderte wurden im Kanton Luzern alle reformatorischen Aufbrüche unterdrückt. Am 15. April 1827 konnte schliesslich die erste schweizerische reformierte Diaspora-Gemeinde gegründet werden.

Reformierte Gäste aus dem Ausland

Das Bedürfnis nach einer eigenen Kirche wurde in der aufblühenden Touristenstadt Luzern aber immer grösser. Denn zahlreiche reformierte Gäste aus Deutschland und England übernachteten im Hotel Schweizerhof und wollten wissen, wo es für sie eine Kirche gibt.

Bis die Reformierten den Gottesdienst aber in ihrer eigenen Kirche feiern durften, vergingen noch etliche Jahre. Sie mussten sich mit einer kleinen Kapelle hinter der Rössligasse 14 begnügen. Der Stadtrat stellte sie der kleinen protestantischen Gemeinde zur Verfügung.

Nicht jeder Standort war erwünscht

Die Regierungen von Luzern, Zürich, Bern und Basel erklärten sich 1857 damit einverstanden, dass in Luzern eine reformierte Kirche gebaut werden darf. Ein Vorschlag stand im Raum, die Kirche in der Nähe des heutigen Versicherungsgerichtes zu bauen. Das passte dem Leodegarstift nicht, sollten doch die Katholiken auf ihrem Weg zur Hofkathedrale nicht an einer reformierten Kirche vorbeigehen. Der damalige Besitzer des Hotels Schweizerhof stellte schliesslich ein Areal neben dem Hotel zur Verfügung und verkaufte es den Reformierten.

Fenster mit Wappen der Kantone

Noch gab es aber viele Hürden zu nehmen. Auch der Bau musste finanziert werden können. Schliesslich konnte die Kirche dank finanzieller Unterstützung aus der ganzen Schweiz gebaut werden. Es kamen Spenden aus der Gemeinde und den protestantischen Kantonen Zürich und Bern zusammen. Und die Bundesversammlung überreichte der reformierten Kirchgemeinde 25 000 Franken für den Bau der neugotischen Kirche, die aus der Feder des Zürcher Architekten Ferdinand Stadler stammt. In Erinnerung an die Unterstützung durch den Bund sind in den Seitenfenstern der Kirche die Wappen von 22 Kantonen dargestellt.

Entstanden ist eine dreischiffige, neugotische Basilika nach englischem Vorbild. Am Eingang der Kirche erinnert ein in Sandstein gehauenes Relief an den Luzerner Reformatoren und Humanisten Oswald Geisshüsler, genannt Myconius, der von 1488 bis 1552 lebte und die Hofschule in Luzern von 1519 bis 1523 leitete, dann aber wegen Anfeindungen nach Zürich und Basel ging.

Hier liess sich Wagner trauen

Die erste reformierte Kirche wurde zur religiösen Heimat für rund 1000 Reformierte in der Zentralschweiz und lockte auch prominente Gäste an. So logierte die englische Königin Viktoria 1868 in Luzern. Für sie wurde in der Kirche extra eine Bank gepolstert. Zum Dank dafür spendete sie einen grosszügigen Beitrag für die Anschaffung von vier Glocken. 1870 liess sich der damals in Luzern lebende Komponist Richard Wagner nach Jahren der «wilden Ehe» mit Cosima Liszt in der Matthäuskirche trauen.

«Feierliche Atmosphäre»

Heute zählt die Stadt Luzern gegen 9000 Reformierte. Beat Hänni ist im sechsten Jahr als reformierter Pfarrer in der Matthäuskirche und im Myconiushaus an der St.-Karli-Strasse 49 tätig. «In dieser kurzen Zeit ist mir die Mat­thäuskirche sehr lieb geworden», sagt er. Es herrsche eine besonders feierliche Atmosphäre in der Kirche. «Dazu trägt auch der neugotische Stil massgebend bei, aber auch das grosse, farbige Glasfenster im Chor, das die vier Evangelisten zeigt», so Hänni.

Flexible Nutzung

Viele Kirchgänger fühlen sich wohl in der Matthäuskirche, «weil sie in ihrer Feierlichkeit gleichzeitig eine gewisse Anonymität bietet, was in einer städtischen Umgebung vielen wichtig ist». Die Kirche biete sich besonders für feierliche Gottesdienste an, wobei auch die Kirchenmusik eine wichtige Rolle spiele. «Dank flexibler Bestuhlung und flexiblem Abendmahltisch kann die Kirche vielfältig genutzt werden, zum Beispiel für Lesungen, Chorauftritte, die sehr beliebten ökumenischen Theatergottesdienste oder für Ausstellungen.» Die Matthäuskirche sei eine City- und Kulturkirche, «die auch Gemeindekirche ist».

Hinweis

Noch bis am 14. Mais steht vor der Matthäus­kirche ein sogenanntes Kanalrohrkaleidoskop, durch das alle Interessierten schauen können. Künstlerin Claudia Weber hat das Kaleidoskop aus einem Abwasser-Kanalrohr geschaffen.

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