Luzerner Sexarbeiterinnen sind wegen Corona in Not

Das Virus bedroht das älteste Gewerbe. Vielen Prostituierten in der Region Luzern droht die Armut.

Sandra Monika Ziegler
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Der Strassenstrich im Gebiet Ibach.

Der Strassenstrich im Gebiet Ibach.

Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 30. Januar 2013)

Der Strassenstrich im Luzerner Industriequartier Ibach ist geschlossen. Für die Sexarbeiterinnen gibt es dort nichts mehr zu tun. Einige von ihnen reisten in ihre Heimat, anderen fehlt das Geld dazu, und sie harren deshalb aus.

Mediensprecher Christian Bertschi von der Luzerner Polizei: «Wir haben vor rund zwei Wochen bei den Sexarbeiterinnen vorgesprochen und ihnen empfohlen, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Seither patrouillieren wir regelmässig, sowohl im Ibach wie auch an anderen Orten der Prostitution. Wir haben keine besonderen Feststellungen von Vergehen gegen die Verordnung des Bundesrates bezüglich des Coronavirus gemacht.» Das heisst:

«Wir stellen so gut wie keine Personen mehr fest an diesen Orten.»

Besuch von der Polizei bekamen auch Sexarbeiterinnen, die im Salon oder zu Hause arbeiten. «Bei uns kam die Polizei vorbei und sagte, dass wir nicht mehr arbeiten dürfen», sagt eine Prostituierte, die ihren Salon in der Luzerner Agglomeration betreibt. Für sie und die beiden anderen Frauen, die mit ihr im Salon arbeiten, sei dies sehr hart. Sie selber sei seit 25 Jahren in der Schweiz, habe neben dem Salon auch die Wohnungsmiete zu stemmen. Noch reiche das Geld, doch lange könne sie nicht durchhalten.

Nicht nur Arbeit, sondern auch Unterkunft geht verloren

Zur aktuellen Situation sagt Birgitte Snefstrup: «Die Frauen wohnen in der Regel im Etablissement. Diese sind jetzt geschlossen. Was bedeutet, dass sie nicht nur die Arbeit, sondern vermutlich auch die Unterkunft verlieren. Einige sind eventuell nicht in der Lage, ihre Heimreise zu finanzieren und stecken nun zwischen Stuhl und Bank.» Snefstrup ist in der Geschäftsleitung des Vereins Lisa. Der Verein betreibt das Beratungsangebot «Hotspot» im Ibach und setzt sich ein für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituationen von Sexarbeitenden in Luzern ein.

Der Verein hat bereits einigen Frauen die Heimreise organisieren können. Doch was tun, wenn die hohen Mieten nicht mehr bezahlt werden können? «Ich hoffe auf das Entgegenkommen meiner Vermieterin. Schliesslich zahle ich seit 16 Jahren pünktlich den Zins», sagt die eingangs erwähnte Sexarbeiterin. Es geht ihr schlecht, sie sei einfach nur blockiert, nichts gehe mehr. Von einer Kollegin wisse sie, dass diese trotz Verbot weiter arbeite. «Was soll sie tun? Sie braucht das Geld. Ich würde das nie machen, ich habe zu grosse Angst vor einer Ansteckung», erklärt die Sexarbeiterin weiter.

Vor allem Migrantinnen sind betroffen

Auch Snefstrup befürchtet, dass es Frauen gibt, die trotz Verbot arbeiten, um so wenigstens das Nötigste finanzieren zu können. Von den aktuellen Corona-Massnahmen sind die Sexarbeiterinnen stark betroffen. «Die Frauen haben von einem Tag auf den andern ihre Arbeit und damit ihre Existenzgrundlage verloren». Mehrheitlich sind es Migratinnen, die in Betrieben arbeiten oder auf der Strasse. Snefstrup:

«Den meisten fehlt es an einem Arbeitsvertrag, sie haben keinen Arbeitnehmerschutz.»

Es sei dringend nötig, dass schnell und unbürokratisch geholfen werde. In Bern etwa habe die Regierung alle Salonbetreiber aufgefordert, die Frauen trotz geschlossenem Betrieb gratis oder zumindest günstig weiter dort wohnen zu lassen. «Das versuchten wir auch bei den zuständigen Luzerner Behörden zu erreichen, doch bisher ohne Erfolg», sagt Birgitte Snefstrup.

Als nächstes werden für die Frauen Gesuche um Erwerbsersatz gestellt, erklärt Snefstrup. Die Arbeitssituation der Sexarbeiterinnen sei sehr kompliziert geregelt, oft wüssten die Frauen gar nicht Bescheid über ihre Rechte und Pflichten.

Wie viele Personen betroffen sind, kann Snefstrup nicht sagen: «Es melden sich nach und nach Frauen bei uns, einige kannten wir zuvor gar nicht. Wir versuchen zu helfen, wo es geht.» Dabei wird der Verein von Prokore, der Dachorganisation der NGOs im Bereich Sexarbeit, unterstützt. Diese bemüht sich, die vielen Fragen auf nationaler Ebene zu klären.