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Sie fischten vor dem Löwendenkmal nach Geld – und fanden täglich bis zu 600 Franken im Teich

Auch in Luzern werfen Touristen Geld in Brunnen und Teiche. Drei Luzernerinnen machten dies zunutze – und staunten über die reiche Ausbeute. Das beste dabei: Das Geld-Fischen ist absolut legal.
Jana Avanzini
Münzen aus allen Ländern liegen am Grund des Teichs vor dem Löwendenkmal. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 19. Januar 2019)

Münzen aus allen Ländern liegen am Grund des Teichs vor dem Löwendenkmal. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 19. Januar 2019)

Das alte Sprichwort «Das Geld liegt auf der Strasse» müsste man für diese Geschichte leicht anpassen. «Das Geld liegt im Weiher», müsste es in der Stadt Luzern heissen. Denn täglich opfern Massen von Touristen dem Weiher vor dem steinernen Löwen ihre Münzen. Rupien, Yen, Euro und oft auch Franken. Unter dem Löwendenkmal glitzern sie im Wasser und mit den Tagen und Wochen setzen die Algen an.

Tagsüber dominieren Selfiesticks und chinesische Touristenführer. Abends bleiben die Bänke am Rand des Weihers meist leer. Eine gute Voraussetzung, um sich hier nachts das Taschengeld aufzubessern, dachten sich da drei junge Frauen aus Luzern. Ein ganz pragmatischer Entscheid sei es gewesen, die Kleider abzulegen und in den Weiher zu steigen, sagt Lou, die in Wirklichkeit anders heisst. Sie wollten eigentlich nur ihr Sackgeld mit ein paar Fünflibern aufbessern, doch die «Ernte» fiel um einiges grösser aus als erwartet.

Selecta-Automat dient als Geldwasch-Anlage

Der Weiher sei nicht tief und Licht auch nachts genug vorhanden. Mit den Händen schaufelten sie unter der Wasseroberfläche die grösseren Münzen zu Haufen zusammen, schoben diese Richtung Beckenrand und hoben sie auf den gepflasterten Platz.

In der ersten Nacht waren es 400 Franken, die sie aus dem Weiher fischten. Beim zweiten Mal, nun ausgerüstet mit Taucherbrille und Plastiksack, waren es gar 600.

Beim nächsten Ausflug erneut 400 Franken. Die drei versuchten herauszufinden, wann der künstlich angelegte Weiher gereinigt wird. Zuhause, unter Lous Bett, sammelten sich mittlerweile haufenweise Münzen. Ein Karton voll mit fremdländischen Währungen und ein anderer Karton mit algenbewachsenen Schweizer Franken. Um nicht aufzufallen fingen sie an, einzelne dieser dreckigen Münzen unter ihr Sackgeld zu mischen. Bis die rettende Idee auftauchte: Die drei machten den Selecta-Automat beim Löwenzentrum zur «Geldwasch-Anlage». Bis zu 20 Franken Glücks-Münzen landeten im Schlitz, angewählt wurde ein möglichst günstiges Produkt, und heraus kam der Rest in sauberen Münzen.

Mittlerweile haben die Drei ihre nächtlichen Tauchgänge eingestellt. Sie verdienen ihr Geld nun weniger abenteuerlich – als Lehrerinnen. Der Schuhkarton mit den ausländischen Münzen landete beim letzten Umzug im Abfall. Doch hört man sich in der Stadt um, scheinen sie nicht die einzigen zu sein, die mit den «Glücks-Opfern» der Touristen bares Geld verdienen.

Wer die Münze wegwirft, dem gehört sie nicht mehr

Der Polizei ist das Thema neu. Von illegalem Schnorcheln auf städtischem Grund bestehen in den polizeilichen Akten keine Zeugnisse. Nach einer rechtlichen Abklärung kann Kurt Graf von der Luzerner Polizei sogar Entwarnung geben: Beim Münzentauchen vor dem Löwendenkmal macht man sich keiner Straftat schuldig. Denn wer Münzen in einen Brunnen oder Weiher wirft, gibt seinen Eigentumsanspruch auf.

Sollte jedoch ein amtliches Badeverbot bestehen, dann könne es sich beim «Betreten des Weihers» um Haus- oder Landfriedensbruch handeln. Doch auch das ist im Fall des Löwendenkmals kein Problem. Ein amtliches Verbot existiert nicht. Also alles komplett legal. Lou und ihre Freundinnen hätten ganz gut auch tagsüber nach den Münzen tauchen können.

Touristen werfen Münzen in den Teich des Löwendenkmals. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 19. Januar 2019)

Touristen werfen Münzen in den Teich des Löwendenkmals. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 19. Januar 2019)

Stadt schenkt die Münzen der Brändi-Stiftung

Doch was geschieht eigentlich mit denjenigen Münzen, die nicht von Glückstauchern herausgefischt werden? Sie werden normalerweise zweimal im Jahr von Angestellten der Stadtgärtnerei eingesammelt, wenn das Wasser des künstlichen Weihers für die Reinigung komplett abgelassen wird. Die Münzen werden unsortiert und ungeputzt einer gemeinnützigen Institution übergeben.

Die Verwendung des Geldes sei offiziell nirgends festgeschrieben, sagt Fritz Bächle von der Stadtgärtnerei. Doch seit er davon wisse, seit bestimmt über zehn Jahren, landen die Eimer voller Münzen jeweils bei der Stiftung Brändi. Dort möchte man über die Höhe der Opfergaben keine Auskunft geben. Es handle sich aber bestimmt um einen schönen Betrag, schätzt man bei der Stadtgärtnerei.


Interview mit Volkskundler Kurt Lussi

Dass Münzen ins Wasser geworfen werden, ist kein Luzerner Phänomen. Überall auf der Welt gibt es Touristen, die das tun. Das bekannteste Beispiel ist wohl der Trevi-Brunnen in Rom. Dort sollen sich jährlich weit über 1 Million Euro ansammeln.

Volkskundler Kurt Lussi(Bild: Manuela Jans-Koch)

Volkskundler Kurt Lussi
(Bild: Manuela Jans-Koch)

Doch was treibt Menschen dazu, sich auf diese Weise ihres Geldes zu entledigen? Wir haben bei Kurt Lussi nachgefragt, der bis vor Kurzem im Historischen Museum Luzern als Kurator für Volkskunde tätig war.

Kurt Lussi, weshalb werfen Leute Geld in Brunnen?

Das Opfern von Münzen in Quellen – und heute auch in Teichen und Brunnen – hat seinen Ursprung in vorchristlichen Quellenkulten. Quellen gelten als Zugänge zum Jenseits, die Menschen haben seit frühester Zeit eine heilige Scheu davor. Gottheiten, Geister und Dämonen sollen darin wohnen, die sowohl Nutzen, als auch Schaden bringen können. In späterer Zeit kamen die Heiligen der Kirche dazu. Und diesen bringt man Opfer dar.

Haben Sie konkrete Beispiele für solche Geister und Dämonen?

Die gibt es zuhauf in der Sagenwelt der Zentralschweiz. Im Pilatussee wohnt der unruhige Geist des römischen Landpflegers Pilatus. Auf ihn wurden die verheerenden Überschwemmungen durch den Krienbach zurückgeführt

Und solchen Geistern und Gottheiten opfert man Geld?

In vielen Sagen des Alpenraums finden sich Hinweise, dass es ursprünglich Menschenopfer waren, später Brot und Votivgaben aus Bronze. In christlicher Zeit waren es Kerzen – wie heute noch in Werthenstein und Luthernbad – und schliesslich auch Münzen, die man noch heute in Brunnen wirft. All das soll die höheren Mächte beschwichtigen oder zum Eingreifen bewegen. In Unkenntnis der Entstehung werden heute vor allem Münzen in Brunnen geworfen, um das Glück in Liebes- und anderen Dingen zu beschwören. Oft werfen Menschen jedoch auch Geldstücke in die Brunnen, weil es die Umstehenden tun.

Seit wann werden auch dem Löwendenkmal Opfer gebracht?

Wann das erste Mal Münzen in den Brunnen beim Löwendenkmal geworfen wurden, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Möglicherweise war dies schon unmittelbar nach der Fertigstellung der Anlage der Fall - vielleicht als Opfer oder zur Erinnerung an die zu Beginn der französischen Revolution gefallenen Schweizergardisten. Zu einem Massenphänomen wurde dann das Hineinwerfen von Münzen in bedeutende Brunnen im Zuge des nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Massentourismus. Es ist vergleichbar mit der gottlob wieder abebbenden Unsitte, als Zeichen einer scheinbar ewigen, in vielen Fällen jedoch auf ein paar Monate oder Jahre begrenzten, Liebe die Brückengeländer mit Schlössern zu behängen.

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