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Sie fuhr U-Boot in San Francisco und spielte in Las Vegas um Geld: Anna Suter (85) teilt ihre schönsten Ferienerinnerungen

In der Sommerserie «Der schönste Sommer meines Lebens» gehen wir von Altersheim zu Altersheim und besuchen Luzerner Seniorinnen und Senioren. Statt sie mit Fragen zu durchlöchern, lassen wir sie einfach mal erzählen. Hören zu, schreiben auf.

Livia Fischer
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«Die Geschichte geht etwa 45 Jahre zurück», beginnt Anna Suter das Gespräch. Die 85-Jährige sitzt an einem kleinen Tisch in ihrem Zimmer im Haus für Pflege und Betreuung Seeblick in Sursee. Bald wird sie von dem schönsten Sommer ihres Lebens erzählen – einer Reise in die USA.

Zwei Wochen lang Nordamerika. So weit war Suter davor noch nie geflogen, erklärt sie. Der Grund für die Reise: Ihr Sohn Roman studierte damals in Seattle. Gemeinsam mit ihrem Mann besuchte sie ihn, Treffpunkt war San Francisco.

Anna Suter hat viele schöne Erinnerungen an ihre erste USA-Reise.

Anna Suter hat viele schöne Erinnerungen an ihre erste USA-Reise.


Bild: Eveline Beerkircher (Sursee, 20. Juli 2020)

Kaum waren wir da, sagte mein Sohn zu mir: «Mami, du hast doch immer gesagt, du würdest gerne in einem U-Boot fahren.» Er habe hier einen Kapitän getroffen, der würde mich mitnehmen. Am nächsten Tag durfte ich ihn also begleiten. Eine lange Leiter führte ins Boot hinunter. «Jesses Gott am Vater, das isch denn schmal do unä», habe ich mir nur gedacht. Zum Glück war ich da noch schlank und passte überall hindurch (lacht). Im Boot gab es Schlaf- und Essensplätze für vier Personen. Die Besetzung beantwortete mir meine Fragen, und nachdem ich alles gesehen hatte, sagte ich zu ihnen: «So, jetzt bin ich mal da unten gewesen. Jetzt könnt ihr mich wieder hinaufbringen.» Das war wirklich ein ganz eindrückliches Erlebnis.

Hässliche Schale, schöner Kern

Noch immer zeigt sich Suter fasziniert. Nicht nur vom Abenteuer im U-Boot, sondern von ganz San Francisco. Es sei eine schöne Stadt – «immer, wenn man meint, man ist ganz oben, geht es noch weiter hinauf», erinnert sie sich lachend. Dann führt sie ihre Geschichte fort. Das Schmunzeln auf ihren Lippen bleibt.

An einem Nachmittag liefen wir an einer Strasse entlang, da gab es ganz viele Läden. Vor einem stand ein grosser Eimer voller Muscheln, eine kostete acht Dollar. Ein Herr rief aus, in jeder Muschel befinde sich eine Perle. Ich solle mir eine aussuchen, meinte mein Sohn. Also schaute ich da durch – da sah ich eine wirklich ganz hässliche Muschel. Für mich war klar: Die will ich. Fassungslos sagte mein Mann zu mir: «Goht's no? Öpis Wüeschters hättsch du jo nüme chönne uswähle.» Ich aber war überzeugt und entgegnete: «Jawoll. Aber ich will die jetzt.» Wir machten die Muschel auf – und da war eine wunderschöne Perle drin.

Der Verkäufer war sichtlich erstaunt, fast schon erschrocken. Er meinte, wenn er das gewusst hätte, hätte er diese Muschel nicht in den Eimer getan. Wir kauften für die Perle eine schöne Fassung, am nächsten Tag holten wir sie ab. Als der Muschelverkäufer uns kommen sah, machte er eine Riesensache daraus, prahlte lauthals mit unserer schönen Perle, um mehr Kunden zu gewinnen. Es funktionierte. Im Nu war der Eimer leer, und alle dachten, sie hätten jetzt auch so ein Prachtexemplar wie ich. In allen anderen waren aber nur so kleine Perlen drin. Das war schon lustig, wir haben uns köstlich amüsiert.

Im Kopf sind die Bilder immer noch präsent

Nach dem Aufenthalt in San Francisco ging es weiter nach Las Vegas. Suter erzählt von den Spielautomaten im Casino und davon, wie sie – anders als ihre beiden Männer – «nie gewonnen, nur verloren» habe. Sie mag sich auch noch gut an ein Naturschutzgebiet erinnern; wo genau das war, weiss sie allerdings nicht mehr. Sie habe aber einen kleinen Bären am Strassenrand gesehen, meint sie immer noch ein bisschen aufgeregt und streckt zur Veranschaulichung die Hand etwa eineinhalb Meter über dem Boden aus. Ebenfalls im Gedächtnis blieb ihr eine «riesengrosse Sägerei», an der sie auf der Durchreise vorbeifuhren. Als letzten Ort besuchten Suter, ihr Mann und ihr Sohn schliesslich Seattle, dann ging es für das Ehepaar zurück in die Schweiz.

Anna Suter in ihrem Zimmer im Altersheim Seeblick in Sursee.

Anna Suter in ihrem Zimmer im Altersheim Seeblick in Sursee.


Bild: Eveline Beerkircher (Sursee, 20. Juli 2020)

Das alles sind so Erlebnisse, die kommen mir immer wieder in den Sinn. Ich habe sie sogar mal aufgeschrieben. Diese Papiere habe ich zusammen mit all den Fotos, die ich gemacht habe, und der schönen Perle aus San Francisco in meinem Stehtisch zu Hause verstaut. Ziel war es, die Briefe und die Fotos irgendwann mal in ein Buch zu kleben.

Es blieb beim Vorhaben. An ihrem 84. Geburtstag stürzte Anna Suter in ihrem Haus in Beromünster und konnte nicht mehr alleine aufstehen. Daraufhin wurde sie ins Spital Sursee gebracht, anschliessend ins gegenüberliegende Betagtenzentrum. Bei der Hausräumung gingen all die Souvenirs ihrer USA-Reisen – Suter war danach noch sechs weitere Male dort, weil ihr Sohn nahe Seattle eine Familie gegründet hat– verloren. Die Erinnerungen in Form von Fotos und den Briefen sind also weg. Suter versichert aber: «In meinem Kopf habe ich alle Bilder noch.»

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