Horwer Geigerin gewinnt Wettbewerb
vom Wohnzimmer aus

Ein Lichtblick in dunkler Coronazeit: Die Geigerin Eveline Meier aus Horw gewinnt von Budapest aus einen Musikwettbewerb in Spanien.

Urs Mattenberger
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Die siegreiche Geigerin Eveline Meier beim Einspielen einer Konzertpassage für den Online-Wettbewerb.

Die siegreiche Geigerin Eveline Meier beim Einspielen einer Konzertpassage für den Online-Wettbewerb.  

Bild: PD

So zynisch es klingen mag: Sogar in der Coronakrise gibt es Gewinner. Im Fall der Horwer Musikerin Eveline Meier gilt das wörtlich: Die Geigerin, die seit fünf Jahren an der Liszt-Akademie in Budapest Geige und Bratsche studiert, nutzte die Wohnzimmerquarantäne, um an ei­nem Wettbewerb teilzunehmen, der in Spanien speziell für die Coronazeit kreiert wurde. Dieser fand über 15 Runden hinweg ausschliesslich online statt, mit Teilnehmern aus aller Welt, die momentan eingeschlossen sind in ihren eigenen vier Wänden.

«Kürzlich erhielt ich die freudige Nachricht, dass ich beim Wettbewerb den 1. Preis erspielt habe», schrieb Meier per E-Mail an unsere Redaktion: «Als Preis wird mir in der kommenden Saison die Gelegenheit geboten, in Spanien ein Solo­-Werk mit Orchester zu spielen. Wie schön, dass es trotz trister Zeiten Lichtblicke gibt.»

Zeit zum Backen und Analysieren

Als vor vier Wochen die Grenzen noch offen waren, entschloss sich Eveline Meier, nicht nach Horw zurückzukehren, wo sie 2017 den Kulturförderpreis erhalten hatte und zuletzt am Neujahrsapéro der Gemeinde aufgetreten war. «Die Situation war damals noch weniger klar. Ich wollte nicht mein Diplomkonzert wegen einer zweiwöchigen Quarantäne aufs Spiel setzen», erzählt sie per Videotelefon. «Aber dann hat die Akademie das Konzert für unbestimmte Zeit verschoben. Auch eine von mir organisierte Kultur- und Konzertreise nach Budapest ist für 51 Schweizer ins Wasser gefallen.»

Also sass Meier in Budapest fest. Und suchte, weil sie auf das Diplomkonzert bereits gut vorbereitet war, neben dem Online-­Unterricht nach einer Beschäftigung in den eigenen vier Wänden: «Die Akademie in Budapest hatte den physischen Unterricht eine Woche früher eingestellt als die Musikhochschulen in der Schweiz. Also blieb mir nichts anderes übrig, als zu Hause zu bleiben.» Aber wie motiviert man sich, wenn man sich kaum mehr frei bewegen kann?

«Zunächst hatte ich endlich mehr Zeit, um zu backen und zu kochen», lacht Meier, die diese Leidenschaft auf Instagram dokumentiert. Musikalisch nutzt sie die Zeit, um Bachs Werke für Violine solo zu studieren: «Es gibt Analysen etwa der Chaconne, die mit Farben kenntlich machen, wie Bach zum Beispiel Motive variiert. Ich erstelle mir jetzt eine eigene Version, indem ich entsprechende Taktgruppen untereinander notiere, damit ich solche Zusammenhänge besser erkennen und beim Spielen verdeutlichen kann», erzählt sie von einem Beispiel, das auch in ihrem Online-Geigenunterricht Thema ist.

Vom Online-Unterricht zum digitalen Wettbewerb

In diesem Fernunterricht erfährt sie freilich auch die Einschränkungen, die die digitalen Medien in der Musik mit sich bringen. «Man kann per Skype an tech­nischen Details arbeiten, aber nicht am Klang», meint sie: «Und zeigen, wie man Ausdruck und Gefühle vermittelt, was für mich das Wichtigste in der Musik ist, geht per Skype ohnehin nur eingeschränkt.» Deshalb findet der Unterricht auf zwei Kanälen statt: Je einmal pro Woche per Skype und über Aufnahmen, die Eveline Meier zu Hause einspielt und ihrer Lehrerin sendet: «Da kann man eher auch klangliche Aspekte thematisieren.» Orchesterstellen üben, aufnehmen und die Aufnahmen nach Spanien schicken: So funktionierte auch der Wettbewerb, den Eveline Meier gewonnen hat. Dass man Aufnahmen einschickt, um sich für ein Vorspiel zu bewerben, ist zwar normale Praxis. Aber wie tauglich ist dieser Weg angesichts der genannten Einschränkungen für die Durchführung eines ganzen Wettbewerbs?

«Anfänglich musste ich experimentieren, wie ich mit den Handy-Aufnahmen das beste Resultat bekomme. Ich musste eine Distanz und einen Blickwinkel herausfinden, aus denen der Klang nicht zu hart klingt und sowohl die Körperhaltung als auch Details zu sehen sind.» An 15 aufeinanderfolgenden Tagen musste sie täglich eine offizielle Probespielstelle einstudieren und hochladen. Dafür erhielten die Teilnehmer von der Jury ein Tagesranking in Form von einem bis drei Sternen. Plötzlich hatte Eveline Meier viel zu tun, hatte Spass und war hoch motiviert. Obwohl sie erst am vierten Tag eingestiegen war, schwang sie am Schluss mit 30 Sternen obenauf und gewann den Wettbewerb. Wann das Kon­zert im südspanischen Almería stattfinden kann, wo ein ambitioniertes Hochschulorchester den Wettbewerb durchführte, steht allerdings ebenfalls noch in den Sternen.

Wie die Coronakrise den Musikerberuf verändert

Meier ist 24 Jahre alt. Das Berufsleben, in das sie mit – abgesagten – Vorspielen für Orchesterstellen starten wollte, liegt noch vor ihr. Was hält sie von den Veränderungen, die die Coronakrise für den Musikerberuf bedeuten könnten – vom Rückgang des Jetset-Betriebs bis hin zu mehr Online-Aktivitäten? «Ich bin ohnehin nicht Fan von extremen Reisen», lacht uns Meier aus dem Skype-Bildschirm entgegen: «Ich mag es eher, an einem Ort wie jetzt in Budapest etwas aufzubauen und wenn möglich von da aus als Kammermusikerin oder mit solistischen Auftritten tätig zu sein.» Aber sie ist überzeugt, dass von der verstärkten Online-Präsenz vieles bleiben wird. Sie denkt an Live­streams, die Menschen die Musik ins Wohnzimmer bringen, die Livekonzerte wegen Einschränkungen nicht besuchen können. Und fasziniert ist sie von Or­chestern, die jetzt ihre Musiker online zusammenschalten und so «ganze Symphonien aufnehmen».

Was das alles für sie persönlich bedeuten wird, kann sie natürlich nicht abschätzen. Der Schritt ins Berufsleben dauert jetzt ohnehin länger als vorge­sehen. Denn ihr geplantes Vorspiel bei den Bamberger Symphonikern ist wie momentan fast alles vorerst abgesagt.

Hinweis

www.evelinemeier.com