Sie lieben Schweizer Küche und meiden Sport: Luzerner Studie zeigt, wie chinesische Individualtouristen ticken

 Eine neue Studie der Hochschule Luzern bringt interessante Erkenntnisse über den wachsenden Anteil der chinesischen Touristen, die allein durch die Schweiz reisen.

Robert Knobel
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Die Berge (hier auf der Rigi) gehören zum Pflichtprogramm. Was sie konkret besuchen wollen, entscheiden chinesische Individualreisende aber sehr spontan.

Die Berge (hier auf der Rigi) gehören zum Pflichtprogramm. Was sie konkret besuchen wollen, entscheiden chinesische Individualreisende aber sehr spontan.

Pius Amrein (lz) / Luzerner Zeitung

In der Zentralschweiz haben im Jahr 2018 insgesamt 3,9 Millionen Gäste übernachtet. 10 Prozent davon waren Chinesen, wie die Statistik von Luzern Tourismus zeigt. Je nach Schätzung waren 30 bis 60 Prozent der chinesischen Gäste Individualtouristen. Doch was bewegt diese Menschen, auf eigene Faust die Schweiz zu bereisen? Welche Bedürfnisse haben sie? Diese Fragen untersuchte die Hochschule Luzern in Zusammenarbeit mit der Tourismusbranche sowie den Destinationen Luzern, Engelberg und Andermatt. Dabei sind viele spannende Erkenntnisse herausgekommen, die am Dienstag öffentlich vorgestellt wurden:

  • Weshalb kommen sie? Die chinesischen Individualtouristen suchen grösstenteils dasselbe wie die Gruppenreisenden: Berge, Sehenswürdigkeiten und Shopping. Naturerlebnisse sind ihnen wichtig – allerdings sollten diese nicht allzu anstrengend sein. Es genügt schon, auf dem Titlis Schnee zu sehen. Skifahren und Sport allgemein spielen eine untergeordnete Rolle. 
  • Was essen sie? Das Klischee ist nicht ganz falsch: Gruppenreisende verpflegen sich oft möglichst günstig in speziell dafür ausgerichteten asiatischen Restaurants. Individuell reisende Chinesen sind hingegen sehr offen für Neues und probieren gerne auch die lokale Küche aus. Insbesondere für Gourmet-Angebote sind sie bereit, entsprechend tief in die Tasche zu greifen. Sie informieren sich dabei stark über Social Media. Wer seine Menus auf Instagram attraktiv präsentiert, hat also bei chinesischen Touristen gute Chancen. 
  • Wie planen sie ihren Besuch? Wer in China einen Privattrip in die Schweiz plant, bereitet sich akribisch darauf vor. Man ist umfassend informiert über die Möglichkeiten, Angebote und Optionen in der Schweiz. Allerdings: Den Entscheid, was sie nun tatsächlich besuchen oder konsumieren wollen, treffen die meisten spontan vor Ort. Diese Erkenntnis musste die Schweizer Tourismusbranche kürzlich teuer bezahlen: Auf Fliggy, dem Reiseportal des chinesischen Internetriesen Alibaba, versuchte man, Gesamt-Packages an reisewillige Chinesen zu verkaufen. Das Ziel: Hotels, Seilbahnen, Ausflüge und Aktivitäten sollten bereits in China zu einem Pauschalpreis gebucht werden. Doch das Angebot floppte. «Es ist praktisch unmöglich, solche Pakete im Voraus zu verkaufen», sagt Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern. Weshalb sich Chinesen nicht festlegen wollen, hat vor allem mit dem Preis zu tun: Sie wollen sich alle Optionen für möglichst vorteilhafte Bedingungen offen lassen und entscheiden daher erst im letzten Moment.
  • Wieviel Geld geben sie aus? Gruppenreisende geben im Schnitt 520 Franken pro Tag aus. Ein grosser Teil davon entfällt aufs Shopping. Bei Individualgästen spielt Shopping eine weniger zentrale Rolle. Insgesamt geben sie aber sogar etwas mehr Geld aus, nämlich 545 Franken pro Tag.
  • Wie reisen sie? Individualtouristen sind hauptsächlich per Zug unterwegs. Mietwagen spielen eine untergeordnete Rolle. Hingegen nutzen praktisch alle für einzelne Ausflüge einen Reisebus. Teilweise reisen sie für einzelne Strecken gemeinsam mit Pauschaltouristen.
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