Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Sie sind herzlich, aber auch bestimmt – auf Patrouille mit der Luzerner SIP

Lange war sie umstritten, heute ist die Sicherheitstruppe SIP etabliert. Dass man die Zweierpatrouillen in der Stadt Luzern inzwischen kennt, erleichtert ihre Arbeit. Das zeigt sich an einem Abend, an dem unsere Zeitung zwei SIP-Mitarbeiter begleitet.
Gina Bachmann
Die SIP im Einsatz: Simona und Peter auf dem Inseli (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern 16. August 2019)

Die SIP im Einsatz: Simona und Peter auf dem Inseli (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern 16. August 2019)

Teure Anzüge, schillernde Abendkleider – vor dem KKL wartet das Publikum auf den Einlass. Touristen drängeln durch die Masse, vom Seeufer her ertönt Hip-Hop, Junge trinken Bier auf den Bootsstegen. Auf dem Inseli haben es sich Familien auf der Wiese gemütlich gemacht, Rentner sitzen auf den Bänkli, ein ungepflegter junger Mann verlässt hastig die öffentliche Toilette beim Car-Parkplatz.

Auch Simona und Peter sind an diesem Abend Mitte August auf dem Inseli unterwegs. Das Mosaik aus Menschen und Interessen im öffentlichen Raum, das ist ihr Metier. Die blauen Jacken geben sie als Mitarbeitende der städtischen Sicherheitstruppe SIP zu erkennen. Ob sie einem lieb sind oder nicht, die halbuniformierten Zweierpatrouillen gehören längst zum Luzerner Stadtbild. Ihr Auftrag: Dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Gruppen reibungslos aneinander vorbeikommen, dass auch an diesem Abend alles friedlich bleibt.

SIP als Antwort auf Drogenszene im Vögeligärtli

2005. Die SIP ist noch völlig unbekannt. Sie ist noch nicht mehr als ein Pilotprojekt, initiiert von der damaligen Sicherheitsdirektorin Ursula Stämmer (SP). Sie will die Situation im Vögeligärtli beruhigen, wo seit einiger Zeit vermehrt gedealt und konsumiert wird. Während bürgerliche Politiker mehr Repression fordern, setzt Stämmer auf ein Konzept, das in Zürich bereits etabliert ist und das der Einheit ihren Namen verleiht: Sicherheit, Intervention, Prävention. Im Gegensatz zu einer polizeilichen Einheit darf die SIP weder Bussen erteilen noch Gewalt ausüben. Viel mehr soll sie soziale Probleme frühzeitig erkennen und Konflikte im öffentlichen Raum durch Vermittlung lösen. Das Projekt SIP wird vom Stadtrat vorerst für zwei Jahre bewilligt, danach definitiv eingeführt.

Heute haben sich die Menschen, die sich oft auf Luzerns öffentlichen Plätzen aufhalten, an die SIP-Mitarbeiter gewöhnt. Einige kennen sie gar mit Vornamen. So etwa Flo, 24. Hier begrüssen sie ihn gerade:

«Hallo Peter», ruft Flo und winkt schon von Weitem. Er ist mit seinen Freunden oft auf dem Inseli anzutreffen. Sie trinken viel, kiffen, sind laut. Doch mit der SIP haben sie es gut. «Sie helfen uns immer», sagt Flo. Etwa gestern, da habe die SIP die nötigen Schritte eingeleitet, als es einem seiner Freunde sehr schlecht ging.

Auch auf dem Bus-Perron B des Bahnhofs Luzern, wo Drogen gedealt und konsumiert werden, kennt man die SIP-Mitarbeiter mit Namen – und umgekehrt. Simona begrüsst eine ältere Frau, Marlies, und setzt sich neben ihr auf die Bank. Die Frau zeigt Simona Fotos von ihrem Enkelkind.

Der gute Draht der SIP-Mitarbeitenden zu ihren Klienten ist nicht nur ein Nebeneffekt ihrer täglichen Präsenz. «Der freundliche und wertschätzende Umgang ist Teil unsere Arbeitsmethode», sagt Peter. Der ausgebildete soziokulturelle Animator ist seit drei Jahren bei der SIP. Er sagt:

«Menschen, mit denen wir eine gute Beziehung pflegen, akzeptieren unsere Interventionen leichter. Sie sagen dann, okay, ihr macht ja auch nur euren Job.»

Intervenieren, das kann für die SIP vieles bedeuten: Streit schlichten, Abfallsäcke verteilen...

...Spritzen aus öffentlichen WC’s entfernen, erste Hilfe leisten. Das funktioniert aber nicht immer reibungslos. SIP-Mitarbeiter werden mal belächelt, mal ignoriert, mal beschimpft. «Am Anfang braucht das Einschreiten schon Mut», sagt Simona. «Nicht alle Menschen reagieren positiv auf uns.» Die 28-Jährige ist seit acht Monaten bei der SIP. Sie hat Ethnologie studiert und unterrichtet neben der Arbeit Deutsch für Migrantinnen und Migranten. «Man muss einfach der Typ dazu sein», sagt sie. Eine Ausbildung zum SIP-Mitarbeiter gibt es nicht.

Neben der Intervention gehört zur SIP auch die Prävention. Seit einem Jahr gibt sie Abendkurse in Asylzentren, um geflüchtete Menschen auf die Regeln im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen. Auch Themen wie Sucht und Konsum werden behandelt. «Viele kommen aus Ländern, wo Alkohol nicht so einfach zu bekommen ist», sagt Peter. Hier sei es wichtig, die Personen auf die Wirkungen von Alkohol zu sensibilisieren.

Die SIP beinhaltet heute 550 Stellenprozente und kostet die Stadt jährlich rund 725 000 Franken. Dass sie eher sozialarbeiterisch als mit Repression arbeitet, stösst seit ihrer Gründung auf Kritik. 2007 versuchte die SVP die definitive Einführung der SIP zu stoppen, 2012 reichte sie gar eine Motion zu deren Abschaffung ein. Auch andere Parteien wie die CVP waren skeptisch. Die Probleme im öffentlichen Raum könnten nur mit Repression gelöst werden und das Geld solle besser zur Aufstockung des Polizeikorps gebraucht werden, monierten viele Bürgerliche.

Kontrollrundgang bei der Lukaskirche.

Kontrollrundgang bei der Lukaskirche.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Nach einem Rundgang beim Vögeligärtli sind Simona und Peter zurück beim KKL. Das Konzertpublikum ist auf dem Heimweg, die Jungen in die Clubs gezogen. Mehr Repression brauche es im öffentlichen Raum nicht, sind sich die beiden einig. «Unser Klientel und die Gassenleute wird immer geben», sagt Peter. «Und diese Gruppen haben auch ein Recht, da zu sein», ergänzt Simona und sagt zudem:

«Ein gewisses Mass an Regelverstössen müsse die Gesellschaft aushalten können.»

Während sich der Europaplatz langsam leert, steigt der Alkoholpegel der noch Anwesenden. «Der Dialog ist dann nicht mehr konstruktiv», sagt Peter. Spätestens um 24 Uhr endet deshalb der Einsatz des SIP-Teams. Im Ernstfall muss ab jetzt die Polizei einschreiten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.