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Sie tanzte wild durch eine Sommernacht, bis in die Morgenstunden hinein: Maria Steinmann (86) erzählt ihre Lieblingsgeschichte

In der Sommer-Serie «Der schönste Sommer meines Lebens» gehen wir von Altersheim zu Altersheim und besuchen Seniorinnen und Senioren. Statt sie mit Fragen zu löchern, lassen wir sie einfach mal in Ruhe erzählen. Wir hören zu und schreiben auf.

Livia Fischer
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Aus dem Radio ertönt «Mamma Mia» von Abba. Gut gelaunt steht Maria Steinmann in ihrem Zimmer, das auffallend hell eingerichtet ist. Die 86-Jährige wohnt im Wohn- und Begegnungsort Violino in Zell; früher lebte sie auf einem Bauernhof. Zuerst als kleines Mädchen bei ihren Eltern, dann zusammen mit ihrem Mann und den eigenen vier Kindern. Sie beschreibt sich als «e rächti Buurefrau». Viel Zeit für Ferien blieb darum nie – auf dem Hof gab es immer etwas zu tun. Doch an die eine Sommernacht in den 50er-Jahren mag sie sich noch genau erinnern.

Als ich 17 Jahre alt war, ging ich an einem Sonntagmittag mit meinem Vater ans bernische Ahorn-Schwinget. Dort gab es immer eine Cola und einen Nussgipfel, das war Tradition. Und ich wusste, dass danach getanzt wird – der Hauptgrund, warum ich mit wollte. Das durfte ich so natürlich aber nicht sagen (lacht). Als sich mein Vater nach dem Schwinget dann verabschiedete und heim ging, war es 17 Uhr. Ich durfte noch etwas bleiben, sollte aber spätestens zwei Stunden darauf ebenfalls zu Hause sein.

Maria Steinmann in ihrem Zimmer im Violino in Zell.

Maria Steinmann in ihrem Zimmer im Violino in Zell.

Bild: Boris Bürgisser (27. Juli 2020)

Tanzen bis zum Morgengrauen

War sie nicht. Auch um 20 Uhr nicht. Und auch nicht um 21 Uhr ... Es wurde immer später und später. Heute hat Steinmann, die sich als eine wilde Tänzerin bezeichnet, eine einfache Erklärung dafür. Es sei früher nämlich so gewesen: Immer wenn der Tanzpartner einen an den Platz zurückgebracht hat, kam schon ein anderer und sicherte sich mit «Gäll, de nöchscht denn» bereits einen weiteren Tanz zu.

Also habe ich zwei, dreien einen Tanz versprochen und traute mich nicht, diese nicht zu tanzen. So wurde das eben ein bisschen spät. Um 3 Uhr war die Musik dann endlich fertig. Ich hatte schon ein wenig ein schlechtes Gewissen, weil ich so lange geblieben bin. Aber weil ich kein Licht an meinem Velo hatte, wartete ich noch etwas länger, bis es heller wurde. Dann radelte ich mit einem Kollegen von mir, der auch am Schwinget war, nach Hause.

Steinmann macht eine kurze Pause. Sie holt Luft, fährt mit einem spitzbübischen Lächeln fort.

Gras mähen und im Garten jäten

20 Minuten später daheim angekommen, merkte ich, dass die Haustüre geschlossen war. Was habe ich also gemacht? Genau – ich kletterte über eine Holzbeige und versuchte, so in mein Zimmer zu kommen. Meine Mutter aber hörte mich, kam raus und sagte zu mir: «Mareili, chum do füre. Du chasch scho bi de Tüüre ine.» Von Schlägen keine Spur, ich wurde gar nicht bestraft.

Ganz so glimpflich kam die junge Steinmann dann aber doch nicht davon. So beauftragte ihre Mutter sie, sich umziehen zu gehen, die Sägesse zur Hand zu nehmen und damit das Futtergras zu mähen, aufzuladen und zu rächen. Begründet mit dem Satz: «Du bist ja gar noch nicht müde.»

Nach dem Zmorge um 7 Uhr ging es weiter. Wieder fragte mich meine Mutter: «Gäll, du besch no ned müed?» und ich verneinte. Also musste ich noch in den Garten, ein Beetli jäten und rumhacken – meine Mutter wollte noch Kabis setzen. Um halb neun durfte ich dann endlich ins Zimmer gehen und bis zum Mittag schlafen.

Kein Abbüssen in der Kirche

Die Seniorin lacht, wenn sie daran denkt; nimmt die Strapazen mit Humor. Auch danach habe sie Glück gehabt. Als Jugendliche musste sie am Sonntagnachmittag jeweils in die Christenlehre – dort war es verpönt, unter 18 Jahren tanzen zu gehen.

Wenn man trotzdem gegangen ist und der Pfarrer das mitbekommen hat, musste man im Gottesdienst nach vorne gehen, hinknien und etwa zehn Minuten so verharren und abbüssen. Ich aber hatte so gute Kolleginnen, sie hatten mich nicht verraten. Ich kam heil davon (lacht).

Obwohl der Abend schon so lange her ist, weiss Steinmann noch genau, wie sie sich damals gefühlt hat. Und bis heute ist es ihre liebste Sommererinnerung. Sie sei danach zwar noch oft «z'Tanz» gewesen. Dass sie so lange unerlaubt ausging, blieb jedoch eine Ausnahme.

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