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Neues Jahr, neues Glück? Luzerner Paar wagte den Neuanfang auf See

René Hollermayer hat seinem Leben eine neue Wende gegeben: Mit 54 Jahren brach der Luzerner Architekt hier seine Zelte ab, um mit seiner Freundin auf einem Segelschiff die Welt zu entdecken. Zehn Jahre später zieht er nun Bilanz.
Lena Berger
Auf dem Segelschiff Zwöi fahren René Hollermayer und Heidi Feller um die Welt – jeweils vollbepackt mit Vorräten für mehrere Wochen. (Bild: Bilder: PD)

Auf dem Segelschiff Zwöi fahren René Hollermayer und Heidi Feller um die Welt – jeweils vollbepackt mit Vorräten für mehrere Wochen. (Bild: Bilder: PD)

Sein Ausstieg war von langer Hand geplant. Alle in seinem Umfeld wussten, dass René Hollermayer (63) irgendwann auf einem Segelboot die Welt erkunden will. Der Wunsch, dereinst auf einem Schiff zu leben, war für ihn das Natürlichste überhaupt. Dass das Vorhaben ungewöhnlich ist, wurde ihm erst so richtig bewusst, als er einen Frühpensionierungskurs seines Arbeitgebers besuchte.

Hollermayer arbeitete damals als Architekt bei der Dienststelle Immobilien des Kantons Luzern. Im Kurs ging es darum, wie man das emotionale Loch umschifft, in welches man nach der Pensionierung fallen kann. Oder wie wichtig es sei, sein soziales Netzwerk zu pflegen und sich neue Hobbys zuzulegen. Hollermayer kam sich vor, wie im falschen Film. «Die schauten mich wegen meiner Idee alle staunend an, als wäre ich ein Alien.» Er war mit knapp 50 Jahren nicht nur mit Abstand der Jüngste im Kurs. Ihn beschäftigten auch ganz andere Fragen.

Zeit kann man sich nicht kaufen

«Mir wurde irgendwann bewusst, dass ich im dritten Drittel meines Lebens angekommen bin – und dass dieses nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte», sagt Hollermayer heute. Er hätte zwei Chefs gehabt, mit denen es eine Freude war, zusammenzuarbeiten. Nur mit dem dritten Vorgesetzten stimmte die Chemie nicht mehr. Hollermayer beschloss, den Job nicht länger als nötig durchzuziehen, sondern so bald wie möglich auszusteigen und in See zu stechen. «Der Gedanke war simpel, aber er liess mich nicht los: Das einzige, was man nicht kaufen kann, ist Zeit. Darum ist es sinnvoll sich zu überlegen, was man mit dem Rest des Lebens machen will.»

Und so stellten sich konkrete Fragen zur Auswanderung, AHV, Pensionskasse und der Krankenversicherung. Er wollte wissen, ob und wie er sich sein neues Leben finanzieren könnte. «Der Pensionierungskurs hat mir da denkbar wenig geholfen», erinnert sich Hollermayer, und muss dabei fast lachen.

Also ging er sein Ziel Schritt um Schritt an. Aus einer Werft in England bestellte er einen Katamaran und nannte ihn «Zwöi» – weil er damit in sein zweites Leben segeln wollte. Den Innenausbau nahm er in stundenlanger Kleinarbeit selber vor, denn bei der Schiffstechnik wollte er keine Kompromisse machen. «Ich wollte etwas Nachhaltiges, auf das ich mich verlassen kann.»

Verliebt in den Käpt’n und in das Schiff

Insgesamt klärte er vier Jahre lang ab, wie er den Ausstieg finanzieren könnte. Im Laufe der Zeit traf er auf andere Leute, die das Gleiche oder Ähnliche im Sinn hatten. «Ich lernte eine völlig neue Welt kennen, mit neuen Kontakten und neuen Informationen, die ich nutzen konnte.» Er habe gespart und praktisch keine Ferien mehr im Ausland gemacht, um seinen Traum zu verwirklichen. «Ich hatte einige Bekannte, die meinen Plan für nicht machbar hielten.» Und ja, wenn man für 100 000 Franken ein Schiff kaufe und sonst weiter lebe wie bisher, dann koste das viel. «Aber wenn du radikal bist und alles andere ‹vertschuttisch› – Auto, Haus, Wohnung einfach alles – dann hast du keine Fixkosten und auch keine Probleme mehr. Es ist befreiend. Was ich heute habe, ist mein Schiff, und was darauf ist – und sonst nichts.»

2009 kündigte Hollermayer und stellte damit sein Leben radikal um. Damals war er 54 Jahre alt. «Ich wollte diesen Schritt lieber früher machen als später. Ich hätte auch mit 65 auswandern können. Aber in diesem Alter wird man träger und vorsichtiger.»

Seine damalige Freundin Heidi Feller (heute 63) begleitete ihn – als «Quereinsteigerin», wie sie sagt. Anders als René Hollermayer war sie zuvor keine Seglerin. «Ich war zuerst verliebt in den Käpt’n und dann in die Idee, mit dem Schiff unterwegs zu sein. Ich habe mir ein Jahr gegeben, um herauszufinden, ob dieses Leben auch für mich stimmt. Inzwischen sind wir das zehnte unterwegs.» Die beiden haben in der Zwischenzeit auch geheiratet. «Auch aus Sicherheitsgründen», wie René Hollermayer sagt. Wenn unterwegs etwas passieren würde, hat man als «Lebenspartner» keine Rechte.

Passiert ist allerdings bislang nie etwas. Die beiden sind seit zehn Jahren unfallfrei unterwegs – und auch von Überfällen und Ähnlichem blieben sie auf ihrer Reise verschont. Kritische Momente gab es aber schon. «Einmal machten wir eine Überfahrt von den Bahamas nach Florida. Die Wetteraussichten waren gut, also zogen wir los. Am zweiten Tag jedoch, schlug es plötzlich um. Im Wetterbericht hiess es, wir sollten innerhalb von spätestens einer Stunde den nächsten sicheren Hafen anlaufen – wir aber waren mindestens vier Stunden davon entfernt. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Blitze gesehen. Wir hatten beide echte Angst. Aber wir haben es durchgestanden», erzählt Hollermayer und ein bisschen Stolz schwingt mit. «Wenn du auf einem Schiff ein Problem hast, ist es konkret und unmittelbar», sagt er. Ganz anders, als in seinem früheren Leben, als sich Projekte zum Teil über Jahre hinweg zogen. «Jetzt treffen wir Entscheide, Arbeiten vorwärts und haben den Kopf dann wieder frei. Ich finde das sehr befriedigend.»

2009 ging die Fahrt von Luzern aus los.2009 ging die Fahrt von Luzern aus los.
2012 waren die beiden in Senegal unterwegs.2012 waren die beiden in Senegal unterwegs.
2014 gingen sie vor Kuba vor Anker.2014 gingen sie vor Kuba vor Anker.
2015 fuhren sie durch die Bahamas.2015 fuhren sie durch die Bahamas.
2017 am Lake Victoria.2017 am Lake Victoria.
Es galt so manche Schleuse zu überwinden - beispielsweise im Trent Severn Waterway.Es galt so manche Schleuse zu überwinden - beispielsweise im Trent Severn Waterway.
Jetzt steht die «Zwöi »zum Verkauf und wartet auf die nächste Abenteuerin oder den nächsten Abenteurer.Jetzt steht die «Zwöi »zum Verkauf und wartet auf die nächste Abenteuerin oder den nächsten Abenteurer.
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Impressionen aus einer zehnjährigen Reise

Der Alltag auf dem Schiff sei denn auch sehr unterschiedlich. Während einer Überfahrt ist alle zwei Stunden Wachablösung. Das heisst: zwei Stunden Wache, zwei Stunden Schlafen. Über den Atlantik waren das 15 Tage. Dann kommt man wieder an einen Hafen und bleibt dort mehrere Wochen, weil der Wind nicht stimmt. «Ich habe in den letzten zehn Jahren so viel gelesen, wie vorher das ganze Leben lang nicht», sagt Heidi Feller.

Sie leben mit weniger, dafür aber zufriedener

Manchmal ist also auch ihr Leben herrlich unspektakulär. «Da macht man sich in der Schweiz wohl oft falsche Vorstellungen», meint Hollermayer. In Holland beispielsweise würden viele Leute auf einem Schiff leben. Was dort ganz normal ist, sei in der Schweiz verboten. «Es ist wohl wirklich eine Typfrage. Ein Freund sagte mir mal, er bewundere meine Energie, ständig an einem neuen Ort anzulegen und jedes Mal vor neuen Herausforderungen zu stehen. Da habe ich gemerkt: Er tickt einfach völlig anders. Ich bin vielleicht zweimal am gleichen Ort, aber so lange es noch anderes zu sehen gibt, gehe lieber dort hin, bevor ich zum Bekannten zurückkehre.»

Die beiden Aussteiger sind sich einig, dass sie heute zwar mit weniger leben, dafür aber zufriedener sind. Bald sind die zehn Jahre auf See vorbei. Das Paar hatte ursprünglich vor, nach dieser Zeit in die Schweiz zurückzukehren. Hier haben sie ihre Familien. Beide haben aus erster Ehe zwei Kinder und in der Zeit ihrer Abwesenheit sind drei Enkel zur Welt gekommen. Viele frischgebackene Grosseltern zieht es spätestens dann wieder nach Hause. Die beiden Weltenbummler halten es da anders: Auch die Heimreise wird ohne Hektik angegangen.

Im Moment sind die beiden – wegen der kalten Jahreszeit – als Housesitter auf einer Farm in Frankreich und hüten Schafe. Das Schiff ist in einem Winterdomizil in Kanada. «Wir haben es jetzt zum Verkauf ausgeschrieben, aber wir haben es nicht eilig damit», sagt Hollermayer. «Es ist noch immer unser Zuhause. Wir wollen es jemandem verkaufen, der auch damit unterwegs sein und etwas erleben will», ergänzt Heidi Feller. Schliesslich stecke viel Herzblut darin. Die beiden nehmen sich Zeit, um neue Pläne zu schmieden. Geduld und Gelassenheit: Das sind nur zwei der Dinge, die man in zehn Jahren auf See offensichtlich lernt.

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