Sie waren an vorderster Front mit dabei

Die Brandnacht und die Zeit danach haben Hunderte von Journalisten auf Trab gehalten. Fünf davon erinnern sich.

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Die Luzerner Zeitung (sowie die LNN) veröffentlichten am nächsten Tag eine Spezialausgabe zum Brand der Kapellbrücke. (Archivbild LZ)

Die Luzerner Zeitung (sowie die LNN) veröffentlichten am nächsten Tag eine Spezialausgabe zum Brand der Kapellbrücke. (Archivbild LZ)

Sacha Wigdorovits (61)

(damals stv. Chefredaktor der LNN)

«In der Brandnacht sass ich mit der gesamten Chefredaktion im Büro des Chefredaktors. Wir hatten eine Sitzung gehabt und tranken noch einen Whisky. Plötzlich klingelte das Telefon. Die Kapellbrücke brenne. Zu viert rückten wir aus. Da die Filme für die Redaktionskamera eingesperrt waren, fragten wir jeden Touristen vor Ort, ob er uns sein Filmmaterial zur Verfügung stelle. Um 2 Uhr waren wir mit Dutzenden von Filmrollen zurück in der Redaktion und beschlossen, ein Extrablatt zu drucken. Wir einigten uns auf 25 000 Exemplare. Drei Stunden später wurden die vier Seiten gedruckt. Am Bahnhof haben wir die Blätter um 7 Uhr früh gratis verteilt; in einer Dreiviertelstunde waren die Exemplare weg. Unsere Redaktoren trauten ihren Augen nicht, als sie gegen acht Uhr in die Büros kamen. Sie hatten von der Extraausgabe der LNN im Radio gehört, wussten aber nicht, wer diese produziert haben sollte. Am gleichen Morgen druckten wir 25 000 Stück nach. Ich realisierte erst nach dem Brand, was für eine unglaubliche Symbolkraft in der Brücke steckte, zumal ich erst drei Wochen vorher von New York nach Luzern zur LNN gekommen war. Der Brand der Kapellbrücke war buchstäblich meine Feuertaufe als Journalist in Luzern.»

Klaus Röllin (75)

(damals Chefredaktor der «Luzerner Zeitung»)

«Mitten in der Nacht rief mich mein Stellvertreter Werner P. Wyler an. Ich sagte ihm, er solle aufhören, das Kalb zu machen, als er anfing, vom Brand der Kapellbrücke zu erzählen. Ich brauchte einige Sekunden, um es zu realisieren. Danach ging es blitzschnell. Unterwegs von der Wohnung in der Lützelmatt zur Redaktion an der Maihofstrasse stand ein Blechpolizist. Die hohe Busse musste ich später selber bezahlen, das Statthalteramt wollte meinen Hinweis auf «beruflichen Notstand» nicht gelten lassen. Auf der Redaktion versuchte ich, die Aufgaben so gut wie möglich zu verteilen und Ruhe zu bewahren. Mir war schnell klar, dass es eine Spezialausgabe brauchen würde und jeder zur Verfügung stehende Mitarbeiter mithelfen musste. Wichtig war uns, auch die Touristen zu informieren. Wir liessen die Brandmeldung ins Englische übersetzen und platzierten zudem eine Version in japanischer Sprache. Die acht Spezialseiten wurden am Donnerstag, 19. August, ausgetragen und auch der regulären Ausgabe beigelegt. Der Brand der Kapellbrücke war mein letztes grosses Ereignis als Zeitungsmacher, da ich bereits gekündigt hatte. Ein paar Wochen später verliess ich die Zeitung.»

Albert Krütli (59)

(damals Sportredaktor der «Luzerner Zeitung», heute Leiter Sportredaktion bei der LZ)

«Am Dienstag hatte ich Spätdienst. Ich wusste also, wie die Ausgabe vom Mittwoch, 18. August, aussehen würde. Kurz vor Mitternacht fuhr ich mit dem Bus nach Hause – über die Seebrücke vorbei an der Kapellbrücke Richtung Kriens/ Obernau. Eine Fahrt wie gewohnt. Am Morgen dann der Gang zum Briefkasten für die morgendliche Zeitungslektüre. Dann der Schock: Auf unserer Frontseite sah ich ein Schwarz-Weiss-Bild, das die brennende Kapellbrücke zeigte. Kurz danach der Augenschein: Unzählige Schaulustige standen um die zerstörte Brücke, diskutierten leise; eine Stimmung wie an einer Beerdigung. Ich konnte nie recht glauben, dass eine Zigarette, die auf einem Boot unter der Brücke gelandet war, die Ursache gewesen sein soll. Für die schönste Erinnerung sorgte mein Schulkollege Bruno Wicki. Der Krienser Countrysänger hat kurz nach dem Brand ein emotionales Lied darüber geschrieben: «D’Chappelbrogg» – zu hören auf seiner CD «Of de Stross in Orient».

Werner P. Wyler (74)

(damals stv. Chefredaktor der «Luzerner Zeitung»)

Mitternacht. Schrill klingelt das Telefon. «Hallo», tönt es aufgeregt von Freunden, die am Reussquai wohnen, «die Kapellbrücke brennt.» Macht keine Witze! «Doch, sie läderet, noch nicht stark, aber stets mehr. Ehrenwort!» Hingesaust. Und dort elektrisierende Gänsehaut: In der Brückenmitte lodern und züngeln hohe Flammen in den Nachthimmel. Boote brennen. Wo bleibt nur die Feuerwehr? Ist der Alarm zu spät ausgelöst worden? Das waren brandheisse Fragen, die später bewegten. Unheimliche Nachtstille. Einzig das Feuer knistert gespenstisch und frisst gierig die Brücke auf. Meter um Meter. Balken stürzen krachend, zischend in die Reuss, in der sich das feurige Fanal tausendfach spiegelt. Bedauern, aber auch eigenartige Faszination schwingt mit. Es folgte eine gewaltige Werbeoffensive mit «The Bridge of Lucerne» des damaligen Verkehrsdirektors Kurt H. Illi. Er zog alle Register und schickte den Brand um die Welt. Mit Riesenecho. Das war unbezahlbare Tourismusreklame für Luzern.»

Hans Graber (60)

(damals Stadtredaktor bei den «LNN», heute Leiter Leben bei der LZ)

«Das gerahmte, angekohlte Holzstückchen der alten Brücke liegt noch zu Hause. Zur kleinen Erheiterung. Doch damals, in den ersten Stunden nach der «Katastrophe », habe ich tatsächlich ein paar Tränchen geweint. Und für den ‹Sonntagsblick› – als Luzerner Gastschreiber angeheuert – einen sicher furchtbar sentimentalen Stiefel zusammenlamentiert. Das Wiederlesen habe ich mir aus Selbstschutz erspart. Eine Frage bleibt noch: Wer war es? Dass Kurt H. Illi selig selber unter der Brücke gezeuselt hat, bleibt bloss ein böses Gerücht. Illi wäre aufgefallen, zudem war er bekennender Nichtraucher. Gleich wie der leidenschaftliche Luzerner Feuerwehrfotograf, der zu seinem tiefen Gram zum Zeitpunkt des «Infernos» in New York aufhältig war und nur via CNN darüber unterrichtet wurde. Vielleicht wars also doch mein Freund Arnold. Der beteuert bis heute, er sei als Letzter vor dem Brandausbruch über die Brücke gegangen. Arnold ist kulturbeflissen, besonnen, kein Hallodri. Gleichwohl würde ich es nicht hundertprozentig ausschliessen, dass er in jener Nacht auf der Brücke einer besonders brenzligen Frage (zum Beispiel: «Wie hiess schon wieder dieser einzige Hit von The Crazy World Of Arthur Brown?») nachgehangen ist und selbstvergessen das noch leicht glühende Überbleibsel eines seiner selbst gedrehten Zigarettchen Richtung Reuss geschnippelt hat. Das wars dann. Mittlerweile aber sieht die Brücke praktisch wieder aus wie vor jener Augustnacht. Freund Arnold wiederum ist weiterhin gerne am Herumstudieren. Er raucht noch immer. Und die Feuerwehr hat wie gehabt die Nummer 118.»

Erstmals publiziert in der Ausgabe zum 20. Jahrestag des Brandes am 16. August 2013.