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SIGIGEN: Mehr Platz für demente Menschen

Der Hof Obergrüt will die Ferienplätze für Demente von fünf auf zwölf Betten erweitern. Der Neubau kostet 10 Millionen Franken. Damit er finanziert werden kann, ist die Institution auf Spendengelder angewiesen.
Ernesto Piazza
Angehörige von demenzkranken Personen sollen stärker entlastet werden. (Archivbild LZ)

Angehörige von demenzkranken Personen sollen stärker entlastet werden. (Archivbild LZ)

Ernesto Piazza

ernesto.piazza@luzernerzeitung.ch

Luzia Hafner sitzt auf dem Balkon des Bauernhauses und geniesst einige entspannte Augenblicke. Diese Momente hatten in den vergangenen 12 Jahren allerdings eher Seltenheitswert. Seit 2005 leitet die 50-Jährige auf dem Hof Obergrüt in Sigigen (Gemeinde Ruswil) eine private Trägerschaft, welche Menschen mit Demenz betreut. Momentan stehen dazu vier Tagesplätze und fünf Ferienbetten zur Verfügung. Doch die Pflegefachfrau HF und Bäuerin sagt – und es tönt fast wie ein Hilferuf: «Wir haben zu wenig Platz. Es brennt.»

Deshalb hat sie sich entschieden, mit einem Neubau dem stetig steigenden Bedürfnis an Betreuungsplätzen Rechnung zu tragen. Das heisst: Künftig soll das Angebot neben vier bis fünf Tagesplätzen auf insgesamt zwölf Ferienbetten erweitert werden.

Dass dieser Schritt nötig ist, zeigt auch die Demenzstrategie des Kantons Luzern 2018 bis 2028. Diese geht zurzeit von rund 5700 Menschen mit Demenz aus. Nach heutigen Erkenntnissen werde sich diese Anzahl bis ins Jahr 2035 nahezu verdoppeln.

Aktuell liegt die Platzauslastung bei nahezu 100 Prozent. Mehr als 95 Prozent der Gäste kommen mehrfach und sind über Jahre hinweg wiederkehrend auf Obergrüt. Die Wartezeit für neue beträgt rund fünf Monate.

Neue Stiftung wird gegründet

Für Luzia Hafner ist es definitiv Zeit, ihre Vision, die sie bereits seit 2011 mit sich herumträgt, zu verwirklichen. Nur: Zehn Millionen Franken soll der Neubau kosten. Geplant ist, dass er unmittelbar neben dem Bauernhaus zu stehen kommt. Da sich dieser Betrag nicht aus dem Betrieb erwirtschaften lässt, ist man auf Spendengelder angewiesen. Für die Finanzierung des Neubaus wird die private Trägerschaft in die Stiftung «Betrieb und Betreuung für Menschen mit Demenz» umgewandelt. Die Gründung ist für Herbst geplant. Eine Projektgruppe hat die Arbeit ebenfalls aufgenommen. Ein griffiges Konzept soll nächstens mögliche Lösungen mit Partnern aufzeigen. Das Baubewilligungsverfahren ist ebenfalls angestossen. «Wir sind auf dem richtigen Weg. Ich weiss, wir werden es schaffen», ist Luzia Hafner überzeugt. Politische Unterstützung spürt sie vor allem vom Gesundheitsdepartement, von der Raumplanung sowie der Gemeinde Ruswil. «Das beruhigt und motiviert zugleich.»

Die Arbeit sei jeden Tag fordernd, erklärt Luzia Hafner. Speziell jetzt, wo das neue Projekt ihr noch den einen oder andern Zusatzeffort abverlangt. «Doch mir geht es gut», betont sie. In ihrer Stimme klingt eine bewundernswerte Ruhe mit. Denn bereits herrscht wieder Betrieb auf dem Hof. Eine Gruppe Gäste kehrt von einem Spaziergang zurück. Erneut ist sie gefordert, um wenig später wieder an den Tisch zurückzukehren. Die Gäste, wie sie von den Menschen mit Demenz respektvoll spricht, dürften am Abend wohl nicht mehr wissen, was sie tagsüber gemacht haben. Schuld daran ist ihre Krankheit.

Bewohner arbeiten im Betrieb mit

Trotzdem ist für Hafner und das ganze Betreuerteam vor allem eines speziell wichtig: Die ausschliesslich im Hier und Jetzt lebenden, an Demenz erkrankten Menschen sollen auf dem Hof Obergrüt Nähe und Geborgenheit spüren, sinnvolle Aufgaben wahrnehmen können. Sie arbeiten im Garten, in der Küche oder auf dem angegliederten Landwirtschaftsbetrieb und dürfen sich kontrolliert bewegen. «Diese Menschen brauchen auch ein Stück Freiheit, etwas Selbstbestimmung», weiss Luzia Hafner.

22 fest angestellte Mitarbeitende, neun freiwillige Mitarbeiterinnen und ein Praktikant – er befindet sich in der Ausbildung zum Pflegefachmann HF – leben mit ihrer Chefin jeden Tag aufs Neue ihr Motto «von Herz zu Herz». «Der Mensch und seine Bedürfnisse stehen bei uns im Mittelpunkt», sagt Luzia Hafner. Auf Obergrüt leiste man mit dem innovativen und für die Schweiz einmaligen Angebot einen wichtigen Beitrag, um die Angebotslücke zwischen der Betreuung zu Hause und der stationären Pflegeheimbetreuung zu schliessen. Zudem bedeute diese Arbeit für die Angehörigen eine wertvolle Entlastung.

Künftig sollen auf dem Hof Obergrüt vor allem junge, an Demenz erkrankte Menschen flexible, individuelle Tätigkeits­felder für eine sinnvolle Freizeitgestaltung vorfinden. In der schnellen, von der Digitalisierung geprägten Welt fallen diese Personen in einem frühen Stadium auf, scheiden aus dem Arbeitsprozess aus. Auch daheim leben und «auswärts» werken kann für Hafner ein Modell der Zukunft sein. Die Querdenkerin will sich auf ihrem visionären Weg weiter vorwärtsbewegen.

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