Sind Pferde an Fasnachtsumzügen ein Auslaufmodell?

Pferdekutschen werden an Fasnachtsumzügen aus Sicherheitsgründen vielleicht bald durch Elektrokutschen ersetzt. In Stans ist das dieses Jahr erstmals der Fall, in Luzern ist es aber noch kein Thema.

Hugo Bischof
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Der von Pferden gezogene «Röseliwagen» der Safran-Zunft am Fasnachtsumuzug in Luzern.

Der von Pferden gezogene «Röseliwagen» der Safran-Zunft am Fasnachtsumuzug in Luzern.

Bild Archiv Luzerner Zeitung

Es ist schnell passiert: Ein vorwitziges Kind wirft einem beim Fasnachtsumzug vorbeitrabenden Pferd Konfetti in die Nüstern oder zündet einen Böller. Ein achtloser Tourist überquert plötzlich die Umzugsroute, um vor der von vier Pferden gezogenen Zunftkutsche ein Selfie zu schiessen. Schon scheut ein Pferd, weicht aus, tritt im schlimmsten Fall um sich. Zum Glück verliefen solche Vorkommnisse in den vergangenen Jahrzehnten in Luzern schadlos. Doch eine gewisse Angst läuft immer mit. Sind Pferde an der Fasnacht ein Auslaufmodell? Werden Kutschen künftig nicht mehr mit Pferdekraft in Bewegung gesetzt, sondern mit anderen Mitteln?

Bild von der letztjährigen Abholung des Fritschivaters in der Pferdekutsche zum Bärteliessen.

Bild von der letztjährigen Abholung des Fritschivaters in der Pferdekutsche zum Bärteliessen.

Bild: Dominik Wunderli  Luzern, (19. Januar 2019)

«Sicherheit hat oberste Priorität»

«Dies könnte schon bald der Fall sein, da sich geeignete Alternativen anbieten», sagt Josef K. Scheuber. Er ist Vorstandsmitglied der Frohsinngesellschaft Stans, die den dortigen Fasnachtsumzug organisiert. Sie wird dieses Jahr am Umzug in Stans erstmals die E-Kutsche Ecarrus zum Einsatz bringen. «Es ist gleichzeitig eine Schweizer Premiere», sagt Scheuber. E-Kutschen, also per Batterie elektronisch angetriebene Kutschen, sind für Scheuber die Lösung der Zukunft. Er betont:

«Es gibt immer weniger ausgebildete Kutschenfahrer und Pferde, die es gewohnt sind, eine Kutsche zu ziehen.»

Über kurz oder lang müssten die Umzugs-Organisatoren deshalb neue Möglichkeiten prüfen. «Denn ein Umzug mit Tieren ist immer eine Herausforderung für alle Beteiligten und bedeutet Anspannung. Ob man eine Kutsche durch ein ländliches Gebiet oder durch die Stadt mit vielen Zuschauern führt, sind zwei verschiedene Anforderungen.»

Die E-Kutsche Ecarrus. Sie fährt dieses Jahr am Fasnachtsumzug in Stans mit.

Die E-Kutsche Ecarrus. Sie fährt dieses Jahr am Fasnachtsumzug in Stans mit.

Bild pd

Scheuber betreibt in Stans einen Familienbetrieb mit einem umfassenden Angebot an Festmobiliar und Veranstaltungstechnik. Als kleine Nische ergänzt er das Angebot mit der E-Kutsche Ecarrus. Er übernimmt für den Hersteller aus Köln den Vertrieb in der Schweiz. Die E-Kutsche soll für touristische Erlebnis- oder Taxifahrten sowie Hoteltransfers, Hochzeiten und längerfristig eben auch für Umzüge zum Einsatz kommen.

Er habe die E-Kutschen «als innovative und umweltfreundliche Entwicklung» auch für die Luzerner Fasnachtsumzüge angeboten, sagt Scheuber. Dort hat man dafür aber vorläufig kein Gehör. Peti Federer, Medienchef des Luzerner Fasnachtskomitees, betont:

«Für uns sind Pferdekutschen eine Tradition, die zur Fasnacht gehört. Und die wollen wir beibehalten.»

Klar sei aber auch: «Sicherheit hat oberste Priorität.» Dafür werde an den Luzerner Fasnachtsumzügen so weit wie möglich alles getan, sagt Federer: «Unsere Kutschenfahrer sind sehr erfahrene Leute, die für uns teils seit Jahrzehnten tätig sind.» Auch die Pferde seien geübt und würden für die ungewohnte Situation mit Tausenden von Zuschauern trainiert: «Es ist längst nicht jedes Pferd dafür geeignet.» Zudem würden alle Pferde von extra geschulten Personen geführt, meist deren Besitzern. «Das Problem sind nicht die Pferde», betont Federer. «Es sind vielmehr die Zuschauer.» Früher hätten die Menschen vor Pferden den nötigen Respekt gehabt, das sei heute bei vielen nicht mehr der Fall:

«Wenn Eltern ihre Kindern beim Umzug nach vorne stossen, um sie vor einer Pferdekutsche zu fotografieren, ist das verantwortungslos.»

Federer appelliert an die Vernunft der Zuschauer, «die Pferde nicht mit Konfetti und anderem zu erschrecken».

Für die technische Wartung der Umzugskutschen ist Franz Knüsel zuständig. Der ehemalige Luzerner Kleintierarzt unterhält heute in Rothenburg eine Sammlung von 89 pferdegezogenen Kutschen, die schweizweit wohl grösste ihrer Art. Sie spiegelt annähernd 100 Jahre Verkehrsgeschichte. «Die Sicherheit der Kutschen ist sehr wichtig», sagt Knüsel. Letztes Jahr verzichtete die Wey-Zunft beim Fasnachtsumzug in Luzern am Montag wegen starker Windböen auf den Einsatz einer Kutsche. Knüsel hat einen mehrjährigen Vertrag mit dem Luzerner Fasnachtskomitee: «Ich kann die alten Kutschen der Zünfte günstig übernehmen. Dafür stelle ich sie ihnen in einwandfreiem Zustand für die Umzüge zur Verfügung.» Auch Knüsel könnte sich aber vorstellen, «dass die Pferdekutschen früher oder später ein Auslaufmodell sein werden». Den Grund dafür sieht auch er im «respektlosen, häufig gefährlichen Verhalten der Zuschauer».

Erste E-Kutsche auch in Basel

Premiere

An der Basler Fasnacht nennt man die Pferdekutschen Chaisen. Gegen das Mitlaufen von Pferden am Cortège regt sich schon lange Widerstand von Tierschutz-Organisationen. Auftrieb erhielten die kritischen Stimmen, als letztes Jahr am Steinenberg zwei Pferde auf einer rutschigen Bodenplatte stürzten. Dieses Jahr ist am Cortège erstmals eine elektrisch betriebene E-Chaise angemeldet. Das bestätigt Pia Inderbitzin, Obfrau des Basler Fasnachts-Comité: «Wir gehen aber davon aus, dass sie nichts mit der Pferdediskussion zu tun hat.» Auf den Sturz der beiden Pferde 2019 hat das Comité reagiert: Chaisen dürfen ab sofort den Steinenberg nicht mehr passieren. Es wurden Ausweichmöglichkeiten definiert. (hb)

Dieses Jahr wird am Fritschi-Umzug am Schmutzigen Donnerstag in Luzern übrigens der von Franz Knüsel neu aufgebaute alte «Bonanza»-Wagen mitfahren – neu mit Querbänken anstatt der alten Längsbänke. «Wir werden ihn am Schmutzigen Donnerstag in ‹Franz-Stalder-Kutsche› umtaufen, zu Ehren des alt-LFK-Archivars und langjährigen Speakers», sagt Federer.

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