SKELETT: Der «Riese von Reiden» gastiert im Natur-Museum

In Reiden wurden im Jahr 1577 gigantische Knochen gefunden. Was dahintersteckt, können Besucher jetzt im Luzerner Natur-Museum erfahren.

Simon Bordier
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Benedict Hotz vom Luzerner Natur-Museum und die Journalistin Adelheid Aregger zeigen die Knochen, die einst für die Überreste eines Riesen gehalten wurden. (Bild Nadia Schärli)

Benedict Hotz vom Luzerner Natur-Museum und die Journalistin Adelheid Aregger zeigen die Knochen, die einst für die Überreste eines Riesen gehalten wurden. (Bild Nadia Schärli)

Simon Bordier

Was können uns drei alte Knochen erzählen? Im Natur-Museum Luzern sehr viel. Dort sind seit Ende März Überreste des «Riesen von Reiden» ausgestellt: drei bis zu 70 Zentimeter lange Knochen, die bei ihrem Fund 1577 in Reiden die Fantasie der Luzerner beflügelten. Aufgrund der Länge der Knochen kamen die Gelehrten damals zum Schluss, dass diese einem rund 5,6 Meter hohen Riesen gehört haben müssten. Später landeten die Knochen in Deutschland und gerieten in Vergessenheit.

Spuren aus 16. Jahrhundert verfolgt

Dass sie nun in Luzern zu bestaunen sind, ist der Journalistin Adelheid Aregger (76) zu verdanken. Sie hat 2006 als damalige Präsidentin des Reidener Vereins Kultur und Kontakte in der Kommende den Anstoss gegeben, dass ein Duplikat des einzigen in Luzern verbliebenen Knochens angefertigt wurde, das heute in Reiden zu sehen ist. Doch Aregger verfolgte noch eine andere Spur, auf die sie in der «Risenhistori» des Luzerner Stadtschreibers Renward Cysat (1545–1614) gestossen war: «Dort hatte ich von weit mehr als einem Knochen gelesen.»

«Riese» auf Kapellbrücke verewigt

Sie begann sich auch für den berühmten Professor Blumenbach aus dem deutschen Göttingen zu interessieren. Dieser machte nämlich 1783 Halt in Luzern, wobei ihn als Anatomen besonders die Knochen des «Riesen von Reiden» reizten. Die Gebeine, aufgrund einer umgestürzten Eiche freigelegt, wurden «als ein Heiligthum im Archiv der Stadt Luzern mit den ehrwürdigsten ersten Denkmälern der erfochtnen Schweizer Freiheit verwahrt», wie Blumenbach anno 1788 in seinem Reisebericht feststellte. Dem «Riesen von Reiden» wurde auch auf der Kapellbrücke ein Denkmal gesetzt: Das erste Brückenbild beim Eingang am linken Ufer zeigt den Riesen, wie er mit seiner Rechten einen ausgerissenen Baum gen Himmel streckt.

Der Professor kam seinerzeit zum Schluss, es müsse sich hierbei um Elefantenknochen handeln, womit er der Sache schon näher kam. Tatsächlich stammen sie nämlich von einem Mammut, wie sich später zeigen würde.

Damit hatte Blumenbach der Mär vom Riesen ein Ende bereitet. Gleichzeitig aber nahm er zu Forschungszwecken gleich einige Knochen-Geschenke mit nach Göttingen.

Über zweihundert Jahre später machte sich Adelheid Aregger auf denselben Weg. «Bei einem Besuch in Göttingen 2006 fragte ich nach, ob unter den zahlreichen Mammutknochen auch welche aus Reiden seien», erzählt sie. Damals habe sich ein Diplomand am Geowissenschaftlichen Institut der Universität mit den Mammutknochen beschäftigt, ohne deren Herkunft zu kennen. Aregger berichtete ihm vom Mammutknochen in Luzern, worauf ein intensiver Kontakt mit dem Natur-Museum entstand. 2014 brachte eine chemische Analyse die Gewissheit: Die beiden Knochen in Göttingen stammen vom gleichen Mammut wie der Knochen in Luzern.

Knochen sind rund 30 000 Jahre alt

Es handelt sich bei den Göttinger Exemplaren um einen 70 Zentimeter langen und vier Kilogramm schweren Schienbeinknochen und einen ebenso langen und doppelt so schweren Oberarm- oder Oberschenkelknochen. Beide sind nun im Natur-Museum neben dem Luzerner Fundstück zu sehen: einem 55 Zentimeter langen und 2,5 Kilogramm schweren Schulterblattknochen. Diese gehörten einem Mammut, das sich vor etwa 30 000 Jahren in der Region bewegte. Man darf sich das Tier zwischen 2,8 und 3,4 Meter gross und zwischen 4 und 6 Tonnen schwer vorstellen.

Gemäss historischen Quellen muss es noch etwa zehn weitere Fundstücke gegeben haben. Benedict Hotz, stellvertretender Direktor des Natur-Museums, meint aber: «Die Wahrscheinlichkeit, dass diese jemals gefunden werden, ist äusserst klein.» Die drei Knochen sind noch bis September im Natur-Museum zu sehen. Die beiden Leihgaben gehen danach wieder nach Göttingen. «Wir werden aber voraussichtlich Duplikate anfertigen lassen», so Hotz.