So «mega» und «osennig» feiern die Luzerner an der Tagwache ihre Fritschifamilie

Der grosse Tag der Zunft zu Safran läuft – und er hat mit 13'000 Fasnächtler bestens begonnen. Fritschivater Daniel Medici genoss die Stimmung beim Fötzeliräge, auch wenn etwas offenbar vergessen ging.

Roman Hodel
Drucken
Teilen
Die Fritschifamilie legt mit dem Nauen an.

Die Fritschifamilie legt mit dem Nauen an.

(Bilder: Philipp Schmidli, Luzern 20. Februar 2020)

«Besch no nüechtern?» Diese Frage hört man an einem Donnerstagmorgen um fünf Uhr in der Stadt Luzern eher selten. Oder auch Telefongespräche wie dieses: «Wo bist du? Wir stehen bei Perosa und warten!», schrie ein junger Mann im Tierkostüm in sein Handy. «Nein, nicht Rosa, Perosa! Der Laden mit der Unterwäsche, die ich nie trage. Komm jetzt, in einer Minute geht's los!» Aber es ist ja nicht irgend ein Donnerstag, sondern SchmuDo. Und der junge Mann gehörte zu den rund 13'000 Fasnächtlern, die sich laut Polizeiangaben die Tagwache nicht entgehen liessen. Das sind 2000 weniger als im Vorjahr, obwohl das Wetter trocken und die Temperatur angenehm war. Fast zu angenehm. «Wir sind alle viel zu warm angezogen», sagte jedenfalls Gaby Aregger, Präsidentin der Guuggenmusig Spöitzer.

Warm ums Herz wurde es den Fasnächtlern sowieso spätestens bei der Ankunft der Fritschifamilie. Diese glitt wie gewohnt auf dem Nauen über den See und ankerte kurz nach dem Urknall am Schwanenplatz. Frenetisch bejubelt vom Publikum bahnte sich die ganze Familie mitsamt Gefolge den Weg durch die Zuschauer und bestieg anschliessend die Bühne des Fritschibrunnens auf dem Kapellplatz. Narr und Bajazzo hielten die Leute bei Laune. Na mit was wohl? Natürlich:

«Brüeleeeeee!»

Der Schreibende beobachtete das bunte Treiben für einmal von oben herab. Konkret aus dem ersten Stock des Josef-Willmann-Hauses, einem hübschen Patrizierhaus. Man stand also – ohne schlechtes Gewissen – im holzgetäfelten, reich verzierten Wohnzimmer und wartete auf den Fötzeliräge. Peng! Um 5.25 Uhr prasselte dieser auf die wogende Menge nieder.

Fliegt Fötzelis fliegt: Bruder Fritschi an der Tagwache auf dem Kapellplatz.

Fliegt Fötzelis fliegt: Bruder Fritschi an der Tagwache auf dem Kapellplatz.

Dann flogen Orangen über die Köpfe. Kiloweise. «Irgendwie sieht man den Fritschivater heute nicht so gut wie sonst», bemängelte ein Zuschauer in der warmen Stube. Wie sich später herausstellte, waren die obligaten Scheinwerfer zwar installiert, aber nicht eingeschaltet.

Zunftmeister und Fritschivater Daniel Medici.

Zunftmeister und Fritschivater Daniel Medici.

«Ah, das habe ich gar nicht gemerkt – die grosse Freude überwiegt an einem solchen Tag», sagte Fritschivater Daniel Medici später beim Zmorge der Zunft zu Safran in der Kornschütte. Hunderte Zünftler und Gäste sassen hier an langen Bänken und beugten sich über Teller voll mit Mutschli, Konfi und Käse. Medici ging von Tisch zu Tisch, schüttelte zahlreiche Männerhände und küsste ebenso zahlreiche Frauenwangen. «Ich kenne nicht alle Leute, aber es ist mir ein Anliegen, jeden persönlich zu begrüssen», sagte der Fritschivater und schwärmte von der «osennigen» Stimmung überall. Kein Wunder, wenn die anwesende Musig Hits wie «Sieben Sünden» oder «Mein Herz das brennt» spielt.

Beeindruckt von der Stimmung zeigten sich auch die Ehrengäste: «Ich bin zum ersten, aber sicher nicht letzten Mal an der Luzerner Fasnacht», sagte etwa Nicolas Fürer von der Zunft Witikon aus der Stadt Zürich. Als der Schreibende Bedenken äusserte, wegen des musikbedingten Lärmpegels nicht alle Antworten zu verstehen, sagte Fürer schmunzelnd:

«Vielleicht liegt es auch an meinem Züritüütsch?!»

Apropos Zürich – Fürer sah durchaus Parallelen bei den Zünften der beiden Städte: «Aber an diesem Zunftanlass hat es bedeutend mehr Frauen als bei uns, und zum Glück starten wir nicht schon um 5 Uhr.»

Die Saunafäger Lozärn unterwegs in der Altstadt.

Die Saunafäger Lozärn unterwegs in der Altstadt.

Das frühe Aufstehen. Nicht jedermanns Sache. Fasnächtlerin Ines, in eine Art Strassenkleid gewandet – ja, so was gibt's noch – zeigte sich tapfer, zumal die Entlebucherin erst noch ein komfortables Taxi hatte: «Mein Mann nahm mich auf dem Weg zur Arbeit mit – so machen wir das seit vielen Jahren.» Die Atmosphäre in der Altstadt, wenn es Tag werde, sei einfach unbeschreiblich. Gar als «mega» taxierten Sophie, Michelle und Jessica ihre erste Tagwache überhaupt. Die drei jungen Frauen trugen Schutzanzüge mit dem Signet des «Corona»-Bieres. Nein, sie stammen nicht aus Wuhan, aber zumindest aus einem Ort mit W: Wolhusen. Trotz «mega» mussten sie allerdings zeitig wieder zurück aufs Land. «Zur Arbeit», sagten die drei und beteuerten, nur Tee ohne Schnaps getrunken zu haben. Gut gemacht. Falls der Chef dies lesen, oder gar die Frage aller Fragen stellen sollte:

«Besch no nüechtern?»
Die Rüüssfrösch Lozärn an der Tagwache auf dem Kapellplatz.

Die Rüüssfrösch Lozärn an der Tagwache auf dem Kapellplatz.