Alles oder nichts: So wird Crowdfunding zum Grosserfolg

Jedes dritte Crowdfunding im Internet scheitert. Dabei lasse sich schon früh erkennen, ob eine Sammelaktion gelingt, sagt ein Experte.

Christian Glaus
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Der Verein Swiss Central Basket hat Grund zum Jubeln. Nicht etwa wegen des sportlichen Erfolgs, sondern wegen des geglückten Crowdfundings. Der Basketball-Verein hat sein Sammelziel von 10000 Franken erreicht. Er braucht diesen finanziellen Zustupf, um die Budgetziele zu erreichen und so in der Nationalliga A verbleiben zu können. Swiss Central Basket ist nur ein Beispiel: Das Geldsammeln im Internet hat sich zu einem Millionenmarkt entwickelt, auch wenn die Summen zuletzt eher rückläufig waren (siehe Box).

Ein Millionengeschäft

Beim Crowdfunding wird zwischen verschiedenen Varianten unterschieden. In der Öffentlichkeit am bekanntesten sind Crowdsupporting und Crowddonating. Hier geht es um die Unterstützung von kreativen, kulturellen, sportlichen oder sozialen Projekten. Beim Supporting erhält der Investor ein Produkt oder eine Dienstleistung, das Donating ist dagegen nicht an eine Gegenleistung geknüpft. Das Crowdinvesting, -lending und Invoice Trading richtet sich an Personen oder Gesellschaften, die in Firmen investieren wollen und dafür eine Zinszahlung oder eine Gewinnbeteiligung erhalten. Seit dem Aufkommen von Crowdfunding in der Schweiz wurden Projekte im Umfang von knapp 1,1 Milliarden Franken finanziert, wie das Monitoring von Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern zeigt (wir berichteten). Bei Crowdsupporting und Crowddonating sanken die ausbezahlten Beträge von 29,1 im Jahr 2017 auf 25,6 Millionen Franken im darauffolgenden Jahr. Mit diesen Summen stelle das Crowdfunding keine Konkurrenz für die etablierten Hilfswerke dar, sagt Dietrich. «Beim Spendenmarkt geht es um Milliarden. Das Crowdfunding ist ein ergänzender Kanal, keine Konkurrenz.» 

Hilfswerke: «Sammlungen per Brief sind am erfolgreichsten»

Das bestätigt Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin von Zewo, der Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Non-Profit-Organisationen. Die Spendensammlungen der Schweizer Hilfswerke sind nach einer Phase des Wachstums nun seit Jahren auf hohem Niveau stabil und bewegen sich gemäss Zewo um rund 1,8 Milliarden Franken jährlich. Laut Ziegerer setzen die etablierten Hilfswerke selten auf Crowdfunding. «Nur 0,4 Prozent der Spendengelder werden auf diesem Weg gesammelt.» Die Hilfswerke seien einerseits zurückhaltend, weil sich schwer kontrollieren lasse, wer sich auf einer Plattform bewege. Sie wollten nicht riskieren, eine Plattform mit dubiosen Sammlern zu teilen. Auch der Aufwand und der Ertrag für eine Sammlung stehe für sie oft in einem ungünstigen Verhältnis. Hinzu komme, so Ziegerer, dass die vielen Crowdfunding-Anbieter einen gewissen Prozentsatz des gespendeten Betrags als Gebühr einziehen. «Sammlungen per Brief, die um eine direkte Spende bitten, sind nach wie vor am erfolgreichsten.» (cgl)

In dieses Bild passen auch die Zahlen der Crowdfunding-Plattform funders.ch, welche die Luzerner Kantonalbank als Betreiberin auf Anfrage bekannt gibt. 2019 wurden mit 47 erfolgreichen Kampagnen insgesamt 577000 Franken gesammelt; im Vorjahr waren es noch 1,8 Millionen Franken gewesen (siehe Tabelle).

Sammlungen auf funders.ch

Jahr Erfolgreiche Projekte Generierte Summe
2016* 19 0.30 Mio. Fr.
2017 51 0.98 Mio. Fr.
2018 49 1.85 Mio. Fr.
2019 47 0.58 Mio. Fr.

Der deutliche Rückgang hat laut der Bank vor allem damit zu tun, dass im letzten Jahr weniger Grossprojekte lanciert wurden. Für 2020 seien jedoch wieder einige «sehr grosse Projekte in der Pipeline, die aber erst im Frühling aufgeschaltet werden». Die Bank betreibt seit Juni 2016 mit funders.ch eine eigene Crowdfunding-Plattform. Seither konnten 3,71 Millionen Franken gesammelt werden. 166 Projekte seien erfolgreich gewesen. Diese Erfolgsquote von 72 Prozent sei überdurchschnittlich hoch, betont Daniel Lütolf, Leiter Vertrieb funders.ch: «Wir vertreten die Meinung, dass die Qualität von Crowd- funding nicht unbedingt an der generierten Summe, sondern viel mehr an der Erfolgsquote zu messen ist.»

Haben erfolgreiche Crowdfunding hinter sich: das Sinfonieorchester Luzern, der Verein Swiss Central Basket sowie die Eltern der einjährigen Horwerin Valeria, die unter einem seltenen Gendefekt leidet. Bilder: Pius Amrein und Manuela Jans-Koch

Über 15'000 Franken in zehn Tagen gesammelt

Für grosse Resonanz sorgte gegen Ende 2019 ein Crowdfunding auf der Plattform Crowdly: Der Verein Epidogs for Kids sammelte Geld für die achtjährige Carmen aus dem Luzerner Seetal. Das Mädchen, das unter schweren epileptischen Anfällen leidet, soll einen Epilepsie-Begleithund bekommen. Das Sammelziel von 15000 Franken wurde innerhalb von zehn Tagen erreicht (Ausgabe vom 5. Dezember). Madlaina Blapp, Präsidentin des Vereins Epidogs for Kids, sagt: «Es war unglaublich, diese Solidarität zu spüren. Alle wollten mithelfen.» Der Verein, der seit 2014 existiert, setzte erstmals auf Crowdfunding. Blapp kann sich vorstellen, auch künftig online Geld zu sammeln, «wenn sich wieder eine stimmige Situation ergibt».

Dass die Aktion so erfolgreich verlaufen ist, überrascht Andreas Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern nicht. Es gebe klare Muster, wie man mit dem Crowdfunding erfolgreich ist, sagt Dietrich, der sich intensiv mit dem Thema befasst: «Das Projekt muss einfach verständlich sein und ans Herz gehen.» Mit einem prägnanten Text und einem Kurzfilm seien die Chancen deutlich höher als mit einem ausführlichen Video. Geht es zudem um Schicksalsschläge, persönliche Krankheitsgeschichten oder Ungerechtigkeiten (wenn etwa Versicherungen eine Behandlung nicht bezahlen wollen), ist der Erfolg so gut wie garantiert. Selbst dann, wenn es um grosse Summen geht.

Dies zeigt das Beispiel der einjährigen Horwerin Valeria. Sie leidet an einem seltenen Gendefekt, ihr kleiner Körper wird Tag und Nacht von heftigen Krämpfen geschüttelt (wir berichteten). Um den Gendefekt zu beheben, arbeiten Forscher in den USA an einem Medikament. Dieses kostet allerdings 1,8 Millionen Franken. Für die Hälfte davon sammelten die Eltern von Valeria auf der Plattform Gofundme – und hatten die 900000 Franken nach nur drei Tagen beisammen. Inzwischen ist die Familie bei den Ärzten in den USA.

Dank der medialen Berichterstattung hat die ganze Schweiz von Valerias Schicksal erfahren. Das hat den Kreis der Spender weit geöffnet. Und ebendies sei auch so speziell am Crowdfunding für Valeria, wie Andreas Dietrich erklärt. Denn meist werden die Sammlungen nur von einem kleinen Kreis beachtet. Die Unterstützer kämen oft aus der Umgebung der Sammler: «Sie bewegen sich durchschnittlich in einem Umkreis von etwa 12 Kilometern.» Trotzdem biete das Crowdfunding gegenüber herkömmlichen Spendensammlungen Vorteile: Dank Internet und sozialen Netzwerken könnten Personen erreicht werden, die sonst nichts von der Sammelaktion mitbekommen würden.

Dass Crowdfunding zu einem Grosserfolg werden kann, zeigen auch Beispiele aus der Vergangenheit. Das Sinfonieorchester Luzern sammelte 2018 insgesamt 580000 Franken für ein Probenhaus und Zentrum für Kinder- und Jugendprogramme. Der SC Kriens beschaffte für den Innenausbau des neuen Stadions über 280000 Franken. Das seien ungewöhnlich hohe Beträge, sagt Dietrich: Durchschnittlich würden zwischen 10000 und 20000 Franken gesammelt.

Ein guter Start ist entscheidend

Doch es gibt auch Beispiele von Crowdfundings, die ein enttäuschendes Ende nehmen. So suchte etwa der Non-Profit-Verein Gastart 80000 Franken, um im Gasthof Schwert in Ettiswil 15 bis 20 betreute Arbeitsplätze aufzubauen. Das Ziel wurde weit verfehlt: 90 Unterstützer waren bereit, 25000 Franken zu zahlen. Gescheitert ist auch die Steinhauser Still Baby GmbH, die 180000 Franken sammeln wollte, um einen Nuggi zu entwickeln, der Babys überwacht. Nur knapp 4000 Franken wurden der Firma zugesichert. Enttäuschungen gehören beim Crowdfunding dazu. Laut Andreas Dietrich sind in der Schweiz zwei von drei Sammelaktionen erfolgreich. Ob eine Sammelaktion zum Erfolg wird, könne man früh erkennen, erklärt Dietrich: Ist der Start erfolgreich und die ersten Tausender sind zugesichert, kommt der sogenannte Herdeneffekt zum Tragen. «Die Leute bekommen den Eindruck, dass es sich um eine gute Sache handelt und wollen sich ebenfalls beteiligen.» Verläuft der Start hingegen harzig, ist das Risiko zu scheitern gross. Projekte, die zu 80 oder 90 Prozent finanziert seien, also knapp scheiterten, gebe es praktisch nicht, sagt Dietrich: «Es geht um alles oder nichts. Deshalb gilt die Regel: Entweder man gibt von Anfang an Vollgas – oder man kann das Projekt abschreiben.»