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SÖRENBERG: Als Lenin nackt in der Waldemme badete

Im Sommer 1915 zog Wladimir Iljitsch Uljanow von Bern nach Sörenberg. Später nannte er sich Lenin – und veränderte Teile des weltpolitischen Systems grundlegend. Ein Rückblick auf Lenins Entlebucher Zeit.
Im Hotel Mariental (links) residierte das Ehepaar Lenin/Krupskaja (rechts) während seiner Zeit in Sörenberg. (Bild: Kantonale Denkmalpflege Luzern (Emil Goetz)/Getty)

Im Hotel Mariental (links) residierte das Ehepaar Lenin/Krupskaja (rechts) während seiner Zeit in Sörenberg. (Bild: Kantonale Denkmalpflege Luzern (Emil Goetz)/Getty)

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch


Man stelle sich vor, der damals 45-jährige Lenin hätte sich bei einer seiner zahlreichen Wanderungen in den Bergen rund um Sörenberg einen Fehltritt geleistet, wäre gestürzt und dabei ums Leben gekommen. Die Welt im 20. Jahrhundert, ja bis heute, sähe möglicherweise völlig anders aus. Denn kein anderer Mensch hat die Politlandschaft in den vergangenen 100 Jahren in weiten Teilen der Welt mehr verändert als dieser zähe, hochintelligente und radikal denkende Mann aus der Wolgastadt Simbirsk, heute zu Ehren Lenins Uljanowsk genannt.

Lenin kam zusammen mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja in den stürmischen Zeiten kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Sans-Papiers in die Schweiz. Das geschah im September 1914. Zuerst lebte das Paar in Bern. Krupskaja litt aber an einer Schilddrüsen- und Augenerkrankung. Die Ärzte rieten ihr daher zu einem Kuraufenthalt in den Bergen. Die Wahl fiel auf das beschauliche Sörenberg.

Ein Grossrat vertrieb Lenin mit der Geisel

Natürlich konnte damals im Entlebuch niemand einschätzen, welche Persönlichkeit da plötzlich als Gast im Hotel Mariental residierte. Otto Wicki ist kürzlich 85-jährig geworden. Er arbeitete jahrzehntelang erfolgreich als Chirurg und betätigte sich in der Freizeit als sachkundiger Lokalhistoriker. Er erinnert sich daran, was seine längst verstorbenen Verwandten über Lenin erzählten: «Sie hielten ihn für einen mittellosen Forscher. Er sei nachts oft draussen gesessen und habe Sterne beobachtet.»

Lenins Zeit im Entlebuch war 1960 auch Thema in einem «Blatt für Heimatkunde aus dem Entlebuch». Eine Kopie dieses Dokumentes wurde der «Zentralschweiz am Sonntag» von alt Regierungsrat Anton Schwingruber, Präsident des historischen Vereins Entlebuch, zur Verfügung gestellt. Den Lenin-Artikel verfasste Paul Scherer, ein ausgebildeter Lehrer. Er schrieb unter anderem: «Der 82-jährige Stadelmann Glais schilderte Lenin als kleinen, untersetzten Mann mit einem Spitzbärtchen, der viel gelesen und sich stundenlang unter einer Tanne in der Nähe seines Gütchens aufgehalten habe.

Als Lenin in Sörenberg weilte, war auch der Kapuzinerpater Anselm Niederberger vor Ort. Dieser sprach ab und zu mit dem späteren Regierungschef der Sowjetunion, und der Geistliche soll den Russen werktags sogar regelmässig in der Kirche gesehen haben. Lenin war ein vorsichtiger Mensch. Deshalb brachte er seine Vielzahl von Briefen immer selber per Velo zum Schalter nach Schüpfheim. Der Pferdepost wollte er sie nicht anvertrauen.

Der Russe pflegte angeblich auch nackt in der Waldemme zu baden. Paul Scherer schreibt dazu: «Aus einem solchen Bad im Adamskostüm soll ihn einmal ein luzernischer Grossrat mit der Geissel vertrieben haben.»

In die Entlebucher Zeit fiel auch ein Zahnarztbesuch und zwar bei einem Dr. Lang. Dieser schrieb Scherer folgende Zeilen: «An einem Frühlingsnachmittag um 2 ½ Uhr kam zu mir in meine Sprechstunde ein Mann, der mir in Erinnerung unauslöschlich blieb. Von allen meinen vielen tausend Clienten hat mir keiner einen solchen Eindruck hinterlassen wie dieser Mann.» Und weiter schrieb Dr. Lang: «Das Auffallendste aber waren seine forschenden, dunklen Augen. Er erweckte den Eindruck eines energischen, tiefdenkenden, verschlossenen Menschen.»

Von Sörenberg aus organisierte Lenin 1915 auch die berühmte Zimmerwald-Konferenz. Getarnt als Ornithologen hielten die sogenannten «Weltrevolutionäre» Rat. Vom 5. bis 8. September debattierten in der Zimmerwalder Residenz Beau Séjour 39 handverlesene Politiker, darunter Leo Trotzki. Lenin war mit dem Ergebnis der Tagung unzufrieden und kehrte frustriert nach Sörenberg zurück.
Im Winter 1916 zog das Ehepaar Lenin/Krupskaja nach Zürich. Der Aufenthalt in der Schweiz hinterliess bei Lenin einen durchwachsenen Eindruck. Gefallen fand er an den Bibliotheken. Die Politik aber war ihm viel zu wenig radikal. Im Frühling 1917 kehrte er nach Russland zurück und setzte sich schliesslich an die Spitze der Sowjetunion. Lenin starb im Januar 1924. Dann kam Stalin!

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