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SÖRENBERG: Der umtriebige Wald-und-Wiesen-Pfarrer

Der pensionierte Pfarrer Toni Schmid bringt Älplern den Segen. Und er setzt sich für ein friedliches Zusammenleben der Menschen ein. Dies tat er viele Jahre auch in Kolumbien. Deswegen musste er zweimal Hals über Kopf aus dem Land flüchten.
Roger Rüegger
Pfarrer Toni Schmid mit kolumbianischem Hut vor seiner Baumallee bei seinem Wohnhaus in Sörenberg. (Bild: Philipp Schmidli (30. Juni 2017))

Pfarrer Toni Schmid mit kolumbianischem Hut vor seiner Baumallee bei seinem Wohnhaus in Sörenberg. (Bild: Philipp Schmidli (30. Juni 2017))

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Der alte Käsespeicher vor der Talstation der Luftseilbahn Rothorn in Sörenberg ist Toni Schmids Zuhause. Der 87-jährige pensionierte Pfarrer bittet seine Besucher herein: «Hier drin sagt man einander Du. Ich bin Toni.» Der Raum im Speicher umfasst Küche und Stube. Toni Schmid bittet die Gäste an den Tisch und offeriert einen «Schwarzen». Es ist 13 Uhr, etwas früh für Kaffee im Entlebuch, aber es ist grad gemütlich.

Toni Schmid wohnt seit 2002 in dem umgebauten Speicher, der zur ehemaligen Alp seiner Eltern gehört. «Früher wurden Käsespeicher weit weg vom Hof gebaut. Für den Fall, dass ein Feuer ausbricht. Nun reife ich hier, wie früher der Käse», scherzt er. Was natürlich nicht stimmt. Er hat alle Hände voll zu tun. Als wir eintreffen, unterbrechen wir ihn bei der Reparatur eines kleinen, solarbetriebenen 5-Watt-Motors. Daran befestigt er künstliche Schmetterlinge. «Die drehen sich und sind kaum von echten zu unterscheiden», sagt er. Zudem unternimmt Toni Schmid Bergtouren und fährt gerne Ski. Auch als Geistlicher ist er noch aktiv. Er bringt den Segen zu den rund 20 Bauern und Familien, die in der Region Alpen bewirtschaften. «Das ist eine sehr schöne Handlung. Segnen heisst, Gott zu bitten, er möge den Leuten die Kraft geben, dass ihr Lebenswerk gelingt», erklärt er. Die Menschen auf dem Land würden Gott nie in Frage stellen. Gott sei hier wie ein guter Freund, weil man merke, dass seine Lebenskraft existiere. Schmid zelebriert auch Berggottesdienste, Hochzeiten oder Taufen. «Ich bin der Wald-und-Wiesen-Pfarrer. Ich mache das aber nur bei Einheimischen, auswärts gehe ich nicht mehr.»

In Luzern Gerechtigkeit und Grosszügigkeit gelernt

Auswärts oder in der Fremde war der mit sechs Geschwistern aufgewachsene Toni Schmid sein halbes Leben lang. Nachdem er 1958 die Priesterweihe empfangen hatte, kam er als Vikar in die Pauluskirche nach Luzern, wo Otto Karrer tätig war. «Dieser hatte soeben das Neue Testament frisch übersetzt und war für eine offene und zeitgemässe Kirche. Bei ihm gewann ich Verständnis für die Sorge und Nöte der Leute. Er hat sich zum Beispiel für deutsche Judenflüchtlinge im Krieg eingesetzt. Bei ihm lernte ich Gerechtigkeit und Grosszügigkeit. Es war ganz anders als im Priesterseminar, wo sich alles nur um trockene Theorie drehte.» Später war Schmid fünf Jahre bei der Jugendarbeit in Basel engagiert, wo es ihm gut gelungen sei, junge Leute für die Christenlehre zu begeistern. Danach war er bis 1978 Pfarrer und Religionslehrer in Hitzkirch.

In diesem Jahr verliess er die Schweiz in Richtung Kolumbien. «Ich begleitete als Pfarrer eine Equipe Missionare aus Immensee. Darunter die Lehrerin Emmi Arnold und die Hebamme Rosita Würms. Das war eine gute Kombination. Rosita half den Kindern auf die Welt, Emmi führte sie zu einer guten Bildung, und ich tat meinen Teil zu einem friedlichen Zusammenleben aller. Wir waren für die Leute alle drei Hebammen», sagt Toni Schmid.

Er übernahm dort eine Pfarrei mit 32 Dörfern. Bei seinen Besuchen auf dem Land bemerkte er bald, dass es den Leuten nicht am Glauben fehlte, sondern an den elementaren Mitteln. «Es war oft kein Wasser oder Strom vorhanden, und es existierten praktisch keine Schulen, oder es fehlte an Lehrmitteln und Lehrpersonen. Zusammen mit der Lehrerin und der Hebamme kaufte ich Schulbücher und verbesserte so das Schulsystem.» Gleichzeitig setzte er sich für Bauern ein, denen ein Grossgrundbesitzer das Land weggenommen hatte und der 26 von ihnen acht Monate durch das Militär in ein Gefängnis sperren liess. Es gelang Schmid, zu beweisen, dass der Grossgrundbesitzer rechtlich keinen Anspruch auf das Land hatte, und er erreichte, dass die Bauern ihr Land zurückbekamen. «Stell dir vor, so etwas gab’s dort noch nie!» Der Grossgrundbesitzer habe die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Er bezichtigte Schmid, für das Errichten von kommunistischen Zellen und über internationale Beziehung zuständig für die Bewaffnung der Rebellen zu sein. Zwei grosse Zeitungen berichteten darüber. Das bedeutete in der damaligen Militärdiktatur, dass er auf eine Abschussliste gesetzt wurde, weshalb er 1984 aus Kolumbien flüchten musste. «Jeder Polizist und jeder Soldat im Lande hatte die Gewissheit, durch meinen Abschuss einen Rang ­höherzuklettern», erklärt er.

Wieder in der Schweiz, liess er sich für zehn Jahre als Pfarrer in Luzern nieder. In vielen Gegenden Kolumbiens herrschte inzwischen Krieg. Als Pfarrer, der Spanisch spricht, wurde er eines Tages von einer europäischen Juristendelegation angefragt, sie nach Kolumbien zu begleiten, um die Militärgefängnisse zu besuchen, wo nur Priester mit den Gefangenen ohne Aufsicht reden durften. Angst, erkannt zu werden, hatte Schmid nicht, zumal er als Diplomat reiste.

Nach Pensionierung baute er Dorf für Flüchtlinge

Aus der Schweiz hielt er immer Kontakt mit Emmi, die in El Carmen eine neue Primarschule übernommen hatte. Sie bat ihn nach der Pensionierung 1995, wieder zurückzukommen, Geld mitzubringen und bei ihr eine ­Sekundarschule zu bauen. Noch ehe er damit beginnen konnte, suchten 3000 Personen, die vor den Paramilitärs und Militärs geflüchtet waren, bei den Schweizern Hilfe. Anstatt nur eine Schule baute Schmid ein Dorf mit 300 Hütten für die Flüchtlinge und erweiterte das Projekt Schule, sodass über 1000 Kinder unterrichtet werden konnten. Bei einer Feier liess er einmal Palmen setzen und hielt eine Messe. «Wenn jemand fragte, wo der Padre Suizo wohnt, sagten die Leute jeweils: im grünen Quartier, dort wo die Bäume wachsen», beschreibt Schmid ein Detail.

Der Krieg im Land machte auch vor dem Dorf El Carmen nicht Halt. Immer wieder wurden Personen von Truppen entführt oder erschossen. Schmid musste abermals flüchten. Als er von dieser Zeit berichtet, hält er oft inne und blickt aus dem Fenster in die Ferne. Seine Augen schliessen sich für einen Moment, er atmet tief. Er habe sehr viel Grauen und Elend erlebt. Am Schluss habe er als letzter Europäer in der Kriegszone nichts mehr für seine Leute ausrichten können. Er habe keinen Schlaf mehr gefunden. Kontakt zu den Leuten in Kolumbien hält er oft via Internet. Die Schule wird immer noch von Emmi geführt. In der Schweiz nimmt Schmid genauso wie in Kolumbien Anteil am Leben der Menschen. Und er hat hier wie dort auch Pflanzen gesetzt. Neben seinem Käsespeicher steht eine junge Allee mit einheimischen Hölzern. Wenn jemand in Sörenberg fragt, wo der pensionierte Pfarrer wohnt, lautet die Antwort: dort, wo die Bäume wachsen.

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