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SOFORTHILFE: 8000 Franken pro Verdingkind

54 ehemalige Zentralschweizer Heim- und Verdingkinder wurden für ihre Leiden bisher entschädigt. Geld gibt es aber nur für Menschen, die sich in grosser finanzieller Not befinden.
Sarah Weissmann
Kinder der Armenerziehungsanstalt Dorneren im bernischen Gürbetal bei der strengen Arbeit auf dem Feld. Undatierte Aufnahme aus den 50er-Jahren. (Bild: Keystone/Walter Studer)

Kinder der Armenerziehungsanstalt Dorneren im bernischen Gürbetal bei der strengen Arbeit auf dem Feld. Undatierte Aufnahme aus den 50er-Jahren. (Bild: Keystone/Walter Studer)

Sarah Weissmann

Beim Bundesamt für Justiz konnten Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen bis Ende Juni ein Gesuch um einen Beitrag aus dem Soforthilfefonds einreichen. Schweizweit sind über 1300 Gesuche eingereicht worden, wie das Bundesamt kürzlich mitteilte. Aus den Zentralschweizer Kantonen sind es 101.

54 dieser Gesuche wurden bereits zur Auszahlung an die Glückskette weitergeleitet. Diese hat laut Patricia Kaiser vom Bundesamt für Justiz bisher 416 000 Franken an Opfer aus der Zentralschweiz und 4,6 Millionen Franken schweizweit ausbezahlt. Bei landesweit rund 600 bewilligten Gesuchen sind dies also rund 8000 Franken pro Person. In der Zentralschweiz wurden 3 Gesuche und landesweit 138 Gesuche abgelehnt.

Vermögen ist entscheidend

Grund für die Ablehnungen ist gemäss Patricia Kaiser, dass die Opfereigenschaft der Gesuchsteller fehlte oder eine finanzielle Notlage wegen zu hohen Einkommens oder Vermögens nicht gegeben war. «Die Gesuchsteller müssen sich gegenwärtig in einer finanziell prekären Situation befinden», erklärt Kaiser. Prekär ist die Situation gemäss Mitteilung dann, wenn das Opfer für den Bezug von Ergänzungsleistungen der AHV/IV berechtigt ist. «Besteht kein Anspruch auf die Ergänzungsleistungen, kann das Opfer trotzdem ausnahmsweise in den Genuss der Soforthilfe kommen.» Zum Beispiel dann, wenn die Hilfe zur Selbsthilfe dienen kann. «Das ist der Fall, wenn eine Person dank der Soforthilfe eine schwierige finanzielle Lage dauerhaft überwinden kann», heisst es weiter.

Zudem kann laut Kaiser Soforthilfe nur Personen gewährt werden, die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 waren. Zu den Betroffen zählen gemäss Mitteilung insbesondere Verdingkinder, Heimkinder, administrativ versorgte Menschen, Personen, die unter Zwang oder ohne Zustimmung eine Abtreibung, Sterilisierung oder Kastration über sich ergehen lassen mussten, sowie Zwangsadoptierte oder Betroffene von Zwangsmedikation.

«Die Soforthilfe ist ausserdem Personen vorbehalten, für die die Androhung, die Anordnung oder der Vollzug dieser Massnahmen eine die persönliche Integrität schädigende Härte bedeutet hat», sagt Kaiser. Darunter sind beispielsweise bleibende körperliche Schäden zu verstehen, Demütigungen oder willkürliche Bestrafungen.

Werden 300 Millionen verteilt?

Der Soforthilfefonds wurde im April 2014 in Zusammenarbeit zwischen dem von Bundesrätin Simonetta Sommaruga einberufenen runden Tisch, der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren und der Fachdirektorenkonferenz Lotteriemarkt und Lotteriegesetz sowie der Glückskette geschaffen. Der Fonds wird mit freiwilligen Beiträgen von Kantonen, Städten, Gemeinden sowie privaten Organisationen, Unternehmen und Personen unterstützt. Gegenwärtig verfügt der Fonds noch über rund 1,2 Millionen Franken. Bei den kantonalen Opferhilfe-Beratungsstellen, mit denen das Bundesamt zusammenarbeitet, sind noch einige Gesuche hängig. «Deshalb könnte sich die Zahl der Gesuche noch leicht erhöhen», sagt Kaiser. Bei 44 der 101 Zentralschweizer Gesuche steht ein Entscheid noch aus. Die Prüfung aller Gesuche soll bis Anfang 2016 abgeschlossen sein.

Auf die Soforthilfe sollen nach Ansicht des Bundesrats Solidaritätsbeiträge im Umfang von 300 Millionen Franken folgen. Die entsprechende Vorlage befindet sich noch bis Ende September in der Vernehmlassung.

Pro Tag gab es zwei Kartoffeln zum Essen

Die Geschichte des im Kanton Nidwalden geborenen S. A., der als uneheliches Kind einer Magd zur Welt kam und nach Obwalden verschoben wurde, ist durch Walter Zwahlen, Präsident des Vereins Netzwerk-verdingt, verfasst und veröffentlicht worden. Das Hauptanliegen des Vereins ist es, dieses Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. A.s Geschichte steht hier stellvertretend für Zehntausende Opfer.

Gearbeitet wie ein Knecht

Wegen Mordes sass S. A.s Vater mehrere Jahre im Gefängnis. Die Mutter kümmerte sich nicht um den Säugling. Im Alter von drei Monaten kam A. zu einer älteren Frau, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Betreuung von Verdingkindern verdiente. Er blieb bei ihr bis zum achten Lebensjahr.
Anfang der 2. Klasse kam A. zu einem Kleinbauern im Kanton Obwalden, einem rabiaten Schläger. Von morgens bis abends musste A. wie ein Knecht auf dem Hof arbeiten. Es gab immer zu wenig zu essen – nur zwei Kartoffeln. Am Sonntag wurde der Junge vom Bauern entweder im Zimmer oder im Stall eingesperrt. Schläge waren die Regel, meist so stark, dass A. kaum mehr gehen konnte.

In Schule von anderen getrennt

Der sehr ausgeprägte Katholizismus hat A.s Ansicht nach eine wichtige Rolle bei seiner Behandlung gespielt. Als Sohn eines verurteilten Mörders war er quasi abgeschrieben. In der Schule musste er allein, gut sichtbar, von den andern Kindern getrennt, zuhinterst sitzen. Diese Demütigung weckte seinen Widerstand, er begann auffällig zu werden und wurde in eine andere Schule versetzt. In dieser Zeit wurden die miserablen Zustände beim gewalttätigen Bauern bekannt. Eine Haushaltshilfe informierte die Gemeinde über die rohe Behandlung von A. Und ein Nachbar drohte der Gemeinde, wenn sie nichts unternehme, werde der Knabe von diesem Schläger umgebracht.
A. kam zu einem andern Bauern, bei dem es ihm besser ging. Dennoch wurde er in ein Erziehungsheim versetzt. Er flüchtete zurück zu dem zweiten Bauern, wurde wieder abgeholt und ins Heim gebracht. Diese Massnahme hatte eine enorme Schockwirkung. Sie führte bei A. zu Gedächtnis- und Kombinationsproblemen.
Durch das Erziehungsheim fühlte sich A. gezeichnet und bekam Minderwertigkeitsgefühle. Nach seiner Lehre als Schlosser lernte er berufsbegleitend Heizungs- und Sanitärmonteur. Wegen der früher erlittenen Schläge beim Kleinbauern bekam er aber zunehmend massive Rückenprobleme, sodass er nicht mehr auf seinem Beruf arbeiten konnte. Als Erwachsener fand er eine Stelle als Anlageführer, die er bis zur Pensionierung innehatte.

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