Sommergeschichten: Der Kaiman vom Hallwilersee war auch schon eine Wurst

Gewisse Themen passen einfach perfekt in die Sommermonate. Oft haben sie mit Tieren zu tun. Manchmal auch mit Nahrungsmitteln.

Roger Rüegger
Merken
Drucken
Teilen

Früher mag das Phänomen des Sommerlochs so manchen Journalisten geplagt haben. Tempi passati! Denn in diesen hektischen Zeiten macht das Leben noch nicht einmal mehr in den Sommerferien Pause. Die sprichwörtliche Saure-Gurken-Zeit gibt es – wenn schon – höchstens noch zwischen Weihnachten und Neujahr.

Trotzdem: Gewisse Themen scheinen mitten im Sommer etwas leichter zu gedeihen als in den kühleren Jahreszeiten. Der Kaiman im Hallwilersee etwa gehört in diese Kategorie. Er ist von überschaubarer Relevanz und doch in aller Munde. Der Kaiman ist quasi der journalistische Sommerhit 2019. Solche gab es auch schon früher immer wieder. Gerne blicken wir auf einige der früheren Sommerschlager zurück – und beginnen mit einem vergleichsweise ernsthaften Thema:


2017
Die Sanierung nach der Sanierung

Vor zwei Jahren sorgen Sanierungsarbeiten an der Luzerner Seebrücke für Emotionen. Denn Teile des Belags müssen schon wieder erneuert werden – obwohl eine umfassende Sanierung doch nur drei Jahre zuvor erfolgt ist. Im neuen Belag haben sich aber bereits nach kurzer Zeit wieder Dellen und Spur-Rillen gezeigt. Der damalige Projektleiter Infrastrukturprojekte der Stadt Luzern, Jörg Hartmann, spricht von «kleineren Nachbehandlungen». Es sollte eine grössere Operation werden – entsprechend bleiben die Reaktionen nicht aus. Kein Wunder: Schliesslich wird die Seebrücke als Nadelöhr täglich von rund 38 000 Fahrzeugen passiert. Die Arbeiten werden zum Politikum. Die CVP der Stadt Luzern sieht die Grenzen des Tolerierbaren überschritten, deren Präsidentin Andrea Gmür fordert einen Baustopp. Eine Zumutung seien die Arbeiten – für die Handwerker, für die Stadtbewohner, für die Touristen, kurz: für alle.

Die Belagssanierung der Luzerner Seebrücke hat in der Stadt Luzern zu grossen Staus und Verkehrsbehinderungen geführt. (Bild: Eveline Beerkircher, Luzern, 4. Juli 2017)

Die Belagssanierung der Luzerner Seebrücke hat in der Stadt Luzern zu grossen Staus und Verkehrsbehinderungen geführt. (Bild: Eveline Beerkircher, Luzern, 4. Juli 2017)

Weshalb sich der neue Belag kurz nach der Sanierung verformt hatte, ist nicht restlos geklärt. Möglicherweise wurde die Fahrbahn nach dem Einbau des Belags zu früh wieder für den Verkehr freigegeben. Doch die Geschichte hatte irgendwie ein Happy End. Am Montag, 17. Juli, um 6 Uhr wird die Seebrücke wieder für den Verkehr freigegeben – zwei Wochen nach Baubeginn und eine Woche früher als geplant. Dank des trockenen Wetters ging es schneller – und weil es «keine bösen Überraschungen» gegeben habe, wie Reinhard Hofmann, Projektleiter im Stadtluzerner Tiefbauamt, gegenüber der «Luzerner Zeitung» sagte.


2013
Der Luzerner Stadtrat will Parkbänke wegsparen

Schon etwas länger zurückliegt eine sommerliche Posse, die sich ebenfalls in der Stadt Luzern zugetragen hat. Der Stadtrat setzt sich in ein Wespennest, als er im Rahmen eines happigen Sparpakets beschliesst, alte und defekte Parkbänke nicht mehr zu ersetzen. Die Bänkli sollten nach und nach dezimiert und damit Unterhaltskosten gespart werden. Gemäss Schätzungen wären von total 1200 Bänken jährlich rund 100 Einheiten weggefallen. Mit dieser Massnahme wollte der Stadtrat pro Jahr 80 000 Franken sparen.

Als unsere Zeitung – damals noch «Neue Luzerner Zeitung» – die Bänkli-Pläne im Juli 2013 publik macht, sorgt dies für heisse Diskussionen. Die Leserinnen und Leser sind in ihren Kommentaren unzimperlich: «Wie tickt ein Politiker-Gehirn?», wird etwa gefragt. Die Rede ist auch von einem «Affront gegen die Alten und Schwachen». Und dem Verbandspräsidenten der Luzerner Quartiere haut es gar «den Nuggi raus».

Streitobjekt in der Stadt Luzern: Die roten Sitzbänke. (Bild: Nadia Schärli, 16. Juni 2013)

Streitobjekt in der Stadt Luzern: Die roten Sitzbänke. (Bild: Nadia Schärli, 16. Juni 2013)

Die meisten Parteien unterstützen die Sparmassnahme des Stadtrates nicht. Der Sturm legt sich erst gegen Ende des Sommers wieder, als der Stadtrat an einer Medienkonferenz darüber informiert, nun doch alle 1200 Bänke erhalten zu wollen. Er hat mit den Berufsverbänden der Maler und Schreiner sowie mit Luzern Tourismus eine Lösung gesucht – und gefunden.


2012
Dem Hirschpark in Luzern droht das Ende

Von fehlendem Geld handelt auch eine Geschichte, die sich im Sommer davor abgespielt hat. Es geht um Leben und Tod – mithin um das Schicksal jener 20 Hirsche, die im Luzerner Friedental leben. Aus Spargründen hat die Stadt Luzern beschlossen, den dortigen Hirschpark nicht mehr weiter zu unterstützen. Auch ein Postulat des Kinderparlaments, das jährlich 20'000 Franken für den Erhalt des Hirschparks fordert, bleibt erfolglos. «19 Hirschen droht die Erschiessung», titelt folgerichtig die «Neue Luzerner Zeitung» am 4. Juli 2012. Der Unwille des Stadtrats und die drohende Schliessung des Hirschparks lösen viele Reaktionen in der Bevölkerung aus.

Der Hirschpark ist für die nächsten Jahre gerettet. Auf dem Bild zu sehen ist Hirsch «Nöggi». (Bild: Pius Amrein, Luzern, 12. Oktober 2012)

Der Hirschpark ist für die nächsten Jahre gerettet. Auf dem Bild zu sehen ist Hirsch «Nöggi». (Bild: Pius Amrein, Luzern, 12. Oktober 2012)

Zum Glück geht auch diese Geschichte gut aus: Eine Privatperson und mehrere Betriebe spenden dem Hirschpark 10'000 beziehungsweise 20'000 Franken und verpflichten sich zudem dazu, den Trägerverein «Freunde des Hirschparks» über mehrere Jahre hinweg mit Zuwendungen zu unterstützen. Und für den Verein erweist sich die Berichterstattung noch aus einem weiteren Grund als Segen: Er kann mit Blick auf die Anzahl Mitglieder und Gönner einen beträchtlichen Zuwachs verzeichnen.


2012
In Hünenberg geht es um die Wurst

Quasi zeitgleich hält auch ein Diebstahl die Schweiz in Atem: In Hünenberg ist – schon wieder – eine Wurst verschwunden. Schon zwei Mal zuvor haben Unbekannte die zwei Meter grosse und rund zehn Kilogramm schwere Polyester-Nachbildung einer Bratwurst entwendet. Der Werbeträger aus Polyester im Wert von rund 3000 Franken wird zu einem Fall für die Zuger Strafverfolgungsbehörden – wobei die Medien wacker bei den Ermittlungen mithelfen: «Wo steckt bloss die Bratwurst?», fragt die «Neue Zuger Zeitung».

Die Bratwurst der Metzgerei Limacher in Hünenberg wurde wieder gefunden. Im Bild: Simon Mayr und Andrea Häcki von der Metzgerei präsentieren die Wurst. (Bild: Werner Schelbert, Hünenberg, 25. Juli 2012)

Die Bratwurst der Metzgerei Limacher in Hünenberg wurde wieder gefunden. Im Bild: Simon Mayr und Andrea Häcki von der Metzgerei präsentieren die Wurst. (Bild: Werner Schelbert, Hünenberg, 25. Juli 2012)

Die Boulevardpresse mit den grossen Buchstaben geht ins Detail: «Die Zuger Polizei sucht eine braun gebrannte Bratwurst.» Und selbst der NZZ ist die Wurst eine Kurzmeldung wert. Und so kommt es, dass schon kurz darauf eine 52-jährige Spaziergängerin das Corpus Delicti im Frauentalerwald bei Hagendorn findet. «Die Provinzposse hat ein glückliches Ende gefunden», meint daraufhin ein Sprecher der Zuger Polizei.


2005
Ein Tierpolizist schiesst den Hund ab

Wir blättern noch einige Jahre weiter in die Vergangenheit – ins Jahr 2005 – und sind nun im Sagenwald bei Römerswil. Am 12. Juli befindet sich hier eine Reiterin zusammen mit Freunden auf einem Ausritt. Wie immer ist auch ihr Hund Neddy dabei. Als der Gruppe ein Auto entgegenkommt, springt der Hund in den Wald. Kurz darauf ertönt ein Schuss, der Hund kommt nicht zurück. Auf der Suche nach dem Tier begegnet die Frau einem Jäger. Dieser will den Hund nicht gesehen haben. Die Suchgruppe findet daraufhin zwar nicht das Tier, aber Blutspuren, die sie untersuchen lässt: Sie stammen von Neddy.

Später stellt sich heraus, dass besagter Jäger den Hund erschossen hat. Die Reiterin erstattet Anzeige. Pikant: Beim Jäger handelt es sich ausgerechnet um den damaligen Wasenmeister der Stadt Luzern, also den Tierpolizisten. In seiner Wahrnehmung hat der Hund gewildert. Die Geschichte verursacht einigen Wirbel; die SVP der Stadt Luzern fordert die sofortige Entlassung des «Rambo-Polizisten». Die Amtsstatthalterin von Hochdorf stellte das Verfahren gegen den Stadtpolizisten und Jäger ein. Die Hundehalterin legte Rekurs ein. Der Tierpolizist wurde daraufhin vom Amtsgericht Hochdorf zu einer Busse von 1000 Franken verurteilt. Der Mann zog das Urteil seinerseits weiter. Das Obergericht hat seine Beschwerde gegen den Entscheid des Luzerner Amtsgerichtes abgewiesen.

In einer ersten Version haben wir nur geschrieben, dass der Tierpolizist im Januar 2007 vom Amtsgericht freigesprochen wurde.


2005
Ente Erika nistet sich im Frauen-WG ein

Im gleichen Sommer an der Kleinmattstrasse in Luzern: Schon im Frühling hat auf dem Balkon einer Frauen-WG eine Stockente ihr Domizil bezogen. In einen Blumentopf legt sie neun Eier, begrüsst jede Person, die sich ihr nähert mit einem bestimmten Fauchen. Die Frauen sind zuerst verunsichert und wissen nicht so recht, ob ein Nebeneinander mit der Ente funktionieren kann. Doch das Tier darf bleiben. Die drei Frauen freuen sich mit ihr auf den künftigen Nachwuchs. Die Ente erhält einen Namen und heisst fortan Erika – in Anspielung auf den früheren Inhalt des Blumentopfs, in dem einst ein Heidekraut gedieh.

Die WG-Bewohnerinnen freuen sich, die Jungen von Entenmutter Erika endlich mal in der Hand halten zu können. Anschliessend wurden die Tiere am Inseli in die Wildnis entlassen. (Bild: Michael Buholzer, Luzern, 7. Mai 2005)

Die WG-Bewohnerinnen freuen sich, die Jungen von Entenmutter Erika endlich mal in der Hand halten zu können. Anschliessend wurden die Tiere am Inseli in die Wildnis entlassen. (Bild: Michael Buholzer, Luzern, 7. Mai 2005)

Die «Luzerner Zeitung» berichtet regelmässig über den aktuellen Stand. So erfahren die Leser etwa von einem Experten der Vogelwarte, dass das Entenmami alles richtig gemacht hat, und dass der Erpel kaum auftauchen wird, da Enten nicht ein Leben lang zusammen bleiben wie einige andere Vogelarten. Informiert wird die Öffentlichkeit auch darüber, dass plötzlich 12 Eier da sind. Auch über den Geburtstermin wird in der Zeitung spekuliert: Vermutet wird, dass die Küken am 10. Mai schlüpfen. Doch es geht schneller: Das erste Jungtier aus Erikas Blumentopf meldet sich schon am 6. Mai.