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SOMMERSERIE: Annette Windlin – mit Flickflack in die Theaterszene

Heute stemmt Annette Windlin grosse Freilichttheaterkisten. Sie kann auf langjährige Erfahrung zurückgreifen. Als Siebenjährige gab sie in einem Küssnachter Quartier Zirkusvorstellungen. Der Apotheker von nebenan lieferte die Requisiten.
Annette Windlin auf der Luzerner Allmend. Die Ausmasse eines Circus Knie hat Windlins Kinderzirkus nie angenommen. (Bild: Corinne Glanzmann (18. Juli 2017))

Annette Windlin auf der Luzerner Allmend. Die Ausmasse eines Circus Knie hat Windlins Kinderzirkus nie angenommen. (Bild: Corinne Glanzmann (18. Juli 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Windlin! Da hört man schon auf der Lautebene den Wirbelwind sausen. Und der war für die in Küssnacht am Rigi geborene Theaterfrau Annette Windlin (57) schon früh ein wichtiger Antreiber. Ein Bewegungskind war sie. Ein Alphatier, das den Betatieren im Quartier, in dem sie aufwuchs, mit ihrer Begeisterungsfähigkeit Beine machte für ihren Kinderzirkus, dessen Darbietungen jeden Sommer fest ins Küssnachter Quartierleben gehörten.

Mit liebevoller Sorgfalt hat Windlins Mutter eine der vielen Zirkusepisoden im Familienalbum dokumentiert. Auf einem Schwarz-Weiss-Foto aus dem Jahr 1968 sieht man aus der Vogelperspektive den Zirkus Windlin: Im Oval angeordnete Gartenholzstühle grenzen das Zirkus­gelände ab. Auf den Stühlen verfolgen Kinder ein absurdes Bewegungstheater, in dessen Zentrum ein weiss bekittelter Junge mit einer riesigen Vorführzahnbürste aus dem Sortiment schulischer Dentalhygienikerinnen herumfuhrwerkt. Vor ihm ein junger Darsteller – oder ist es eine Darstellerin? – auf allen vieren. «Das könnte auch die siebenjährige Annette gewesen sein», mutmasst Windlin, mit Blick auf ihre jüngeren Tage.

Das Zirkuscatering organisierten die Kinder

Die Requisiten zur Verfügung gestellt hatte damals der Apotheker von nebenan. Die heute verschollenen Programmzettel, auf denen zuverlässig je eine Clownnummer angekündigt wurde, bastelte man selbst. Das Schleckzeug aus gebranntem Zucker für das Zirkuscatering ebenso. Die Eltern waren bei den Vorführungen zugelassen – jedoch nur als Gäste.

Ein Wanderzirkus war Windlins Zirkus allerdings nie. Dafür war ihr Aktionsradius als Siebenjährige zu begrenzt. Dennoch wanderte die Idee mit ihr mit, als sie knapp achtjährig in ein anderes Quartier zog. Dort setzte der Zirkus in einer neuen Konstellation seine Erfolgsgeschichte fort.

Die Freude an Bewegung und an der Komik, die in so einer grössenverzerrten Zahnbürste liegt sowie der Ehrgeiz, die kreative Kraft der Quartierkinder zu bündeln, all das ist heute noch wichtige Triebfeder für die Arbeit der Schauspielerin, Theaterautorin und Regisseurin, die oft und gerne mit Laien arbeitet und Begeisterungsfähigkeit für ihre Arbeit unentbehrlich hält.

«Ich kümmerte mich jeweils um die gesamte Produktion», erinnert sie sich. Und das tut sie auch heute noch am liebsten. Diesen Sommer war sie die regieführende Hand der Luzerner Freilichtspiele auf der Halbinsel Tribschen. 2015 inszenierte sie «Morgarten – der Streit geht weiter» nach einem Text von Paul Steinmann. Kurz: Die gerne die Fäden in den Händen haltende Innerschweizer Kulturpreisträgerin des Jahres 2010 ist gut im Geschäft. Doch für den Weg zum Sprechtheater hat sie im Laufe der Jahre einige Umwege genommen, wenngleich es in ihrer Familie Tradition war, zu Weihnachten ein Krippenspiel aufzuführen. Weil die Rollen nicht auf alle fünf Sprösslinge verteilt werden konnten, spielte Windlin – «weil ich die grösste Röhre hatte» – die drei bösen Wirte in Personalunion. «Die Maria hätte man mir eh nicht abgenommen.»

Mit 15 entdeckte Windlin im Tessin die frisch eröffnete Dimitri-Schule in Verscio. Die Tochter einer kulturaffinen und doch ­bodenständigen Familie – man führte im luzernischen Greppen einen Käsereibetrieb – grenzte sich von der Literaturversessenheit ihrer Eltern früh ab mit Bewegungsdisziplinen wie Akrobatik und Sport. Das elterliche Bücherregal wurde erstmals links liegen gelassen, eine solide Primarlehrerinnenausbildung absolviert mit dem Ziel, den Sprung an die Dimitri-Schule in Verscio zu schaffen. Erst dort ging Windlin auf, dass sie die Theaterstoffe, die sie einst verschmäht hatte, weit mehr interessierten als die Beherrschung von Flickflacks.

Die Kunst, richtig zu scheitern

Wo die Kinderzirkusjahre Windlin spüren liessen, wo ihre Leidenschaft sitzt, lernte sie am Lehrerseminar eine weitere Lektion für ihre Künstlerkarriere: Ein Jahr lang versuchte sie vergeblich, mit ihrer jüngeren Schwester und deren Freundinnen ein Theaterstück zu inszenieren. Die als Abschlussarbeit gedachte Inszenierung scheiterte schliesslich nicht am Motivationstief der Beteiligten, sondern an der mangelnden Führungserfahrung der Regisseurin. Ihr damaliger Mentor, der verstorbene Luzerner Hörspielautor Fritz Zaugg, ermutigte sie schliesslich, über ihr Scheitern zu schreiben. «Diese tiefgehende Selbstreflexion ist bis heute ein wichtiger Aspekt meines künstlerischen Schaffens.»

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