SOZIALINSPEKTOR: «Ich sehe mich nicht als Aufpasser»

Sozialinspektor Claudio Bauer, der Emmer Sozialinspektor, hört per Ende März auf. Im Interview zieht der 38-Jährige nach zweieinhalb Jahren im Amt Bilanz.

Interview Florian Weingartner
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Claudio Bauer, Sie sind seit gut zweieinhalb Jahren als Sozialinspektor für Emmen und eine ganze Reihe weiterer Gemeinden tätig. Was ist der grösste Fall von Betrug, den Sie bisher aufdecken konnten?

Claudio Bauer: Rein von der Höhe des Missbrauchsbetrags her gesehen war dies ein Fall, bei dem eine Sozialhilfebezügerin aktiv und über mehrere Jahre arglistig verschwiegen hatte, dass sie mit ihrem Freund in der gleichen Wohnung lebte und von diesem zum Teil auch noch finanziell unterstützt wurde. Dadurch leistete die betroffene Gemeinde zu hohe Zahlungen im Rahmen der wirtschaftlichen Sozialhilfe. Der Freund bezahlte keine Wohnungsmiete – lebte also sozusagen gratis in der vom Sozialamt finanzierten Wohnung. Interessant sind jedoch andere Fälle, wie zum Beispiel ein aufgedeckter Autohandel, bei dem während der Unterstützung durch die Sozialhilfe rund 100 Autos verkauft wurden, oder eine Person, die mit einigen hundert Verkäufen auf einer Online-Verkaufsplattform zusätzlich zur Sozialhilfe einen Reingewinn von 37 000 Franken erwirtschaftete.

Wie gross ist die Deliktsumme der von Ihnen in dieser Zeit aufgedeckten Fälle?

Bauer: Die gesamte Missbrauchssumme von Emmen und den Vertragsgemeinden betrug in meiner Zeit als Sozialinspektor bis anhin zirka 600 000 Franken. Darin ist auch ein einzelner Fall mit einer Deliktsumme von über 200 000 Franken enthalten.

Gab es im abgelaufenen Jahr gegenüber dem Vorjahr Verschiebungen, was Art und Zahl der Delikte und Deliktsummen betrifft?

Bauer: Die Anzahl der regionalen Abklärungen nahm stetig zu. Einfachere Fälle von Sozialhilfemissbrauch werden oft von den Gemeinden selber gelöst, die Fälle, die ich bearbeite, wurden zum Teil komplexer.

Im Sommer machten Sie auf eine neue Masche, den Autohandel, aufmerksam. Gibt es weitere neue Entwicklungen im Deliktbereich?

Bauer: Nein, es sind nach wie vor die üblichen drei Bereiche wie Wohn-, Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Gegenüber dem Sozialamt verschwiegene Nebeneinkommen aus Autohandel sind aber nach wie vor ein wichtiges Thema.

Sie arbeiten neben Ihrer Haupttätigkeit für die Gemeinde Emmen wie gesagt auch in kleineren Pensen sowie auf Auftragsbasis für weitere Gemeinden. Wie sieht Ihr Anstellungsverhältnis genau aus?

Bauer: Die sechs Gemeinden Luzern, Horw, Kriens, Root, Buchrain und Wolhusen besitzen ein jährliches Arbeitspensum von 50 Prozent, dazu kommen einzelne Aufträge anderer Gemeinden.

Haben Sie noch Kapazitäten für weitere Aufträge, oder brauchen Sie bald Verstärkung?

Bauer: Das regionale Sozialinspektorat der Gemeinde Emmen ist stets gut ausgelastet, und es fehlt nicht an Arbeit. Ein möglicher Ausbau der Leistungen des Sozialinspektorats wäre abhängig von der zukünftigen Auftragslage. Derzeit ist ein Ausbau des Sozialinspektorats der Gemeinde Emmen jedoch nicht vorgesehen.

Wie reagieren die Betroffenen, wenn sie merken, dass gegen sie ermittelt wird?

Bauer: Das kommt sehr auf die Situation an. Nachdem ich genügend Indizien gegen die verdächtigten Personen gesammelt habe, befrage ich diese oft schriftlich. Dabei gibt es vereinzelt Personen, die sehr impulsiv reagieren. Andere weinen, wenn sie merken, dass ihr Handeln aufgeflogen ist und sie nun mit ernst zu nehmenden Konsequenzen, etwa Kürzungen des Sozialhilfebudgets, Einstellung der Sozialhilfe oder auch einer Strafanzeige rechnen müssen.

Belasten Sie die Schicksale, mit denen Sie bei der Arbeit unweigerlich in Berührung kommen?

Bauer: Man braucht in diesem Beruf die nötige professionelle Distanz. Man muss sich abgrenzen, um sich selber zu schützen. Das heisst nicht, dass man nie etwas mit nach Hause nimmt. Aber das kommt äusserst selten vor.

Kommt es auch zu Anfeindungen oder gar heiklen Situationen?

Bauer: Bis jetzt habe ich erst eine einzige heikle Situation erlebt. Das war bei einem unangemeldeten Hausbesuch. Meine Begleitperson vom Sozialamt und ich wurden freiwillig in die Wohnung hereingelassen und führten mit der einen Person ein ruhiges und freundliches Gespräch. Als der Mitbewohner jedoch zwischenzeitlich aus dem Schlaf aufgewacht war und sich danach sehr impulsiv in das Gespräch einmischte, war es nicht mehr möglich, das bis anhin freundliche Gespräch aufrechtzuerhalten. Bevor die Situation zu eskalieren drohte, mussten wir die Wohnung verlassen.

Nebst Ihrer Bürotätigkeit sind Sie auch im Aussendienst unterwegs. Wie muss man sich das vorstellen?

Bauer: Im Aussendienst kläre ich zum Beispiel ab, ob eine Person wirklich an der angegebenen Adresse wohnhaft ist, wie viele Personen im Haushalt leben oder ob jemand einer gegenüber dem Sozialamt nicht deklarierten Arbeit nachgeht.

Ermitteln Sie oft verdeckt?

Bauer: Dies kommt sehr auf die Art der Fälle an. Um gute Resultate im Aussendienst zu erzielen, ist eine verdeckte Ermittlung nötig. Die Realität «draussen» kann anders aussehen als zum Beispiel das Verhalten und Auftreten von Personen im Sozialamt.

Sie waren vor dem Amt als Sozialinspektor lange Zeit als Polizist tätig. Gefällt Ihnen die Rolle des «Aufpassers»?

Bauer: Ich sehe mich nicht in der Rolle des «Aufpassers». Ich versuche lediglich, gezielt die «schwarzen Schafe» ausfindig zu machen. Der Einsatz des Sozialinspektors ist auch als Schutz für all diejenigen zu sehen, die sich an die Bestimmungen und Vereinbarungen halten. Leider, und das uns die Vergangenheit gelehrt und ist wohl eine Tatsache, geht es heutzutage nicht mehr ohne eine gewisse Kontrolle ...

Wenn man die Berichterstattung in den Medien verfolgt, bekommt man den Eindruck, dass Bezüger von Sozialleistungen immer stärker unter Druck geraten, ihre Hilfsbedürftigkeit zu rechtfertigen. Ist der Sozialinspektor auch ein Repressionsinstrument?

Bauer: Meiner Meinung nach lautet die Antwort klar Nein. Grundsätzlich gilt, dass diejenigen Personen, die Hilfe brauchen, auch Hilfe bekommen. Jeder Sozialhilfebezüger wird durch die Gemeinde Emmen oder durch unsere regionalen Partner von Anfang an orientiert, dass bei Verdacht weitergehende Abklärungen, zum Beispiel eben der Einsatz des Sozialinspektors, getätigt werden. Grundsätzlich müssen die ehrlichen Sozialhilfebezüger keine solchen Abklärungen fürchten.

Die Wolhuser Leiterin des Sozialamts sagt, Sie hätten Abläufe in der Verwaltung verbessert. Treffen Sie in den Gemeinden oft auf verbesserungswürdige Zustände?

Bauer: Als regionaler Sozialinspektor habe ich den Vorteil, dass ich durch meine Arbeit mit verschiedenen Gemeinden zusammenarbeiten darf. Sicher kann ich mit dem einen oder anderen Tipp den Gemeinden weiterhelfen. Verallgemeinern lässt sich das aber nicht, jede Gemeinde hat spezielle Bedürfnisse.

Brauchen Ihrer Meinung nach alle Gemeinden einen Sozialinspektor?

Bauer: Ich bin sicher, dass jede noch so kleine Gemeinde irgendwann mal bei einem Fall an Grenzen stossen wird, wo sie gerne externe Hilfe in Anspruch nehmen würde. Es macht aber aus Kostengründen keinen Sinn, dass jede Gemeinde einen eigenen Sozialinspektor beschäftig. Daher sind Vereinbarungen, wie sie die Gemeinde Emmen mit den anderen Gemeinden abschliesst, äusserst sinnvoll und zielführend.

Sie standen viel weniger in der Öffentlichkeit als Ihr Vorgänger Christoph Odermatt. Ein bewusster Entscheid?

Bauer: Damals im Jahr 2005 war Christoph Odermatt der erste Sozialinspektor – dies wurde von verschiedensten Seiten ge­naustens beobachtet und warf seinerzeit auch einige Fragen auf. Mittlerweile ist die Tätigkeit der Sozialinspektoren wohl schweizweit bekannt und auch weitgehend akzeptiert. Es braucht diesbezüglich keine «Öffentlichkeitsarbeit» mehr.

Sie haben Ihre Stelle auf Ende März 2013 gekündigt. Aus welchem Grund?

Bauer: Ich gönne mir eine längere berufliche Auszeit und habe vor, Nord- und Südamerika zu bereisen. Meine Kündigung hat in keiner Art und Weise mit der Arbeit als Sozialinspektor zu tun. Ich bin mit «Herz und Seele» Sozialinspektor, mag meine Arbeit, und ich kann mir sehr gut vorstellen, in Zukunft wieder im gleichen oder einem ähnlichen Bereich zu arbeiten.

Ist schon bekannt, wer Ihr Nachfolger wird?

Bauer: Ja, dieser ist bekannt. Er wird offiziell ab April 2012 die Stelle als Sozialinspektor antreten. Vorher wird er noch eingearbeitet. Wir werden zu gegebener Zeit die Öffentlichkeit über unsere Wahl informieren.

Was werden Sie ihm mit auf den Weg geben?

Bauer: Den Menschen mit Anstand und Respekt zu begegnen. Ein Sozialinspektor braucht das nötige Geschick, mit Menschen umzugehen, gute Umgangsformen, Spürsinn, Geduld, Ausdauer, aber auch ein konsequentes Handeln.