SPARPAKET: Kanton Luzern lässt Behinderte im Stich

Die Sparmassnahmen des Kantons Luzern wirken sich massiv auf das Leben von Behinderten aus. Betroffene Familien aus der Region sind verzweifelt.

Beatrice Vogel
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Samra Pasic (links), Juan Manuel Torre, Nadine Wismer und Kujtesa Hazaraj sind schwer behindert und auf professionelle Betreuung angewiesen. (Bild Dominik Wunderli)

Samra Pasic (links), Juan Manuel Torre, Nadine Wismer und Kujtesa Hazaraj sind schwer behindert und auf professionelle Betreuung angewiesen. (Bild Dominik Wunderli)

Nadine Wismer aus Ebikon, Samra Pasic aus Root, Kujtesa Hazaraj aus Kriens und Juan Manuel Torre aus Horw sind schwer mehrfachbehindert. Die 17-Jährigen sind Schüler in der Stiftung Rodtegg. Im kommenden Sommer werden sie die obligatorische Schulzeit abschliessen und die Rodtegg verlassen müssen. «Wir hatten für alle bereits einen Platz in der Tagesstätte von Novizonte organisiert», sagt Nadines Mutter Romy Wismer. «Wegen des Sparpakets des Kantons kann Novizonte unsere Kinder nun doch nicht aufnehmen.» Auch bei anderen Betreuungsangeboten haben die Eltern keinen Platz für ihre Kinder gefunden. Wismer: «Wir sind ratlos.»

Lebensqualität dank Betreuung

Die Jugendlichen benötigen rund um die Uhr Betreuung, da sie nicht in der Lage sind, selbstständig zu essen, sich anzuziehen oder zu waschen. In der Nacht brauchen sie Überwachung, und einige von ihnen müssen mehrere Male pro Nacht umgelagert werden, um Krämpfe und Schmerzen zu verhindern. Wenn sie zu Hause sind, ist es kaum möglich, sie auch nur eine halbe Stunde allein zu lassen. Die Familien stossen zwangsläufig an körperliche und emotionale Grenzen.

«Ich könnte nicht mehr arbeiten und müsste mich ausschliesslich um Nadine kümmern», sagt Romy Wismer. Im Moment hat sie eine Teilzeitstelle, ihr Mann arbeitet Vollzeit. Sehr ähnlich geht es den drei anderen Familien. Sie alle müssten ihr berufliches Engagement reduzieren, um ihre Kinder zu Hause zu pflegen. Aber es gehe gar nicht um die Opfer, die man selbst bringen müsse, sagt Romy Wismer. «Wenn Nadine die ganze Zeit zu Hause bleibt, fehlt ihr der Kontakt zu anderen Menschen. So verkümmert sie.» Dank der Betreuung habe Nadine viel mehr Lebensqualität und werde selbstständiger. Beispielsweise hat sie in der Gruppe gelernt, ihren eigenen Rollstuhl zu bedienen – weil die anderen es ihr vorgemacht haben. Wismer: «Ich selbst kann Nadine nicht die Möglichkeiten bieten, die sie mit einer professionellen Betreuung erhält.»

Versprochene Gelder gestrichen

Beim Verein Novizonte bedauert man, dass die Jugendlichen nicht aufgenommen werden können. «Es war schon so gut wie sicher, dass wir vom Kanton die nötigen Mittel erhalten, um ab nächstem Sommer mehr Betreuungsplätze anzubieten», sagt Roland Aeschimann, Leiter der Tagesstrukturplätze Novizonte in Kriens. Der Plan war, die aktuell acht Plätze auf sechzehn auszubauen. Dazu wäre ein Umbau im Haus nötig. «Mit den betreffenden Familien waren wir im Gespräch, ihre Kinder aufzunehmen. Wegen der fehlenden Gelder ist dies aber nicht mehr möglich.»

Die Novizonte Tagesstruktur muss zusätzlich 80 000 Franken einsparen. «Heute haben wir eine Eins-zu-eins-Betreuung. In Zukunft müssen wir dort Abstriche machen.» Dies bedeutet, dass etwa 100 Stellenprozente gekürzt werden und ein Teil des Angebots wegfällt. Ausserdem steigt die Belastung für das Personal. «Das hat natürlich eine Qualitätseinbusse zur Folge», so Aeschimann.

Den Umbau im Haus möchte Novizonte trotzdem realisieren und sucht dafür Spendengelder. Aeschimann: «Damit sind wir bereit, falls es plötzlich doch möglich ist, weitere Plätze anzubieten.» Die Hoffnung, dass zumindest per 2016 wieder Gelder vom Kanton gesprochen werden, ist noch nicht gestorben. «Es ist ein Fakt, dass Betreuungsplätze für Schwerbehinderte fehlen. Davor kann man nicht die Augen verschliessen.» Für die Verzweiflung der Eltern, deren schwerbehinderte Kinder zu Hause wohnen, hat Aeschimann Verständnis: «Die können nicht alles allein stemmen und brauchen wenigstens tagsüber Entlastung.»

Kein Angebot ohne Finanzierung

Auch die Stiftung Rodtegg ist stark von den Sparmassnahmen des Kantons betroffen. «Wir wollten sechs Wohnplätze für junge Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung schaffen und hätten die Million für den Umbau vorfinanziert», sagt Direktorin Luitgardis Sonderegger. «Uns wurde mitgeteilt, dass der Kanton den Ausbau begrüsse, wir aber die Einsparungen akzeptieren müssen.» Das bedeutet, dass die Rodtegg nicht damit rechnen kann, für diese Plätze einen kostendeckenden Tarif zu erhalten. «Aber wir können keine Betreuung anbieten, die nicht finanziert wird.»

Die Rodtegg muss Konsequenzen ziehen aus den Einsparungen: Per 1. Januar 2015 wird das Ferien- und Wochenendangebot zur Entlastung der Eltern eingestellt. Im gleichen Zug werden 500 Stellenprozente abgebaut. Gerade dann, wenn eine behinderte Person zu Hause betreut wird, benötigen die Familien Entlastungen am Wochenende. «Es wäre für die Familien sehr wichtig, auch Zeit ohne das behinderte Familienmitglied verbringen zu können», so Sonderegger. Denn oft müssen die Geschwister zurückstehen. Zudem müsse den Eltern Zeit für die Beziehungspflege eingeräumt werden, damit wieder genügend Energie für die Betreuungsaufgabe vorhanden ist, erklärt Sonderegger.

«Sparprogramm trifft uns hart»

Für die vier Jugendlichen, die ab nächstem Sommer wahrscheinlich zu Hause betreut werden müssen, sieht Sonderegger kaum Alternativen. «Es läuft in allen Szenarien auf eine Finanzierung durch den Kanton hinaus», so Sonderegger.

Die Aussicht auf den Schulaustritt der vier Jugendlichen bereitet allen Beteiligten schlaflose Nächte. «Das Sparprogramm des Kantons Luzern trifft uns persönlich sehr hart», sagt Romy Wismer. «Unsere Kinder haben das Recht auf Begegnung mit Gleichaltrigen und eine sinnvolle Beschäftigung.» Es sei die Aufgabe der Regierung, dieses Recht für alle Jugendlichen gleich zu gewährleisten. «Es macht uns traurig, dass der Kanton Luzern junge Menschen mit schweren Behinderungen so im Stich lässt.»