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SPARPAKET: Kantonsarchäologie bangt um ihr «Schaufenster»

Ohne Historisches Museum und Natur-Museum wären geschichtsträchtige Funde kaum mehr öffentlich zugänglich, sagt der Luzerner Kantonsarchäologe. Gerade heutzutage könnten besonders viele Schätze geborgen werden.
Yasmin Kunz
Der Bauboom könnte viele geschichtsträchtige Funde zu Tage fördern, sagt Kantonsarchäologe Jürg Manser. Das nütze aber wenig, wenn die Regierung das Natur-Museum und das Historische Museum wie angedroht schliessen würde: Die Geschichte des Kantons müsse schliesslich gezeigt werden. (Bild: Pius Amrein)

Der Bauboom könnte viele geschichtsträchtige Funde zu Tage fördern, sagt Kantonsarchäologe Jürg Manser. Das nütze aber wenig, wenn die Regierung das Natur-Museum und das Historische Museum wie angedroht schliessen würde: Die Geschichte des Kantons müsse schliesslich gezeigt werden. (Bild: Pius Amrein)

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Die Zukunft des Natur-Museums und des Historischen Museums in Luzern steht auf der Kippe. Grund dafür sind die kantonalen Sparmassnahmen. Es ist sogar von einer allfälligen Schliessung der Museen die Rede (Ausgabe vom 18. Juli). Ein solches Szenario würde auch die Kantonsarchäologie hart treffen, wie ­deren Chef Jürg Manser (58) sagt. «Wir sind darauf angewiesen, das von uns ­gewonnene Wissen über unsere Kulturgeschichte der ganzen Bevölkerung näherzubringen.» Vor allem die Jugend müsse erfahren können, wie wichtig die eigene Geschichte sei. Auch der Kantonsarchäologe musste bereits Einsparungen umsetzen: Neben Budgetreduktionen von rund 300 000 Franken seit 2011 schmerzt ihn vor allem der Verlust von 1,4 von insgesamt rund 12 Stellen. Der Abbau würde auch bedeuten, dass Mansers Team von rund siebzig Bauprojekten in archäologischen Fundstellen pro Jahr höchstens noch bei zehn eine Ausgrabung vornehmen könnte (Ausgabe vom 14. Juli). Zudem hält er fest: «Noch nie hatte die Archäologie so viel zu tun wie mit dem aktuellen Bauboom.»

Einige mögen jetzt denken, dies sei für die Gesellschaft kein grosser Verlust. Dieses Klischee kennt der Kantonsarchäologe. Er sieht es aber anders: «Die Luzerner Bevölkerung hat uns den gesetzlichen Auftrag gegeben, ihre Geschichte zu dokumentieren – und dazu braucht es Ausgrabungen.» Archäologie könne nicht aufgeschoben werden. «Wenn wir auf eine Grabung verzichten müssen, liquidiert der Bagger die Geschichtsquelle – und zwar für immer.»

Dass Archäologie nicht langweilig ist und die Fundgegenstände nicht als Staubfänger dienen, zeigt ein Blick vor Ort. Die Archäologen und die Mitarbeiter der Denkmalpflege haben mit der ­alten Schildfabrik am Libellenrain in Luzern ein für sie ideales Gebäude gefunden. Aus zweierlei Gründen: Zum einen gleicht das Gebäude einer grossen Lagerhalle und bietet viel Raum – unter anderem für die Inventarisierung aller Fundstücke. Zum anderen ist das Haus als erhaltenswert deklariert. «Für Geschichtsinteressierte wie uns ist das ein Glückstreffer», sagt Manser. Das Objekt wurde Anfang des Zweiten Weltkrieges gebaut. Seit 2004 befinden sich dort die Arbeitsplätze der Archäologen und der Luzerner Denkmalpflege.

Archäologie-Abteilung wird modernisiert

Schreitet der Besucher durch die Eingangshalle, um in die Büros zu gelangen, fühlt er sich wie in einem Museum. Vitrinen mit Gegenständen aus verschiedensten Epochen schmücken den Gang zu den Büros. Daneben werden auf grossen Bildschirmen Zeichnungen des damaligen Lebens gezeigt. «Wir haben den Anspruch, nebst alten Methoden auch moderne anzuwenden.»

Nirgends sieht man die Modernisierungsbestrebungen besser als im Untergeschoss, wo die Fundstücke zuerst eintreffen. Dort steht eine «Eierbeschriftungsmaschine», wie sie Manser nennt. Dieses Gerät nummeriert die einzelnen Fundstücke und erfasst sie automatisch in der archäologischen Datenbank. Zuvor hat die Mitarbeiterin, die übrigens ehrenamtlich arbeitet, die einzelnen Teile von Hand beschriftet. Und von Hand heisst: Mit einer Feder klitzeklein die Fakten auf kleinste Stücke schreiben und dann mit einer Schicht Klarlack versiegeln. Anstatt 100 Funde können nun täglich etwa 1000 erfasst werden.

Nachdem die Einzelteile, etwa Tonstücke, gekennzeichnet sind, kommen sie zur Restauratorin. Ihre Aufgabe ist es, die Stücke – sofern möglich – zu einem Ganzen zusammenzufügen. Bevor Petra Nirmaier die Teile mit einem Spezialleim zusammenklebt, putzt sie die Stücke mit einer Zahnbürste. «Vereinzelt muss an den Kanten noch Staub abgewischt werden, damit sie nachher schön zusammenkleben», erklärt sie. Unabdingbar für ihre Arbeit sind zwei ruhige Hände und viel Geduld. Sie vergleicht ihre Tätigkeit mit dem Zusammensetzen eines Puzzles. Lässt sich ein Fund nicht problemlos ausgraben, so wird er mitsamt dem Erdreich als Block geborgen. Damit beim Freilegen im Labor keine verborgenen Schätze kaputtgehen, werden die Objekte zuerst geröntgt. In einer Arztpraxis? Tatsächlich: Bis vor wenigen Jahren brachten sie diese Stücke ins Luzerner Kantonsspital, um Röntgenbilder anfertigen zu lassen.

Neu lasse man dies in Augusta Raurica – die Römersiedlung in Augst und Kaiseraugst ist die grösste der Schweiz – machen. Manser: «Dort hat man deutlich leistungsstärkere Röntgengeräte, wodurch bessere Bilder entstehen.» Ist der Gegenstand lokalisiert, beginnt die Restauratorin, die schon 22 Jahre bei der kantonalen Archäologie angestellt ist, die Schichten sorgfältig abzutragen, bis der Gegenstand zum Vorschein kommt. «Die Arbeit nach der Ausgrabung dauert in der Regel länger als die Ausgrabung», sagt Manser. Es könne denn auch mehr als ein halbes Jahr dauern, bis die Grabungsdokumentation fertig ist und alle Funde archivgerecht aufgearbeitet sind.

Qualität gibt Rätsel auf

Zurück nach Luzern: Das Depot im Untergeschoss ist voll mit Gegenständen aus allen Epochen. «Der Kanton Luzern ist eine Fundgrube, was Ausgrabungen betrifft», sagt Manser dazu. Von Feuersteingeräten aus der Steinzeit, Armreifen aus der Bronzezeit, römischen Terrakottafiguren bis hin zu mittelalterlichen Waffen – der Fundus umfasst etwa 16 000 Jahre Kulturgeschichte. Jedes einzelne Stück ist fein säuberlich deklariert und der entsprechenden Epoche zugeordnet.

Für Manser ist schnell klar, wo und womit er fürs Foto posieren will: bei den St. Urbaner Backsteinen, die man im alten Kloster St. Urban immer wieder findet. Das Besondere daran: Die Steine aus dem späten Mittelalter wurden in St. Urban produziert und von da auch weit herum – bis nach Zürich – verkauft. Sie zierten vor allem Türen und Fenster. Einige sind sehr bildreich, andere ornamental. Mansers Lieblingsstein ist jener, auf dem Christus abgebildet ist.

Wie man schon im Mittelalter eine derart gute Qualität von Backsteinen herstellen konnte, ist dem Kantonsarchäologen ein Rätsel. Im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts hat man es vor Jahren ausprobiert – und ist gescheitert. Er sagt mit einem Lachen: «Ich habe einen nach alter Methode gebrannten Backstein in den Garten gestellt. Nach dem ersten Regen war davon nur noch ein Klumpen Lehm übrig.»

Hinweis

Im Gebäude der Denkmalpflege und Archäologie in Luzern können Schulen, Firmen und andere Gruppen Führungen buchen. Der Preis ist vom gewünschten Programm abhängig.

Restauratorin Petra Nirmaier befreit bronzene Beschläge eines römischen Holzkästchens aus einem Erdblock. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 18. Juli 2017))

Restauratorin Petra Nirmaier befreit bronzene Beschläge eines römischen Holzkästchens aus einem Erdblock. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 18. Juli 2017))

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