SPERANZA: Otto Ineichens Vermächtnis aufgelöst

Mit seiner Stiftung wollte der im Juni 2012 verstorbene Nationalrat Otto Ineichen der Jugendarbeitslosigkeit trotzen. Nun sei diese Mission erfüllt, sagt sein Sohn – und gründet eine neue Stiftung.

Christian Hodel
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«Alle Projekte waren Kinder meines Vaters.» Mark Ineichen, Stiftungsratspräsident Speranza. (Bild: Keystone Archiv / Urs Flüeler)

«Alle Projekte waren Kinder meines Vaters.» Mark Ineichen, Stiftungsratspräsident Speranza. (Bild: Keystone Archiv / Urs Flüeler)

Am 31. Juli 2015 ist Schluss. Die vom Surseer Otto Ineichen gegründete Stiftung Speranza wird aufgelöst, wie Mark Ineichen, Stiftungsratspräsident und Verwaltungsratspräsident der Otto’s AG, gegenüber unserer Zeitung sagt. «Die Mission ist erfüllt», so der Sohn des im Juni 2012 verstorbenen FDP-Nationalrats und Gründers der Ladenkette Otto’s. Die Zeiten hätten sich geändert. Speranza – die seit 2006 als Verein bestand und zwei Jahre später in eine Stiftung überführt wurde – habe nun ihr Ziel erreicht.

Zu viele Angebote mit gleichem Ziel

Zweck der Stiftung war es, leistungsschwache Schüler auf die Berufswelt vorzubereiten und neue Lehrstellen zu schaffen (siehe Kasten). «Wurden früher noch Lehrstellen gesucht, sucht man heute qualifizierte Lehrlinge», sagt Ineichen. Ebenso seien seit der Gründung von Speranza viele neue Angebote hinzugekommen, die das gleiche Ziel verfolgen. So biete der Kanton Luzern etwa Brückenangebote an oder führe seit einigen Jahren das Projekt Startklar. Bei beiden Projekten werden Schüler unterstützt, die den Übergang in eine Berufslehre nicht schaffen.

Beim Kanton indes bedauert man die Auflösung der Stiftung. «Ich bin überrascht. Wir haben eng mit Speranza zusammengearbeitet», sagt Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern. Derzeit hat der Kanton eine Leistungsvereinbarung mit Speranza. Sie läuft Ende Schuljahr aus. Der Kanton zahlt der Stiftung jährlich maximal 400 000 Franken, je nach der effektiven Nutzung der Angebote. So konnten Lehrer zum Beispiel einen Unternehmer bestellen, der den Schülern im Unterricht Tipps für die Berufswelt gab. Ebenso wurden über die Stiftung Trainings angeboten, wie sich die Schüler richtig bewerben sollen. Rund 1000 Luzerner Sekschüler haben pro Schuljahr davon profitiert.

Camp für Schüler

Weiter nahm der Kanton die Dienste des Projekts Time-out in Anspruch. Sozial auffällige und leistungsschwache Schüler erhielten an der von der Stiftung geführten Schule in Littau einen 15-­wöchigen Intensivkurs. Dazu gehörte auch ein mehrwöchiges Trainingscamp in der Natur. Die Schüler mussten zum Beispiel mehrtägige Wanderungen machen, um ihre Grenzen kennen zu lernen. Pro Jahr nutzten rund ein Dutzend Luzerner Schüler das Angebot. Eltern, Kanton und die Gemeinden zahlten gesamthaft rund 14 000 Franken pro Jugendlichen. «Auch dies war in der Leistungsvereinbarung so geregelt», sagt Vincent. Nach den Fasnachtsferien startet der letzte Intensivkurs samt Camp. Ineichen sagt dazu: «Was wir angefangen haben, bringen wir auch zu Ende.» Die Vereinbarung mit dem Kanton werde eingehalten.

Kanton muss sich neu orientieren

Und was macht der Kanton, wenn definitiv Schluss ist mit der Zusammenarbeit? «Die Auflösung von Speranza wirft bei uns sicherlich nicht alles über den Haufen», sagt Vincent. Fest stehe, dass der Kanton gewisse Projekte – ohne höhere Ausgaben zu haben – allein durchführen könne. «Und falls nicht, werden wir uns im nächsten Jahr auf die Suche nach neuen Partnern machen.» Denn solche gebe es in der Zwischenzeit. «Otto Ineichen war vor acht Jahren noch in vielen Bereichen ein Pionier», so Vincent. Heute sei der Markt aber grösser. Die Stiftung habe so gesehen tatsächlich viele ihrer Ziele erreicht, er könne den Auflösungsentscheid deshalb «zumindest teilweise» nachvollziehen.

Die Angebote wurden abgebaut

Dass sich die Stiftung auflösen könnte, zeichnete sich ab. Sukzessive wurden nach dem Tod von Otto Ineichen die Angebote abgebaut. So wurden die Kindertagesstätten in Aarau und Beromünster nur wenige Monate nach deren Eröffnung einer neuen Trägerschaft übergeben. Ebenso das 2012 gegründete Projekt Passerelle 50plus, das über 50-Jährigen den Berufswiedereinstieg erleichtern sollte. Ineichen sagt: «All diese Stiftungsprojekte waren Kinder meines Vaters. Der Erfolg der Projekte war letztlich vor allem an ihn gekoppelt.» Die Stiftung sei Ottos Sache gewesen, so Mark Ineichen. «Er war Politiker und hatte die nötigen Kontakte. Ich bin Unternehmer und lebe in einer anderen Welt.»

Ineichen kam erst nach dem Tod seines Vaters in Kontakt mit Speranza. «Es war lange Zeit eine Blackbox für mich.» Man habe nun gemerkt, dass die Stiftung ohne seinen Vater in dieser Form nicht mehr weitergeführt werden könne.

Neu Stiftung Ineichen Foundation

Trotzdem will Ineichen den Grundgedanken seines Vaters – der Gesellschaft etwas zurückzugeben – beibehalten. Die Familie gründe darum mit der Ineichen Foundation eine neue Stiftung. Angestellte und externe Partner gebe es allerdings nicht mehr. «Die Foundation ist ausschliesslich eine Sache meiner Familie.» Man wolle pro Jahr einen hohen sechsstelligen Betrag Personen zur Verfügung stellen, «die unverschuldet in Not geraten sind». Die Hilfe soll rasch und unbürokratisch erfolgen, ohne grosses öffentliches Tamtam.

Welche Projekte unterstützt werden, sei völlig offen. «Wir helfen etwa im Zusammenhang mit einer Umweltkatastrophe.» So beschäftige er beispielsweise viele Mitarbeiter aus Ex-Jugoslawien. Als es in den Gebieten im Mai zu Überschwemmungen kam, waren auch Angehörige betroffen. Solchen Personen möchte ich finanzielle Unterstützung bieten.» In Frage kämen aber auch Anlässe, denen in letzter Sekunde der Sponsor abspringe, oder Familien, die durch eine Katastrophe plötzlich ihr ganzes Hab und Gut verlieren.