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SPIELERSCHUTZ: Mit vereinten Kräften gegen Spielsucht

Jährlich werden in der Schweiz Tausende Spielsperren für Casinos verhängt. Die Sozialarbeiter bei der Fachstelle für Suchtverhalten in Luzern entscheiden, ob diese wieder aufgehoben werden. Sie wissen auch: Sperre ist nicht gleich Sucht.
Gabriela Jordan
Bild: Illustration: Lea Siegwart

Bild: Illustration: Lea Siegwart

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Das Thema Glücksspiel ist mit der Diskussion um das neue Geldspielgesetz zurzeit in aller Munde. Am 10. Juni stimmt das Schweizer Stimmvolk über die Vorlage ab. Mit dem neuen Gesetz sollen Schweizer Casinos auch im Internet Geldspiele anbieten können, ausländische Angebote würden hingegen gesperrt. Zu den rund 300 Millionen Franken, die durch Glücksspiele schon heute jährlich in die Bundeskasse gespült werden, würde sich schätzungsweise nochmals die gleiche Summe gesellen (siehe Kasten rechts). Eine Summe, die fast absurd erscheint, wenn man bedenkt, dass noch vor 18 Jahren ein allgemeines Spielbankenverbot in der Schweiz herrschte. Das 1925 erlassene Verbot wurde um die Jahrhundertwende aufgehoben. 2002 eröffnete das Grand Casino Luzern als erstes Casino der Schweiz unter der neuen Gesetzgebung, sieben weitere folgten.

Sicherlich wurde die Gesetzgebung dadurch an die Realität angepasst – denn illegale Geldspiele wie Pokerpartien im Untergrund oder Trips zu ausländischen Spielbanken florierten während des Verbots. Doch auch moralische Bedenken schienen angesichts der Aussicht auf astronomisch hohe Steuereinnahmen durch Glücksspiele zweitrangig. Die meisten Menschen haben das Spielen um Geld im Griff, manchmal kann es allerdings zur Besessenheit werden. Auch Fälle, in denen Spielsüchtige abgezockt wurden, schafften es in die Schlagzeilen. Seither wurden die Massnahmen gegen Spielsucht verstärkt, zusätzlich zur Möglichkeit der Spielsperre, die es bereits seit dem Jahr 2000 gibt.

Wie problematisch ist das Phänomen Spielsucht heute? Und wie steht es um den Schutz der Spieler? Aufschluss darüber gibt teilweise die Zahl der Sperren: Seit 2002 wurden im Casino Luzern insgesamt 3555 Sperren verhängt, davon 2511 von den Spielern selbst, 1044 vom Casino angeordnet. Die Mehrheit liess sich somit freiwillig sperren.

Schweizweit gibt es derzeit über 50 000 gesperrte Personen (siehe Grafik). Eine Zahl, die auf den ersten Blick erschreckend wirkt. Beim Sozialberatungszentrum Luzern (SOBZ), der Fachstelle für legales Suchtverhalten, weiss man aber: Gesperrt ist nicht gleich spielsüchtig. «Bei manchen haben wir uns sogar schon gewundert, dass sie sich sperren liessen», sagt Sozialarbeiter Giacomo Bellotto im Gespräch mit unserer Zeitung. Er und seine Kollegin Sabrina Odermatt führen jeweils die Gespräche mit den Casino-Gästen, die sich entsperren lassen wollen. «Es kommt manchmal vor, dass jemand nach einer verzockten Nacht über sich selbst erschrickt und sich sofort sperren lässt», ergänzt Ruedi Studer, der seit diesem Jahr der neue Geschäftsführer des SOBZ Luzern ist. «Oft sind es Jüngere, die dann übervorsichtig reagieren und das Ganze nachträglich als jugendlichen Übermut ansehen.» Rückgängig machen, lässt sich die Entscheidung nicht. Eine Entsperrung kann man erst nach einem Jahr beantragen.

Schlaflose Nächte und psychische Probleme

Verharmlosen wollen die Fachleute das Problem aber auf keinen Fall. Laut Studer ist Spielsucht gerade in unserer heutigen Leistungsgesellschaft immer häufiger verbreitet. Bei so manchen, die im Casino zuerst nur Spass haben und abschalten wollen, gerät das Spielen plötzlich ausser Kontrolle. Dann gibt es auch jene, die ihr Einkommen gezielt verbessern oder die Familie im Ausland unterstützen wollen. In allen Fällen können die Folgen verheerend sein: Die Finanzen geraten aus dem Lot, die Spieler vernachlässigen ihre Arbeit und werden arbeitslos. Sie leiden unter schlaflosen Nächten und an psychischen Problemen. Manchmal zerbrechen daran ganze Familien. Und immer ist es für die Betroffenen sehr beschämend.

«Besonders gefährdet sind die Betroffenen, wenn sie ihre Spielschulden abbezahlt haben», sagt Bellotto. «Sie haben einerseits wieder Geld und anderseits kein Ziel mehr vor Augen, das sie erreichen wollen.» Die «Lust zum Zocken» könne manchmal allein schon durch die wohlbekannte Geräuschkulisse von Casinos geweckt werden, weiss Studer. Er selbst hat in seinem Leben nur wenige Male ein Casino besucht – das Klimpern der Jetons, das Klappern des Roulette-Rads und das Klingeln der Geldspielautomaten hört er aber noch heute im Ohr.

Männer suchen öfter Hilfe als Frauen

Auch wenn das Casino Luzern von einer relativ hohen Eigenverantwortung der Spieler spricht (siehe «Nachgefragt»), wenden sich die Betroffenen selten an das Sozialberatungszentrum. Das Angebot der Kurzberatungen, die das Casino den spielsuchtgefährdeten Gästen empfiehlt, wird nur ein paar Mal pro Jahr genutzt. Meist kommen die Betroffenen erst mit dem SOBZ in Kontakt, wenn es um die Aufhebung der Sperre geht. «Viele denken, dass das Problem mit einer Sperre gelöst ist», sagt Sabrina Odermatt. Erstaunlich ist dabei, dass sich für die Kurzberatungen so gut wie keine Frauen melden, obschon durchaus auch Frauen mit Spielsucht zu kämpfen haben. Hinzu kommt, dass Frauen im Vergleich zu Männern sonst eher den Schritt wagen, sich helfen zu lassen. «Warum das so ist, darüber kann man nur spekulieren», sagt Ruedi Studer. «Möglicherweise finanzieren sich Frauen durch ihre Partner oder finden anderweitige Geldquellen. Bei Männern handelt es sich oft um das ganze Familieneinkommen, das verspielt wird.»

Gestützt wird diese Vermutung von Bellottos Erfahrung aus den Aufhebungsgesprächen. Zur einmaligen, einstündigen Sitzung muss jeweils der Partner des Spielers oder der Spielerin mitkommen. «Ist es die Frau, die spielt, höre ich vom Partner häufig, dass er es ‹unter Kontrolle hat› und dass er ‹einverstanden› ist.» Doch auch in solchen Fällen sind die Sozialarbeiter zurückhaltend, was die Entsperrung angeht. Denn diese empfehlen sie dem Casino nur, wenn weder ein finanzielles Problem, noch ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten vorliegt. Ersteres müssen die Betroffenen mit finanziellen Dokumenten nachweisen, Letzteres beurteilen die Sozialarbeiter aufgrund des Eindrucks, den sie von ihnen während des Gesprächs erhalten. «Therapieerfahrung ist dabei sehr wichtig», so Studer. «Denn nicht alle spielen beim Gespräch mit offenen Karten.» Die Spielernatur, das Bluffen und das Manipulieren, zeigt sich vereinzelt auch dort. Um das zu durchschauen, achten die Berater auf wichtige Kleinigkeiten: Stimmt die Mimik und Gestik mit dem überein, was der Betroffene sagt? Widerspricht er sich? Versucht er Zeit zu schinden, bevor er auf eine heikle Frage antwortet, die er nicht erwartet hat? Hält er etwas zurück? Kommen die Sozialarbeiter zum Schluss, dass es für eine Aufhebung der Sperre nicht reicht, kann sie in einem Jahr erneut beantragt werden. Die grosse Mehrheit, die sich zum Gespräch entschliesst, besteht es laut Studer jedoch erfolgreich.

Die Vorteile der Spielernatur

Immer wieder von Neuem erstaunt sind die drei Sozialarbeiter ausserdem über die Fähigkeit der Spieler, andere zu überzeugen – gerade wenn es ums Geldleihen geht. «Ich staune, wie sie es schaffen, sich von Verwandten und Freunden Geld zu leihen, obwohl sie teils im sechsstelligen Bereich verschuldet sind», sagt Bellotto. Diese Spielernatur ist aber nicht per se schlecht, sondern lässt sich auch für Gutes nutzen, ergänzt Odermatt. «Solche Leute haben die Fähigkeit, andere zu begeistern und geschickt zu verhandeln.» Als Beispiel nennt sie einen ihrer Klienten, der bei seinen Gläubigern gute Konditionen für sich aushandeln konnte.

Auf das neue Geldspielgesetz angesprochen, sind sich die drei einig: Für den Spielerschutz wäre dieses definitiv besser als das Referendum, da dadurch auch das Online-Angebot reguliert würde. «Denn mit dem Smartphone ist es heute möglich, bei jeder noch so kurzen Gelegenheit um Geld zu spielen», sagt Studer. Besonders für junge Leute, die eine hohe Online-Affinität hätten, könne das sehr gefährlich sein. «Ins Casino muss man immerhin hingehen. Auf dem Handy reichen ein paar Klicks, um sich in hohe Schulden zu stürzen.»

Hinweis:

Benötigen Sie Hilfe oder bei Fragen, wenden Sie sich an das Sozialberatungszentrum ihrer Region:www.sobz.ch.

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