SPIRITUELLER HEILER: «Das Heilen tut auch mir gut»

Als katholischer Pfarrer wirkte Roman Grüter einst in Kriens, später in Ebikon. Unterdessen hat er seine seelsorgerische Arbeit an den Nagel gehängt – und hilft Menschen auf eine andere Art.

Christian Peter Meier
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Roman Grüter in seiner Wohnung: «Menschen, die zu mir kommen, haben eine Art Antenne.» (Bild: Roger Grütter (Littau, 21. August 2012))

Roman Grüter in seiner Wohnung: «Menschen, die zu mir kommen, haben eine Art Antenne.» (Bild: Roger Grütter (Littau, 21. August 2012))

Christian Peter Meier

christian.meier@luzernerzeitung.ch

Roman Grüter (61) macht mir gleich zu Beginn einen Strich durch die Rechnung. Ob Heilen ein saisonales Geschäft sei, will ich von ihm wissen – in der Hoffnung, einen Bezug zur aktuellen Jahreszeit herstellen zu können, etwa zu den sich im Winter und auch über die Festtage häufenden Depressionen. Doch Grüter verneint. Ein saisonales Geschäft sei das Heilen nicht, dafür seien die an ihn herangetragenen Probleme zu unterschiedlich. «Aber es ist launenhaft», sagt er mit einem Lächeln. «Manchmal kommen mehr Leute, manchmal weniger.» Derzeit sei der Zulauf sehr stark.

Der Heiler hat mich in seiner Wohnung empfangen. Sie liegt in einem nüchternen Littauer Quartier. Umso grösser ist der Kontrast beim Eintritt: Eine riesige Bücherwand dominiert das grosszügige Wohnzimmer. Kirchliche Kunst verleiht dem Raum eine gewisse barocke Fülle und wirkt wie eine Reminiszenz an Roman Grüters berufliche Vergangenheit als katholischer Pfarrer. Vor 25 Jahren wurde er zum Priester geweiht, vor gut zwei Jahren durch Bischof Felix Gmür von der Seelsorge beurlaubt, um sich ganz seiner Berufung als Heiler widmen zu können. Dazwischen hat er in verschiedenen Pfarreien gewirkt, zuletzt in jener von Ebikon. In den Neunzigerjahren war er überdies in Kriens tätig, wo er zusammen mit Zirkuspfarrer Ernst Heller die Pfarrei St. Gallus leitete. «Heute nehme ich als Priester noch gelegentlich Aushilfen wahr», sagt Grüter. Ausserdem veranstaltet er ungefähr einmal pro Monat in Schwarzenberg einen Gottesdienst mit Heilungssegen. Im Übrigen sei er froh, nicht mehr hin- und hergerissen zu sein zwischen Seelsorge und Heiltätigkeit. Man spürt: Auch die Kräfte eines Heilers sind nicht unerschöpflich.

«Es wird heiss und beginnt zu kribbeln»

Ein kopfgesteuerter Journalist und ein spiritueller Heiler sitzen nun bei Kaffee und Guetzli am Tisch und reden über schwer Fassbares. Wobei auch Roman Grüter für sich in Anspruch nimmt, grundsätzlich ein rationaler Mensch zu sein. Entsprechend lange habe er gebraucht, um seine Heilfähigkeit zu akzeptieren, nachdem er vor 15 Jahren eher zufällig darauf hingewiesen worden sei. «Für mich müssen Erfahrungen deutbar, in sich schlüssig sein», sagt er. «Doch ich akzeptiere mehr als das Beweisbare.» Klar, möchte man einwenden; sonst wäre wohl auch die Tätigkeit als katholischer Priester schwierig geworden. «Wenn ich merke, dass ich etwas bewirken kann, ist mir das Basis genug», so Grüter.

Beweisbar ist immerhin, dass Roman Grüter Menschen guttut. Viele kommen regelmässig zu ihm, weil Grüter etwa ihre Schmerzen lindert, ihre Befindlichkeit verbessert; manche sehen sich durch ihn völlig geheilt. Beschreibbar wiederum ist, wie Grüter den Hilfesuchenden die Hand auflegt – oder wie er auch mal per Fernheilung wirkt. Was dann passiert, schildert Roman Grüter so: «Den Leuten wird warm oder gar heiss, es beginnt zu kribbeln, sie fühlen sich plötzlich entspannt, gelöst, sehen Farben.»

Grüter versucht, die Phänomene auch quasi wissenschaftlich zu untermauern. Er spricht ausführlich von Energieströmen, Energiezentren, Grundschwingungen, und man wähnt sich ein bisschen wie in einer Physikstunde. Damit wird offensichtlich, dass Roman Grüter sich seit der Entdeckung seiner Heilkräfte intensiv mit östlichen Lehren und anderen spirituellen Theorien auseinandergesetzt hat. Ramana Maharshi, den indischen Heiligen vom Berg Arunachala, bezeichnet er gar als Vorbild. Seinem christlichen Glauben tue dies keinen Abbruch: Seit seiner Kindheit im katholischen Hochdorf habe er Priester werden wollen. Er habe diesen Schritt nie bereut und fühle sich in seiner Religion weiterhin zu Hause, auch wenn er gerade etwas kirchenmüde sei, wie er freimütig gesteht. Als Pfarrer zunehmend belastet habe ihn gerade die Advents- und Weihnachtszeit – «dieses an sich so schöne und ursprüngliche Fest ist heute unglaublich emotionalisiert, ein Rummel und hat mit Glauben nicht mehr viel zu tun.» Grüter macht auch keinen Hehl daraus, dass er manchmal der Vergangenheit nachtrauert: Der wertkonservative Luzerner vermisst die katholischen Riten in ihrer vorkonziliären Form.

Gesunde Skepsis ist angebracht

Zurück zum heilenden Roman Grüter. Wie geht er mit Misstrauen um? Mit der Ambivalenz des Begriffs «Heiler»? Oder mit dem damit zusammenhängenden Verdacht, Grüter könnte ein Scharlatan sein? «In der Branche gibt es tatsächlich alles – auch in der Innerschweiz», räumt er ein. Insofern sei eine gesunde Skepsis durchaus angebracht. «Menschen, die zu mir kommen, sind in der Regel allerdings grundsätzlich bereit, sich auf mich einzulassen. Sie haben eine Art Antenne.» So schaffe er es, Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Überhaupt ist es Roman Grüter wichtig, sich selber nicht als allzu aktiven Part darzustellen: «Im Grunde vermittle ich Kraft, bin eher ein Werkzeug als ein Heiler, ein Kanal.» Auch betont er, dass er seine Dienste gerade bei schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen nur als komplementäre Hilfe versteht. «Ich schicke so manche Person als Erstes zum Arzt – sofern sie nicht schon von dort kommt.»

Gegen den aktuellen Trend, Probleme vielschichtig anzugehen, sei in seinen Augen nichts einzuwenden: «Warum soll etwa ein Krebskranker nach der Chemotherapie nicht auch noch zu einem Heiler gehen?», fragt Grüter. Weil der Krebskranke sich das womöglich nicht leisten könne, antworte ich – in der Hoffnung, der Heiler spreche auch über Geld. Und siehe da, er tut es: «Für eine Sitzung von 45 Minuten verlange ich 100 Franken», macht er seinen Ansatz transparent. «Damit kann ich Ende Monat meine Rechnungen bezahlen.» So viel wie einst als Pfarrer verdiene er allerdings nicht.

Ein Letztes möchte ich von Roman Grüter wissen: Ist es nicht etwas bemühend oder ermüdend, dauernd von Kranken umgeben zu sein? «Nein, eigentlich nicht. Erstens war das ja schon in meiner Zeit als Seelsorger häufig der Fall», sagt Grüter. «Zweitens tut die Behandlung anderer auch mir selber gut. Vielleicht ist das Heilen für mich ein Weg, mein eigenes Bewusstsein zu erweitern.»