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Spitzenmedizin für Hund und Katz: Zu Besuch in der Tierchirurgie in Sursee

Arthroskopie, digitales Röntgen, Computertomografie: Für das Wohl von Haustieren wird heutzutage kein Aufwand gescheut. Die Hightech-Medizin hat allerdings auch ihren Preis.

Adrian Venetz
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Die tiermedizinische Praxisassistentin Caroline Bisig mit Patrick Meier aus Gunzwil und seiner Hündin Kiin.
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Bullterrier-Hündin Kiin wird für die laparoskopische Kastration vorbereitet.
Tierärztin Muriel von Werthern (links) und Tierärztin Linda Wiedmer während der laparoskopischen Operation in der Kleintierchirurgie Sursee .
Die Eierstöcke der Hündin Kiin werden aus einer 5 Millimeter breiten Bauchöffnung entfernt.
Geschafft: Hündin Kiin wartet nach der Kastration auf ihr Herrchen.
Tierarzt Paul Hecht und die tiermedizinische Praxisassistentin Debora Donati begrüssen einen neuen Patienten.
Die tiermedizinische Praxisassistentin Debora Donati bereitet Katze Momo für die Computertomographie vor.
Die 10-jährige Katze Momo wird wegen einem Wirbelsäulenproblem   im Computertomografen untersucht.
Tierarzt Paul Hecht bedient den Computertomografen in einem Nebenzimmer.
Tierarzt Cornelius von Werthern untersucht einen Hund.
Tierarzt Paul Hecht und die tiermedizinische Praxisassistentin Debora Donati bereiten einen Hund für die Computertomografie vor.
Tierarzt Cornelius von Werthern während einer OP in der Central Praxis für Kleintierchirurgie in Sursee.

Die tiermedizinische Praxisassistentin Caroline Bisig mit Patrick Meier aus Gunzwil und seiner Hündin Kiin.

Bild: Adrian Venetz (18. Februar 2020)

Noch steht sie auf etwas wackligen Beinen, die zweijährige Bullterrier-Hündin Kiin. Doch bald sind die Nachwirkungen der Vollnarkose vorüber und sie spaziert wieder unbetrübt durch ihr Hundeleben. Und unfruchtbar. Eine Etage höher liegen in einem silbernen Schälchen ihre Eierstöcke. Diese hat ihr Tierärztin Muriel von Werthern eine halbe Stunde zuvor entfernt. «Plopp» machte es, fast wie beim Entkorken einer Weinflasche, als die Ovarien aus der winzigen Bauchöffnung flutschten.

Dass die beiden Schnitte nur 5 Millimeter lang sind, verdankt Kiin der Kunst der Laparoskopie. Bei diesem Operationsverfahren werden Kamera und Operationsbesteck (Endoskope) durch kleine Öffnungen in den Bauchraum eingeführt - daher auch der Name «Schlüsselloch-Chirurgie». Statt einer Narbe, die länger zum Verheilen braucht, hat Kiin nur zwei kleine, kaum sichtbare Schnitte. «Deshalb ist sie auch schneller wieder fit als bei einer konventionellen Kastration», sagt die Tierärztin. Einzig der rasierte Bauch wird Kiin noch ein paar Tage lang an die Stunde ihrer Sterilisation erinnern. 

«Auch Tierbesitzer wünschen sich heute Spitzenmedizin. Und sie sind bereit, mehr zu bezahlen.»

Wir sind zu Besuch in der Praxis Central für Kleintierchirurgie in Sursee. Hier zeigt sich deutlich, dass Hightech auch in der Veterinärmedizin angekommen ist. Die Laparoskopie ist nur ein Beispiel. Die verwandte Arthroskopie, ein minimalinvasiver Eingriff für Gelenkoperationen, wird ebenfalls regelmässig angewandt. In der Humanmedizin sind diese Methoden längst gang und gäbe: Für eine Blinddarm- oder Knieoperation reichen wenige kleine Einschnitte - die Zeit der grossen Narben ist vorbei.

«Auch Tierbesitzer wünschen sich heute Spitzenmedizin. Und sie sind bereit, mehr zu bezahlen», sagt Chirurg Cornelius von Werthern. Während seine Frau die Hündin Kiin operiert, liegt vor ihm eine Katze. Auf dem digitalen Röntgenbild sieht man ein havariertes Hüftgelenk. Da hilft nur eine Operation. Cornelius von Werthern streift sich OP-Mantel, Handschuhe, Mundschutz und Kopfhaube über. Verschiedene Geräte blinken und piepsen, sie überwachen Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung. Die Szene erinnert an eine Arztserie im Fernsehen - nur, dass hier eben eine Hauskatze auf dem Tisch liegt.

Knapp 1000 Franken für einen CT-Untersuch

Im Raum nebenan sitzt Chirurg Paul Hecht in einem kleinen Kämmerchen und blickt abwechselnd auf den Computermonitor und durch ein kleines Fenster. Hinter dem Fenster steht der Stolz der Praxis: ein Computertomograf (siehe Box). Neu kostet so ein Gerät gleich viel wie eine schmucke Eigentumswohnung in Sursee. «Wir haben ihn als Occasionsgerät aus der Humanmedizin etwas günstiger gekriegt», sagt Paul Hecht.

Allein für Stammkunden würde sich so eine Investition nicht lohnen. Viele Hunde, Katzen und Nager werden von anderen Tierärzten nach Sursee überwiesen - es hat sich herumgesprochen, dass hier ein Computertomograf steht. Herumgesprochen hat sich allerdings auch, dass die Hightech-Medizin ihren Preis hat. Ein CT-Untersuch kostet knapp 1000 Franken. Ist danach eine Operation mit Medikamenten und Therapie notwendig, legen Tierhalter nicht selten einen halben Monatslohn für ihre Vierbeiner auf den Tisch. 

«Ohne Vollnarkose kann man einen CT-Untersuch bei Tieren vergessen.»

Auf dem CT-Tisch in Sursee liegt der 10-jährige Chow-Chow-Mischling Django. Mit seinem Ellenbogen stimmt etwas nicht. Ist es eine altersbedingte Arthrose? Eine akute Erkrankung? Im schlimmsten Fall Krebs? Bald wird das CT erste Antworten liefern. Ein ungewöhnlicher Anblick: Intubiert und in Narkose liegt Django angebunden auf dem Rücken. «Ohne Vollnarkose kann man einen CT-Untersuch bei Tieren vergessen», sagt Paul Hecht.

Menschen wissen, dass sie im CT still liegen müssen. Dies einem Labrador oder Zwergkaninchen zu erklären, dürfte schwierig sein, zumal sein Herrchen oder Frauchen während der Prozedur den Raum wegen der Strahlenbelastung verlassen muss. «Ein CT ersetzt keinesfalls den klassischen klinischen Untersuch durch einen Tierarzt», betont Paul Hecht. «Studiert man ein CT-Bild lange genug, findet man immer etwas, das nicht stimmt - auch bei einem kerngesunden Tier.» Der Gang in den Tomografen sei deshalb immer erst der zweite oder dritte Schritt bei einer Krankheitsabklärung. Und oftmals, beispielsweise bei Knochenbrüchen, genügt ein kostengünstigeres Röntgenbild.

Marketing-Gag oder weniger Schmerzen?

Moderner und teurer heisst also nicht zwingend besser. Über den Sinn und Unsinn von Hightech-Eingriffen wird nicht nur unter Tierhaltern, sondern auch in der Veterinärbranche debattiert. Eine andere Tierarzt-Praxis aus der Zentralschweiz - offenbar häufig konfrontiert mit entsprechenden Anfragen - schreibt auf ihrer Webseite, dass die laparoskopische Kastration von Hündinnen «eher als Marketing-Gag zu sehen» sei und keine Vorteile gegenüber einer klassischen Kastration biete. Höher seien lediglich der Aufwand und die Kosten. Cornelius von Werthern meint dazu: «Dieser Aussage stehen diverse wissenschaftliche Publikationen gegenüber, welche die Vorteile - insbesondere weniger Schmerzen und schnellere Erholung - belegen.»

Wie dem auch sei: Hündin Kiin ist einfach nur froh, dass die Prozedur vorüber ist, als ihr Besitzer Patrick Meier aus Gunzwil sie drei Stunden später abholt - und gleich eine zweite Hündin zur Kastration vorbeibringt. Die Mehrkosten von rund 30 Prozent für eine laparoskopische Operation nimmt der Hundehalter in Kauf. «Ich habe hier bisher nur gute Erfahrungen gemacht.» 

Wie funktioniert ein CT?

Die Computertomografie (CT) gehört wie beispielsweise die Magnetresonanztomografie (MRT), das Röntgen und der Ultraschall zu den bildgebenden Verfahren in der Medizin. Ein Computertomograf ist vereinfacht gesagt ein digitales Röntgengerät, das innerhalb weniger Sekunden Hunderte Bilder mit unterschiedlicher Fokussierung schiesst. Ein Computer setzt diese Bilder dann zu einem dreidimensionalen Bild zusammen. Ein CT-Untersuch dauert wenige Sekunden und eignet sich neben der Unfalldiagnostik vor allem für Untersuchungen des Brust- und Bauchraums (innere Organe). «Auch für feine Veränderungen im Bereich der Gelenke und der Knochen kann es viel mehr Informationen für eine Diagnosestellung liefern als ein normales Röntgenbild», sagt Cornelius von Werthern. Bei Tieren mit einer Rückenerkrankung wie zum Beispiel einem Bandscheibenvorfall muss zusätzlich ein Kontrastmittel verabreicht werden, um das Problem exakt darstellen zu können.

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