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SPOKEN WORD FESTIVAL: Die Sprachphilosophin

Die amerikanische Musikerin, Performancekünstlerin und Filmerin Laurie Anderson (69) ist der Stargast am «Woerdz». Am Donnerstagabend bezauberte sie mit jugendlicher Frische und introvertierter Heiterkeit.
Laurie Anderson in ihrer Multimedia-Show «The Language Of The Future»: «Es geht bei Geschichten nur immer um dich selber.» Bild: Franca Pedrazzetti/PD (Kriens, 20. Oktober 2016)

Laurie Anderson in ihrer Multimedia-Show «The Language Of The Future»: «Es geht bei Geschichten nur immer um dich selber.» Bild: Franca Pedrazzetti/PD (Kriens, 20. Oktober 2016)

«Wir haben ein grosses Spoken Word Festival hinter uns», verkündete die US-amerikanische Künstlerin Laurie Anderson dem Publikum im Krienser Südpol. Und sie meinte damit nicht das laufende Festival Woerdz, als dessen Stargast sie am Donnerstagabend auftrat. Sie meinte den laufenden US-Wahlkampf mit seinen verbalen Entgleisungen.

Die Poetin wusste diesen Krieg der Worte mit dem ihr eigenen Understatement zu kommentieren: «It’s hard to do good spoken words», sagte sie. Gelassen analysierte sie den Wahlkampf als Kampf der Geschichten. Am Ende gewinne die Story, die den Amerikanern am besten gefalle. Politik als eine Frage des Entertainments. So einfach ist das.

Eine neue Multimediashow

Nach Patti Smith im Jahr 2014 ist nun also die zweite grosse Amerikanerin für das Spoken Word Festival Woerdz über den Teich gekommen: die Musikerin, Performancekünstlerin und Musikerin Laurie Anderson. Dass die trotz ihrer 69 Lebensjahre immer noch in unzählige Projekte ver­wickelte Künstlerin in Chicago, dem Geburtsort des Poetry Slam, das Licht der Welt erblickte, könnte einer der Zufälle sein, die Anderson in ihren Multimedia-Shows gewöhnlich zu einem Narrativ zusammenbaut. Die Musik hat in ihren Shows mindestens genauso viel zu sagen wie das Wort. In den 1980er-Jahren landete die Soundtüftlerin und Multiinstrumentalistin, die mit dem Viophonograf ihr eigenes Instrument erfand, mit ihrem Song «O Superman» weit oben in den britischen Charts. Im Südpol zeigte sie eine Variation ihres Multimedia-Projekts «The Language Of The Future».

Anfang Jahr erschien Andersons filmisches Essay «Heart Of A Dog». Der Film ist dokumentierte Trauerarbeit. Denn Anderson musste innert kurzer Zeit den Verlust ihres Mannes – des Musikers Lou Reed –, ihrer Mutter und ihres Hundes verarbeiten. Die Künstlerin schnitt dazu Filmaufnahmen ihres Hundes Lolabelle mit Bildern zusammen, die den US-Überwachungswahn nach den Terroranschlägen des 11. September dokumentieren.

Welche Antworten bringen all die gesammelten Daten? Wie viele falsche und richtige Lebensgeschichten lassen sich aus diesen Daten rekonstruieren? So lauten einige Fragen, auf die An­derson in diesem Film keine definitiven Antworten gibt. Mit assoziativ gereihten Videosequenzen, Erinnerungen und Zitaten rekonstruiert sie darin ihre eigene Lebensgeschichte.

Beim Sprung ins Pool hart gelandet

Neben einem Film über Trauerarbeit ist «Heart Of The Dog» also auch ein Film übers Erzählen geworden. Und übers Erzählen zu erzählen wusste Anderson in Kriens so einiges. Vor einer riesigen Bildleinwand gab sie einer der berührendsten Passagen des Films nochmals eine Bühne. Als 12-Jährige verfehlte sie bei einem gewagten Sprung ein Schwimmbecken und brach sich so den Rücken. Als sie gegen die Behauptungen der Ärzte wieder gehen lernte, wurde der Aufenthalt auf der Kinderstation zu ihrer persönlichen Heldengeschichte und zur Maxime: «Du kannst niemandem vertrauen.» Erst Jahrzehnte später erkennt sie: «Es geht bei Geschichten immer nur um dich selber.» Sie hatte die sterbenden Kinder um sich herum vergessen.

Laurie Anderson ist eine Sprachphilosophin, die sich der Unzulänglichkeit von Sprache jederzeit bewusst ist. Und sie kann derart präzis und mit einstudierter Beiläufigkeit Geschichten erzählen, als seien sie gar nicht der Rede wert. Im Südpol duften wir ihr dabei zuhören, wie sie als erster – und letzter! – Artist in Residence bei der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa nach Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Wissenschaft fahndete. Und als Lehrerin einer Abendschule die Wissenslücken der Wissenschaft mit Fantasie ausfüllte.

Sicht aufs grosse Ganze

Anderson besitzt dieses Talent, das jeder Erzähler des 21. Jahrhunderts besitzen müsste: Anstelle von blinder Ichbezogenheit gelingt es ihr, die eigene Lebensgeschichte in Relation zur Weltgeschichte zu sehen und zu deuten. Diese Sicht aufs grosse Ganze, dieser gesunde Abstand zu sich selbst, machte sie bei ihrem Auftritt am Woerdz zu einer empathischen Bühnenfigur, die mit 69 Jahren noch viel jugendliche Frische und introvertierte Heiterkeit ausstrahlt.

Hinweis

Am 28. und 29. Oktober, jeweils um 22.15 Uhr, zeigt das Stattkino Luzern den Film «Heart Of A Dog». Infos: www.stattkino.ch

Julia Stephanjulia.stephan@luzernerzeitung.ch

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