SPORT: Albert Krütli: «Es braucht sehr, sehr viel, bis ich explodiere»

Albert Krütli kennt die Luzerner Sportwelt wie kaum ein anderer. Der 62-jährige Krienser ist seit 35 Jahren in der Sportredaktion am Maihof engagiert.

Roger Rüegger
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Sportredaktor Albert Krütli. (Bild: Philipp Schmidli / LZ (Luzern, 3. Dezember 2016))

Sportredaktor Albert Krütli. (Bild: Philipp Schmidli / LZ (Luzern, 3. Dezember 2016))

Albert Krütli, wann haben Sie das letzte Mal gejubelt oder sich lauthals geärgert?

Gejubelt habe ich, als Stan Wawrinka das US-Open gegen Djokovic gewonnen hat. An Ärger erinnere ich mich nicht. Warum meinen Sie?

Viele Redaktionskollegen meinen, dass Sie nichts erschüttern kann. Stimmt das?

Sagen wir es so: Es braucht sehr, sehr viel, bis ich explodiere.

Dazu gab es in 35 Jahren in unserer Sportredaktion bestimmt Anlass. Doch lassen wir das. Eigentlich wollten Sie Broker an der Börse werden. Wieso haben Sie den weniger lukrativen Job gewählt?

Bei der Luzerner Kantonalbank absolvierte ich eine Lehre als Bankkaufmann. Das war langweilig. So holte ich die Matura nach und studierte an der Universität Wirtschaft und Jus.

Auch diesen Weg setzten Sie nicht fort. Wie und warum wurden Sie Journalist?

Wir hatten zu Hause das «Vaterland» abonniert. Darin habe ich ein Inserat entdeckt und gelesen, dass die Zeitung einen Sportjournalisten sucht. Weil mich Sport interessierte, meldete ich mich.

Die Bewerbung war offenbar erfolgreich?

So war es. Verlagschef Hans Richenberger lud mich zum Anstellungsgespräch ein. Dieses dauerte keine 10 Minuten, dann hatte ich den Zuschlag.

Wie haben Sie ihn in so kurzer Zeit von sich überzeugt?

Ich sagte ihm, dass der Sportteil im «Vaterland» miserabel sei.

Frech. Damit punkteten Sie?

Und wie. Nach dieser Aussage meinte er, dass wir nicht weiter diskutieren müssten. Ich solle dafür sorgen, dass der Sportteil im «Vaterland» super wird. Das Ziel war, junge Leute anzusprechen. Mit Resultate-Service und Platz für Randsportarten gelang uns dies. So entwickelte sich das «Sportjournal».

Dann sind Sie quasi der Vater des «Sportjournals»?

Nein, Richenberger hatte die Idee. Ich und zwei Kollegen hatten die Aufgabe, in einem Halbtagesjob interessante Sportgeschichten zu liefern. Wir konnten praktisch machen, was wir wollten.

Bereuten Sie den Schritt zur Zeitung nie?

Nie. Ich wüsste nicht, wie ich als Broker an der Börse überlebt hätte. Im Journalismus kann ich kreativ sein und etwas aufbauen.

Waren Sie aktiver Sportler?

Natürlich. Beim SC Kriens spielte ich Fussball – später hatte ich einige Einsätze bei den FCL-Reserven. Ich fuhr als junger Bursche gerne Ski, und ich spiele noch immer Tennis.

Das Skifahren erlebten Sie einige Jahre als Journalist. Als Reporter nahmen Sie an vielen Weltcup-Rennen teil. Welche Erlebnisse und Fahrer haben Sie in Erinnerung?

Mir kommt es vor, als ob ich erst gestern Alberto Tomba im Zielraum bei einem Rennen in Leukerbad angesprochen habe. Ich als junger Journalist fragte ihn, ob er mir einige Fragen beantworten würde. Er sprach kaum Englisch, ich überhaupt kein Italienisch. So unterhielten wir uns mit Händen und Füssen. Ich beobachtete den Ski-Star genau und verstand dadurch ziemlich gut, was er mir überhaupt erzählen wollte.

Was sagte er denn so?

Wir sprachen über die grossen Duelle, die er sich mit Paul Accola lieferte. Tomba bezeichnete sich immer wieder als Hulk. Ich wusste nicht, was er meinte.

Ich nehme an, die grüne und mächtige Comic-Figur?

Genau. Er war auch ein kräftiger Athlet, aber eben ein super Typ.

Waren Sie immer mit dem Skizirkus unterwegs?

In Europa war ich an vielen Rennen. Mit einem Olivetti-Computer, den ich mit dem Telefon koppeln konnte, überlieferte ich meine Texte. Das war damals die Luxusversion für Journalisten. Manchmal musste ich mich fünf- bis sechsmal einwählen, weil die Leitungen überlastet waren. Andere Reporter diktierten ihre Texte übers Telefon in die Redaktionen. Nach den Rennen fuhr ich wieder zurück nach Luzern.

Am Tag des Rennens?

Meistens. Einmal war ich mittags in Kitzbühel bei der Streif und am Abend bei einem Hallenturnier des FCL.

Verrückt!

Verrückt war, dass ich in meinem Fiat Panda mit Vollgas durch das Tal brauste, mich aber sämtliche Materialwagen und die Skifahrer reihenweise überholten. Die hatten das Rennen einfach im Blut.

Klingt nach einer stressigen Zeit. Aber auch das brachte Sie wahrscheinlich nicht aus der Ruhe?

Es war damals ein angenehmer Stress. Als junger Journalist machte mir das sowieso nichts aus. Wer erlebte schon solche Dinge mit Tomba, Zurbriggen, Heinzer, Müller, Girardelli oder Hubertus Prinz zu Hohenlohe.

Der Skirennfahrer, der immer hinterherfuhr?

Von dem alle Welt glaubt, er könne nur den Hang hinunterrutschen, weil er nicht zu den Spitzenfahrern gehörte. Der fährt aber Weltklasse Ski, das sage ich, weil ich mit ihm auf der Piste war und dies erlebte.

Sie hatten Zeit, auf die Piste zu gehen?

Die Ski hatte ich immer dabei. Einmal fuhr ich in St. Anton einen schönen Hang hinunter. Ich fragte mich, warum niemand anderes auf der Piste war. Als mir dann einer vom Pistenrand zuwinkte, wunderte ich mich, da ich ja niemanden kannte. Es war ein Pistenkontrolleur, der mich von der präparierten Rennpiste jagte.

Der hatte bestimmt Freude. Wie ist es, auf einer Rennpiste zu fahren?

Wir Journalisten durften in Wengen auf der Slalompiste fahren. Die ersten paar Tore erwischt ein Hobbyskifahrer garantiert nicht. Die Pisten sind pickelhart präpariert, man rutscht nur weg.

Neben dem Skisport waren Sie auch FCL-Reporter.

Richtig. Die schönste Zeit in dieser Hinsicht war die Ära Friedl Rausch. Er war ein Eins-A-Kommunikator. Für eine Vorschau lieferte er einem Journalisten in fünf Minuten eine pfannenfertige Geschichte. Er war eine charismatische Persönlichkeit, wie ich sie nie mehr erlebt habe. Damals gab es in Luzern drei Tageszeitungen. Rausch lieferte jeder Zeitung eine andere Story. Er checkte, dass die Zusammenarbeit mit den Medien wichtig ist.

Wer bekam von den Fussballern die besten Geschichten?

Wir wechselten uns sportlich ab. Natürlich schlugen wir jeden Tag den Sportteil der Konkurrenz auf und ärgerten uns, wenn die was hatten, das uns entgangen war.

Denen gings nicht anders.

Klar. Etwa als mich Jürgen Mohr, der damalige Spielmacher des FCL, zu Hause anrief und exklusiv mitteilte, dass er Luzern in Richtung Sion verlassen werde.

Er rief Sie an und steckte Ihnen einen Primeur?

Klasse, nicht? Ich behandle die Leute immer mit Anstand. Das zahlt sich aus. Mohr hat sich so bei mir revanchiert.

So etwas gäbe es heute nicht mehr. Ich meine, dass ein Spieler den Journalisten so eine Geschichte steckt?

Damals basierte unsere Arbeit auf Vertrauen. Zu dieser Zeit wollte niemand einen Text gegenlesen. Heute geht vieles über die Medienstelle.

Sie sind jetzt 62. Wie sieht es für Sie morgen aus?

Wenn ich pensioniert bin, würde ich gerne wieder mehr schreiben als jetzt. Am liebsten als freier Mitarbeiter, wie Frank Marti oder Roli Bucher bei uns im Regionalsport.

Die bisher erschienenen Beiträge dieser Serie finden Sie unter: www.luzernerzeitung.ch/autoren

Roger Rüegger
roger.rueegger@luzernerzeitung.ch