Luzerner St.-Anna-Klinik: Trotz Kreuzbandriss zurück an die Arbeit

Arbeitsausfälle können Arbeitgeber sowie Betroffene belasten. Um die Zeit des Ausfalls kurz zu halten und die Eingliederung zu fördern, hat die Klinik St. Anna in Luzern ein System entwickelt. Dieses zahlt sich nicht zuletzt auch finanziell aus.

Yasmin Kunz
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Dank des Case Managements der Klinik St. Anna konnte Céline Waldspurger trotz Unfallfolgen wieder arbeiten. (Bild: Nadja Schärli, Luzern, 13. Juni 2019)

Dank des Case Managements der Klinik St. Anna konnte Céline Waldspurger trotz Unfallfolgen wieder arbeiten. (Bild: Nadja Schärli, Luzern, 13. Juni 2019)

Céline Waldspurger (30) strahlt, als sie bei unserem kürzlichen Besuch in der Mensa der Hirslanden Klinik St. Anna die Kasse bedient. Jeder Handgriff sitzt. Das, obwohl die junge Frau im St. Anna üblicherweise eine andere Arbeit ausführt. Als Angestellte Hotelservice geht sie in der Regel von Zimmer zu Zimmer und serviert den Patienten das Essen.

Bis zu dem Tag, an dem sie sich beim Aufwärmen im Kickboxtraining einen Kreuzbandriss zuzieht. Die ersten paar Wochen versucht sie, mit Physiotherapie eine Operation zu vermeiden. Letztlich wird ein chirurgischer Eingriff dennoch nötig. Auf einen Operationstermin wartet sie weitere vier Wochen. Bis dahin ist sie schon zwei Monate ausgefallen – zu 100 Prozent krankgeschrieben. Für Céline Waldspurger keine einfache Zeit:

«Man fühlt sich so nutzlos und isoliert. Nach ein paar Wochen rief ich meinen Chef an, und sagte ihm, dass ich meine Zimmerdecke mittlerweile auswendig kenne.»

Darum ist für die St. Anna-Mitarbeiterin schnell klar: Nach der Operation will sie so schnell wie möglich wieder arbeiten. Nur: In ihrer gewöhnlichen Funktion ist das mit einem frisch operierten Kreuzbandriss nicht möglich.

In einer solchen Situation finden die Angestellten der Klinik St. Anna Unterstützung beim Case Management. Patrizia Brüesch (37), Leiterin Case Management in der Human Resources-Abteilung der Hirslanden Klinik St. Anna, hat dieses mit aufgebaut und 2016 eingeführt. Aufgabe des Case Managements ist es, längerfristig arbeitsunfähige Mitarbeiter und deren Vorgesetzte eng zu begleiten, um individuelle Lösungen zu finden. So sucht Patrizia Brüesch für Mitarbeiter, die länger als zwei Wochen arbeitsunfähig sind, eine alternative Beschäftigung in der Klinik:

«Jedes Arztzeugnis geht über meinen Tisch. Wenn ich sehe, dass jemand mehrere Wochen krankgeschrieben ist, suchen wir das Gespräch mit der betroffenen Person.»

Das sei natürlich nicht in allen Fällen sinnvoll. «Wenn jemand an einer Grippe oder einer Lungenentzündung leidet, muss die Krankheit vollständig auskuriert werden, da brauchen wir keine alternative Beschäftigung zu suchen.» Das Case Management sei für Personen gedacht, die mehrere Wochen ausfallen, aber im Grunde einer anderen Tätigkeit nachgehen könnten. Ein weiteres Beispiel: Bricht sich eine Pflegefachfrau das Bein und ist sechs bis acht Wochen krankgeschrieben, so kann sie womöglich nach drei Wochen administrative Aufgaben auf der Station übernehmen. Brüesch: «Die meisten sind dankbar, wenn sie die Chance auf eine andere Tätigkeit erhalten. Gezwungen wird niemand.»

Céline Waldspurgers einzige Termine waren über Wochen die Physiotherapiestunden. Das füllte den Tag bei weitem nicht aus und sie wollte «unbedingt wieder etwas Sinnstiftendes tun, gebraucht werden». Gemeinsam mit Patrizia Brüesch fand sie eine Lösung, die für alle Beteiligten passte: Die 30-Jährige arbeitete fortan in einem 20-Prozent-Pensum an der Kasse im hausinternen Restaurant. «Ich habe mich so gefreut, wieder eine Aufgabe zu haben. Und es war zugleich spannend, weil ich etwas anders tun konnte, als ich es mir gewohnt war. Endlich hatte ich wieder einen etwas strukturierten Tagesablauf.» Und für die Mitarbeiter in der Mensa war sie eine Entlastung während des regen Betriebs über die Mittagszeit. Während eines Monats bediente die gelernte Restaurationsfachfrau die Mensa-Kasse. Danach ging sie in einem 50-Prozent-Pensum zurück auf ihre Station. Heute, acht Monate nach dem Kreuzbandriss, ist sie wieder zu 100 Prozent im Hotelservice tätig.

Ärzte stellen teils grosszügig Atteste aus

Das ist ein Paradebeispiel, wie die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt funktionieren kann. Doch läuft es immer so problemlos? Gibt es nicht auch krankgeschriebene Personen, die gar nicht früher zur Arbeit möchten? Patrizia Brüesch verneint: «Bisher habe ich keinen solchen Fall erlebt. Länger arbeitsunfähige Mitarbeiter sind wirklich froh, wenn sie wieder eine Tätigkeit ausführen können.» Die meisten hätten Angst, den Anschluss zu verlieren und kämen sich nutzlos vor. «Eine rasche Reintegration, die dem Willen des Arbeitnehmers entspricht, kann den Heilungsprozess positiv beeinflussen», ist sie sich sicher. Ausserdem stärke es die Bindung und fördere das Vertrauen zum Arbeitgeber. Klar ist: Jeder Fall muss mit dem Betroffenen, teils auch mit den zuständigen Ärzten, besprochen werden, hält die Case Managerin fest. Mediziner seien erfahrungsgemäss eher grosszügig, was die Ausstellung eines ärztlichen Attests betreffe. «Wir zwingen aber niemanden, das ärztliche Zeugnis anzupassen, wenn er oder sie es nicht möchte. Aber wie gesagt: Die meisten sind erleichtert, wenn sie wieder zur Arbeit dürfen.» Ein enger Austausch sei auch zwischen dem Taggeldversicherer und der IV-Stelle (siehe Kasten) von grosser Bedeutung, betont sie. «Die IV-Stelle Luzern steht voll und ganz hinter unserem Case Management.» Sie habe etwa schon ein teures Stehpult mitfinanziert, um einen Angestellten zu reintegrieren.

Das System lohnt sich auch finanziell: 2018 konnte die Klinik St. Anna dadurch 270 000 Franken einsparen. 2017 war es eine Viertelmillion. Bei Mitarbeitern, die maximal 90 Tage arbeitsunfähig waren, konnte die berufliche Tätigkeit in 41 von 79 Fällen so angepasst werden, damit ein Wiedereinstieg möglich war. Zusätzlich konnten die Absenzen gesenkt werden: Die Abwesenheitsdauer pro Vollzeitstelle reduzierte sich 2018 auf durchschnittlich 7,1 Tage. Ein Jahr zuvor waren es 8,1 und im Jahr 2016 gar 9,1. Laut Branchenverband H+ liegt der nationale Wert bei 11,6.

Luks mit Abwesenheitstagen unter dem Schnitt

Unter Schnitt liegen auch die Abwesenheitstage des Luzerner Kantonsspitals, wie es auf Anfrage heisst. Konkrete Zahlen nennt das Spital nicht. Offen lässt es auch, wie viel Geld mit dem Case Management eingespart werden konnte.

Die IV-Stelle des Kantons Luzern hat keine Zahlen zu den gesundheitlichen Absenzen. Denn nur die andauernden Arbeitsunfähigkeiten werden bei der IV gemeldet. Absenzen werden in der Regel beim Arbeitnehmer oder der Krankentaggeldversicherung registriert.

Im Kanton Luzern haben 2018 knapp 3000 Personen eine IV-Anmeldung für berufliche Massnahmen oder Rente eingereicht. In 1227 Fällen konnten Eingliederungsmassnahmen erfolgreich umgesetzt werden. Davon konnte in 772 Fällen der Arbeitsplatz erhalten werden, 77 Personen fanden intern eine neue Aufgabe und 359 mussten den Betrieb wechseln. 19 haben nun eine Arbeit im geschützten Rahmen.

Eingliederung: Luzerner Firmen auf gutem Weg

Esther Eschle, stellvertretende Teamleiterin Eingliederungsberatung bei WAS IV des Kantons Luzern, begrüsst das Engagement der Klinik St. Anna, was die Eingliederung in den Arbeitsmarkt betrifft. «Die Klinik St. Anna ist diesbezüglich sehr vorbildlich unterwegs.»

Sie weist allerdings darauf hin, dass es weitere Firmen mit einem gut funktionierenden Case Management gebe und nennt dabei regionale Arbeitgeber wie die Baufirmen Schmid und Anliker. Auch Schindler in Ebikon setze das Case Management optimal um. Schweizweit ernten Migros und die SBB Lob von ihr.

Eine schnelle Eingliederung sei wichtig. Denn: «Personen, die länger krankgeschrieben sind, neigen eher zur Chronifizierung, was die Chancen auf eine erfolgreiche Eingliederung rapid sinken lässt. Dem entgegenwirken können strukturelle Tagesabläufe, ein soziales Umfeld und eine sinnvolle Beschäftigung», so Eschle. Wer nicht bei seinem Arbeitgeber einen passenden Arbeitsplatz erhält, ist allenfalls auf eine temporäre Beschäftigungsmassnahme in einer Institution wie Arbiz angewiesen. Der in der Stadt Luzern beheimatete Verein beschäftigt solche Personen. Arbiz bietet zudem Weiterbildungen an, um die Betroffenen hinsichtlich einer Eingliederung entsprechend zu qualifizieren.

Eschle: «Es wäre wünschenswert, wenn es im Kanton Luzern mehr solche Institutionen gäbe.» Denn oft seien die Wartelisten lang. Das ist nicht ihr einziges Anliegen. Sie wünscht sich auch, dass Ärzte nicht vorschnell Atteste für eine lange Zeit ausstellen, sondern zuerst mit dem Patienten schauen, was möglich ist. «Da sehe ich die Mediziner in der Pflicht. Es sollte auch in ihrem Interesse sein, die Patienten möglichst schnell wieder im Arbeitsmarkt zu wissen.» (kuy)

Weniger Stau in der Stadt Luzern – so funktioniert es

Während die Politik intensiv über Verkehrsprobleme und damit verbundene Megaprojekte streitet, macht die Hirslandenklinik still und leise vor, wie sie gelöst werden können: Nur noch ein Bruchteil ihrer Mitarbeiter setzt aufs Auto – und das aus gutem Grund.
Lena Berger