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ST. ERHARD: «Es war undenkbar, mich zu drücken»

Nächsten Mittwoch jährt sich die Reaktorkatastrophe Tschernobyl zum 31. Mal. Einer, der damals bei der Krisenbewältigung an vorderster Front dabei war, heisst Oleg Kuznetsov. Der Wahlluzerner erzählt, warum er damals sein Leben riskierte.
Thomas Heer
1986 arbeitete Kuznetsov (links) am Tschernobyl-Sarkophag. (Bild: PD)

1986 arbeitete Kuznetsov (links) am Tschernobyl-Sarkophag. (Bild: PD)

Wer sich mit Oleg Kuznetsov über die Jahrhundertkatastrophe von Tschernobyl unterhält und dabei erwartet, der Zeitzeuge erzähle spannungsgeladen und detailreich, der täuscht sich. Seine Arbeit am Sarkophag über dem zerstörten Atomreaktor sieht er nicht als Heldentat. Das Gespräch mit dem bald 63-Jährigen entwickelt sich vielmehr zu einem Dialog über die Essenz des Lebens, das Menschsein und die unverrückbaren Grundsätze, die für einen wie Kuznetsov als Leitplanken für das Dasein auf dieser Welt gelten.

Kuznetsov ist studierter Elektroingenieur und ist als Einzelkind bei seiner Mutter in der Millionenmetropole Nowosibirsk aufgewachsen. Auf die Frage, weshalb er sich vor über drei Jahrzehnten freiwillig meldete, um im strahlenverseuchten Reaktorumfeld mitzuarbeiten, antwortet er: «Aufgrund meiner Erziehung war es undenkbar, mich vor diesem Einsatz zu drücken.» Eine seiner weiteren Aussagen dazu lautet: «Manchmal kommt es im Leben zu Situationen, da gibt’s nur Schwarz oder Weiss und nichts dazwischen.» Und er schiebt noch diesen Satz nach: «Wer nichts Schlechtes erlebt hat, weiss viel weniger zu schätzen, wenn es wieder gut läuft.»

10 Kubikmeter Beton in der Minute

Dass ein Russe sich selbstlos in den Dienst des Vaterlandes stellt und dabei Kopf und Kragen riskiert, ist nichts Aussergewöhn­liches, glaubt «Weltwoche»-­Redaktor Wolfgang Koydl. Zu Zeiten der Perestroika war er Moskau-Korrespondent für die Deutsche Presse-Agentur. «Das ist für jene Zeit nicht atypisch. Diese Leute erhielten vom Staat eine gute Ausbildung, konnten studieren, waren dankbar dafür und entwickelten patriotische Gefühle.» Koydl zitiert in diesem Zusammenhang John F. Kennedy, der einmal sagte: «Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst.»

In Tschernobyl arbeitete Kuznetsov für die Firma Sibakademstroj, ein Staatsunternehmen der ehemaligen Sowjetunion. Im 24-Stunden-Betrieb stellten die Arbeiter Beton her, 10 Kubikmeter pro Minute. Das Material wurde für den Bau des Sarkophags verwendet. Jenes Bauwerks also, das über dem havarierten Kraftwerk errichtet wurde, um die Strahlenbelastung zu reduzieren. Trotzdem sind Tschernobyl sowie das benachbarte Prypjat bis heute praktisch unbewohnte Sperrzone geblieben.

Seine Seele ist noch nicht in der Schweiz angekommen

Kuznetsov war sich damals dessen sehr wohl bewusst, was bei seiner Arbeit in Tschernobyl auf dem Spiel stand. Nämlich nichts weniger als seine Gesundheit. Er zieht einen Vergleich: «Vor Gewehrkugeln kannst du dich schützen. Bei der Strahlung ist das viel schwieriger.» Die Arbeiter trugen damals Schutzanzüge, assen Jodtabletten und trotzdem: Jeder hat seine Strahlendosis abbekommen. Für Kuznetsov ging’s glimpflich aus. Er blieb gesund.

Wenn Kuznetsov von Tschernobyl erzählt, berichtet er von Freundschaften, die fürs Leben hielten, von Erlebnissen in der Gruppe, die zusammengeschweisst haben. Er erwähnt aber auch Reaktionen von Aussenstehenden, kneift dabei die Augen zusammen und wirkt ungehalten, wenn er sagt: «Ich wurde auch immer wieder gefragt: ‹Oleg, du hast doch sicher sehr gut verdient während deiner Zeit in Tschernobyl?›» Da kommt dem Russen heute noch die Galle hoch.

Seinen Lebensmittelpunkt hat Oleg Kuznetsov heute in St. Erhard. In diesem Ortsteil von Knutwil wohnt er zusammen mit seiner Gattin Veronika und den beiden schulpflichtigen Töchtern Anastasia und Catharina. Der Russe reist aber regelmässig zurück in seine Geburtsstadt Nowosibirsk. Dort gehört ihm die Firma Profile Enterprise Group, ein Betrieb, der unter anderem Fenster herstellt. Was bei Oleg Kuznetsov auffällt, ist der Umstand, dass er zwar mehrheitlich in der Schweiz lebt und das damit begründet: «Ich will meinen Töchtern eine gute Ausbildung ermöglichen.» Aber er selber, dieser Eindruck zumindest entsteht, würde ein Leben in Russland bevorzugen. Kuznetsovs Seele ist irgendwie noch nicht in der Schweiz angekommen.

In der Unterhose mit der Wodkaflasche in der Hand

Das mag daher rühren, dass der Lebensstil in Russland einfach ein anderer ist. Gastfreundschaft, Geselligkeit, zwischenmenschliche Kontakte oder ganz einfach die Art zu leben, darin bestehen grosse Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Dazu erzählt Kuznetsov eine ­Anekdote. Sie betrifft seinen Freund, einen der erfolgreichsten Ringer, den die Welt je sah. Dieser Athlet schlug Angebote, sich im Ausland niederzulassen, mehrfach aus. Zum Beispiel jenes aus Hollywood, wo ihm Filmofferten vorlagen. Der Sportler wollte nichts davon wissen und begründete seinen Entscheid mit folgender Aussage: «Wo sonst als in Russland kann ich in der Unterhose mit einer Flasche Wodka in der Hand beim Nachbarn vorbeischauen?»

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch

www. Mehr Impressionen finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/bilder

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