ST. URBAN: Der Täter schoss absichtlich

Wurde ein junger Eritreer in St. Urban absichtlich angeschossen oder nicht? Der Bruder des Opfers erzählt nun aus seiner Sicht, wie sich das Drama abspielte.

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Psychiatrische Klinik St. Urban. (Bild: Corinne Glanzmann)

Psychiatrische Klinik St. Urban. (Bild: Corinne Glanzmann)

Der Fall des jungen Eritreers (20), der in St. Urban angeschossen wurde, scheint eine neue Richtung einzuschlagen (Ausgabe vom 17. Januar). Der 22-jährige Bruder des Opfers, der bei der Tat dabei war, sagt nun, der Schuss sei absichtlich gefallen. Dies entgegen der ersten Aussage des Opfers.
Schuss verfehlte Herz nur knapp
Zur Erinnerung: Auf dem Parkplatz vor der Psychiatrischen Klinik in St. Urban wurde am 14. Januar ein junger Eritreer angeschossen. Wie durch ein Wunder überlebte er, weil der Schuss sein Herz verfehlte, wenn auch nur knapp. Nach der Tat wurden ein Kosovare und ein Schweizer festgenommen. Bei der Tat dabei war auch die Freundin des Schweizers. Einen Tag danach sagte das Opfer gegenüber dem Fernsehsender Tele M1 vom Spitalbett aus, dass die Schussabgabe keine Absicht gewesen sei, sondern ein Unfall.
Die Luzerner Polizei zweifelte bereits damals an dieser Version.
Motiv bleibt unklar
Wie der Bruder nun gegenüber unserer Zeitung sagt, habe der Kosovare geschossen. Ausserdem sei der Schuss im Auto gefallen und nicht, wie anfänglich angenommen, draussen. Weshalb der Täter einen Revolver bei sich trug, kann der Eritreer nicht sagen. «Ich und mein Bruder haben diese Waffe noch nie vorher gesehen.» Gemäss Polizei gibt es für die Waffe keine Bewilligung. Auch die entscheidende Frage nach dem Tatmotiv kann er auf Anfrage nicht beantworten: «Ich kann mir kein Motiv vorstellen.» Dem Schuss sei kein Streit vorangegangen. «Er hat die Waffe einfach gezückt und ohne ersichtlichen Grund geschossen.» Allerdings habe der Kosovare im Verlauf des Nachmittags erwähnt, dass er eine geladene Waffe dabeihabe.
Aber warum hat sein Bruder einen Tag nach der Tat behauptet, es sei ein Unfall gewesen? «Ich nehme an, mein Bruder wollte den Täter schützen, und war sich seiner Aussage nicht wirklich bewusst.» Nach der Schussabgabe verliessen gemäss Angaben des Eritreers drei Personen das Fahrzeug. Er erklärt: «Der Schweizer und ich haben meinen angeschossenen Bruder aus dem Wagen genommen und versucht, die blutende Wunde zu stoppen.» Sogleich hätten der Kosovare und die Freundin des Schweizers mit dem Auto die Flucht ergriffen. Gemäss Schilderung des Eritreers seien die zwei Flüchtigen erst in der Wohnung des Kosovaren festgenommen worden.

Diese Flucht-Version wurde auch von der Luzerner Polizei in einer ersten Medienmitteilung verbreitet. Nur einen Tag später aber schrieb die Luzerner Staatsanwaltschaft, dass die Täter doch nicht geflüchtet seien. Auf Anfrage erklärte Simon Kopp, die Tatverdächtigen hätten sich entfernt und seien in der Nähe des Tatorts aufgegriffen worden. Zum momentanen Ermittlungsstand will Simon Kopp auf Anfrage nichts sagen. «Aus ermittlungstechnischen Gründen können wir dazu keine Stellung nehmen», heisst es nun auf Anfrage. Kopp bestätigt aber, dass der Schweizer und der Kosovare zurzeit noch in Untersuchungshaft sind. Warum der Schweizer, der offenbar nach der Tat beim Verarzten des Angeschossenen mithalf, ebenfalls in Untersuchungshaft ist, kann sich der 22-jährige Bruder des Opfers nicht erklären.

«Niemand bezieht Sozialhilfe»

Die beiden Brüder leben in einer Luzerner Gemeinde. Der 22-Jährige ist den Behörden bereits bekannt. Der Sozialvorsteher der Wohngemeinde sagt, dass die Gemeinde schon mehrmals wegen Vorfällen die Polizei oder das Bundesamt für Migration kontaktieren musste. Der Bruder des Opfers sagt dazu: «Ich weiss, ich habe viel Mist gebaut, aber deswegen ist nicht meine ganze Familie kriminell.» Ob die Familie aus Eritrea auf Sozialhilfe angewiesen sei, konnte der Sozialvorsteher aus Datenschutzgründen nicht sagen. Der Eritreer stellt klar: «Niemand von uns bezieht Sozialhilfe.»

Das 20-jährige Opfer wurde vorgestern aus dem Universitätsspital in Zürich entlassen. «Ihm musste eine Sehne aus dem Bein genommen und in seiner Brust eingesetzt werden», erklärt sein Bruder.