STAATSPERSONAL: Sie ringen weiter um höhere Löhne

Der Staatspersonalverband feierte gestern in Luzern sein 100- jähriges Bestehen. Manchen Mitgliedern ist der Verband aber zu wenig radikal.

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Der Vorstand des Luzerner Staatspersonalverbandes 1950. Wo das Bild aufgenommen wurde, ist unbekannt. (Bild: PD)

Der Vorstand des Luzerner Staatspersonalverbandes 1950. Wo das Bild aufgenommen wurde, ist unbekannt. (Bild: PD)

Der Luzerner Staatspersonalverband (LSPV) feierte gestern in der Swissporarena sein 100-jähriges Bestehen. Geschäftsführerin Helga Christina Stalder nimmt Stellung zu den Errungenschaften und Plänen des Verbandes.

16 Wochen Mutterschaftsurlaub, Dienstaltersgeschenke und Ausbildungszulagen: Die Luzerner Staats­angestellten profitieren von kom­fortablen Anstellungsbedingungen. Trotzdem beklagen sie die Anstellungsbedingungen im Kanton. Ist das nicht auf hohem Niveau gejammert?

Helga Christina Stalder*: Wir haben im Kanton Luzern ein gutes Personalgesetz, das stimmt. Aber gleichzeitig bewegt sich der Kanton Luzern bei den Löhnen schweizweit im hinteren Drittel. Das ist ein Problem. Ausserdem fehlen bei uns die «Goodies». Bei den SBB bekommen alle Angestellten ein GA. Solche Sachen gibts im Kanton Luzern nicht.

Genau solche «Goodies» bieten Sie ja als Verband an: etwa reduzierte Theatereintritte, günstigere Versicherungsprämien, Rabatte in Läden.

Stalder:Ja, aber diese Vergünstigungen sind Leistungen des Verbandes, die er erwirtschaftet, und indirekt zahlen die Mitglieder mit ihrem Jahresbeitrag von 60 Franken auch etwas daran.

Verbandspräsident Peter Dietschi forderte vor einem Jahr in unserer Zeitung, dass die Regierung statt des Kantonsrats die Löhne des Staatspersonals festsetzen soll. Ist das realistisch?

Stalder:Die Aussage war Ausdruck dafür, dass wir im Kantonsrat nicht viel Goodwill spüren für die Staatsangestellten. Der Kantonsrat beschliesst schliesslich über das Budget, dazu gehört auch der Anstieg im Bereich Personalaufwand.

Die Löhne sind Ihnen chronisch zu tief. Dabei müssen alle sparen, nicht nur die Kantonsangestellten.

Stalder:Das stimmt schon. Aber wenn ein Kanton einen guten Jahresabschluss präsentiert – wie dies in den letzten Jahren immer wieder der Fall war –, müssten die Mitarbeitenden unserer Meinung nach auch etwas davon spüren, denn sie tragen zum guten Ergebnis erheblich bei.

Umgekehrt müsste man den Mitarbeitern auch den Lohn kürzen, wenn die Staatsrechnung negativ abschliesst.

Stalder: Das hat man ja schon getan. Zum Beispiel wurde 1992 dem Personal ein Lohnprozent abgezogen, das so genannte Sparprozent. Stufenanstiege wurden nicht gewährt, die Teuerung nicht ausgeglichen, Dienstaltersgeschenke reduziert. Und dies sind nur einige Beispiele.

Die Löhne des Personals, etwa bei den Spitälern und Kliniken, werden jedes Jahr zwischen dem Verband und den Arbeitgebern verhandelt. Stehen Sie den Arbeitgebern zu nahe?

Stalder: Nein. Der LSPV bringt mit den Personalverbänden Forderungen und Wünsche an die Verhandlungen mit den Arbeitgebern mit. Die Gegenseite zeigt den finanziellen Spielraum auf – dieser ist in den letzten Jahren eng geworden.

In den letzten Jahren haben sich einige Mitglieder vom Verband abgewendet, weil er ihnen zu wenig radikal war. Gibt Ihnen das zu denken?

Stalder:Ja, es gab Mitglieder, die diesen Grund für ihren Austritt angegeben haben. Sie schlugen «Dienst nach Vorschrift» oder Streik vor, um gegen die Sparmassnahmen zu protestieren. Der LSPV ist keine Gewerkschaft. Streiken ist nicht unser Stil. Wir setzen auf den Dialog mit dem Arbeitgeber und halten uns dabei an die sozialpartnerschaftlichen Vereinbarungen, die die Arbeitsgemeinschaft der Luzerner Personalverbände (ALP), bei der wir auch Mitglied sind, mit den Arbeitgebern abgeschlossen hat.

Damit haben Sie aber zumindest im letzten Jahr nicht viel erreicht. Es wurde nur ein Teuerungsanstieg von 1 Prozent – und nicht von 2,5 Prozent, wie von Ihnen gefordert – gewährt.

Stalder:Die ALP, Bildungs- und Kulturinstitutionen haben im November zu einer Protestaktion gegen das Sparen aufgerufen und auch eine Petition eingereicht. Der Kantonsrat ist im Bereich Mittel- und Sonderschulen ein klein wenig von seinem Sparkurs abgewichen. Gegen die Reduktion des Dienstaltersgeschenks konnten wir aber nichts ausrichten.

Ist das Dienstaltersgeschenk denn überhaupt noch nötig? Ältere Staatsangestellte verdienen sowieso schon meist das Maximum.

Stalder:Eben deswegen: Sie haben das obere Limit des Lohnbandes erreicht und kommen nicht mehr in den Genuss von Lohnerhöhungen. Aber es gehr ja hier nicht nur ums Geld – das Dienstaltersgeschenk ist eigentlich in Form von Zeit zu beziehen.

Vielleicht ist das ja gut so, sie werden ja möglicherweise auch nicht effi­zienter mit den Jahren.

Stalder:Etwas wegzunehmen, das über Jahre erarbeitet worden ist, ist nicht gerade motivierend. Über Jahre keine lohnmässigen Perspektiven mehr zu haben, ist auch nicht befriedigend. Zudem gibt es ja noch andere Qualitäten als nur die Effizienz, die eine gute Arbeitsleistung ausmachen.

Pro Jahr treten 120 bis 150 Mitglieder aus dem Verband aus, nur 100 bis 120 kommen dazu – laufen Ihnen die Leute davon?

Stalder:Nein, es werden viele Mitglieder pensioniert und treten in den Pensioniertenverband über. Ausserdem wird viel schneller die Stelle gewechselt, wodurch Leute nicht mehr bei unserem Verband Mitglied bleiben können.

Interview Luzia Mattmann

HINWEIS
* Helga Christina Stalder (62) ist Geschäftsführerin des Luzerner Staatspersonalverbandes.

Kartoffeln für die Mitglieder

Der Luzerner Staatspersonalverband (LSPV) wurde 1913 in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit gegründet. Oberstes Ziel war der Kampf für gerechte Löhne, Sozialleistungen und die Schaffung einer Alters-, Witwen- und Waisenkasse (heutige Luzerner Pensionskasse). Als erste Dienstleistung für die Mitglieder organisierte der Verband 1918, als auch in Luzern die Nahrungsmittel knapp waren, eine Sonderladung Kartoffeln, welche die Mitglieder kaufen konnten. In den 1950er-Jahren forderte der Verband, dass jeder 3. Samstag arbeitsfrei sein sollte – dies in einer Zeit, als noch die 6-Tage-Woche die Regel war. 1967 wurde dann die 5-Tage-Woche versuchsweise und danach definitiv eingeführt.

In jüngster Zeit kämpfte der Verband vor allem gegen die Sparpakete der Regierung an. Die Arbeitsgemeinschaft der Luzerner Personalverbände (ALP), in der auch der Staatspersonalverband Mitglied ist, mobilisierte etwa mit einer Unterschriftensammlung gegen das 2005 angekündigte Sparpaket, insbesondere gegen die Schliessung der Kantonsschule Beromünster, des Spitals Wolhusen und der Höhenklinik Montana. Schliesslich begrub die Regierung respektive das Parlament diese Sparmassnahmen und hielt an diesen Institutionen fest.

Heute zählt der LSPV rund 3000 Mitglieder. Der Verband setzt sich für konkurrenzfähige Löhne der Staatsangestellten und den Erhalt der Arbeitsbedingungen ein und ist Verhandlungspartner der Arbeitgeber. Ausserdem bietet er Rechtsberatungen an, die jährlich bis zu 20 Mitglieder beanspruchen. Dazu gibt es ebenfalls für Mitglieder eine Reihe von Vergünstigungen bei Versicherungen, Theatern, Museen und Geschäften.

An der 101. Mitgliederversammlung vom Donnerstag in Luzern wurde Vorstandsmitglied und Vizepräsident Silvio Bonzanigo, Luzern, verabschiedet. Er wurde zum Ehrenmitglied des Verbandes ernannt. Ein neues Vorstandsmitglied soll im kommenden Jahr gewählt werden.

lm