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STADT LUZERN: Aktivisten kämpfen für Herzenssache – trotz Fausthieben und Pinkelattacken

Jeder kennt sie, die Aktivisten, die einen auf der Strasse von einer guten Sache überzeugen wollen. Sie müssen vieles über sich ergehen lassen. Wir haben einige von ihnen nach ihrer Motivation gefragt.
Roman Hagen von der Agentur Corris versucht, im Bahnhof Luzern eine Passantin zum Spenden zu animieren. (Bild: Pius Amrein (16. April 2018))

Roman Hagen von der Agentur Corris versucht, im Bahnhof Luzern eine Passantin zum Spenden zu animieren. (Bild: Pius Amrein (16. April 2018))

Kaum wärmen die ersten Sonnenstrahlen, sind sie auf unseren Strassen und Plätzen allgegenwärtig: Aktivisten, die für oder gegen etwas sind und versuchen, die Passanten ebenfalls von ihrer Meinung zu überzeugen. Eine dieser Aktivisten ist zum Beispiel Jil Heuri (17). Zusammen mit Freunden steht sie am Schwanenplatz, mit selbstgemachten Flyern, und protestiert gegen das Pelztragen. «Ich interessiere mich schon lange für Tierrechte. Den Tieren in der Schweiz geht es zwar besser als in vielen Ländern, aber noch ist nicht genug getan», ist die Kanti-Schülerin überzeugt. Sie will später Tieranwältin werden.

Auch politische Partien bewirtschaften die Strassen und Plätze der Stadt. Fabian Reinhard (37), heute Präsident der FDP Stadt Luzern, hat schon als Jungfreisinniger Unterschriften für längere Ladenöffnungszeiten gesammelt. Auch heute geht er ab und zu auf die Strasse, um für FDP-Anliegen zu werben. «Man exponiert sich schon, wenn man an einer Standaktion für etwas einsteht. Man muss sich überlegen, wie man auf die Menschen zugehen will, und man muss seine politischen Themen kennen», sagt Fabian Reinhard.

Kadri Özkan (75) kennt sein politisches Thema sehr gründlich. Der türkische Kurde kämpft hier in der Schweiz für demokratische Rechte der Kurden in deren Heimatländern: «Wir möchten die Schweizer aufklären und sie mobilisieren. Es sollen zum Beispiel keine Waffen in den Nahen Osten verkauft werden. Wir möchten Druck machen.»

So unterschiedlich die Gründe sind, weshalb sich die drei Aktivisten auf die Strasse stellen und die Konfrontation mit dem Publikum nicht scheuen – eines haben alle drei gemeinsam: Sie brennen für ihre Sache. Aufgeben ist keine Option, jedenfalls nicht für Kadri Özkan: «So schwierig die Situation ist, ich kämpfe bis zum Tod», betont er leidenschaftlich. Auch Jil Heuri sagt: «Es regt mich auf, wenn Leute nicht informiert sind. Deshalb gebe ich nie auf.»

Flexibler Ansprech-Profi

Während sich Heuri, Reinhard und Özkan auf eine Sache oder eine Institution konzentrieren, ist Roman Hagen flexibel. Der Luzerner arbeitet für Corris, eine Fundraising-Agentur, die für Non-Profit-Organisationen arbeitet. Hagens Team kümmert sich um Entwicklungshilfe-Organisationen: «Meist geht es um Hunger, Wasser oder Bildung», sagt er. Als Jugendlicher politisch interessiert, wurde er erst durch seine Arbeit bei Corris auch wirklich aktiv. «Nach meinem Geschichts-Bachelor wollte ich Lehrer werden. Vor meinem Wechsel überredete mich ein Freund, zu Corris zu kommen», erzählt er. Sein Ehrgeiz wurde schon am ersten Tag geweckt. «Die Ignoranz der Passanten, die vielen Zurückweisungen, die haben mich angestachelt.»

Während Politiker Fabian Reinhard selten negative Erlebnisse an einem Stand hat und Kadri Özkan oft Unterstützung und Verständnis für seine Anliegen in der Bevölkerung erfährt, muss Roman Hagen einiges einstecken. «Ich bekam schon am ersten Tag einen Fausthieb von einem eifersüchtigen Mann, der dachte, ich mache seine Frau an. Dabei habe ich sie nur angesprochen, ob sie für den Gehörlosenbund spenden wolle», erinnert sich Roman Hagen. Andere Kollegen hätten erlebt, dass sogar der Stand angezündet oder angepinkelt wurde.

Die Leute anzusprechen falle ihr leicht, sagt Jil Heuri, denn sie sei von ihrer Sache sehr überzeugt: «Viele Junge tragen Pelz, ohne es zu wissen, denn die Preise für Echtpelz sind sehr gesunken. Die will ich über das grausame Leiden der Tiere bei der lebendigen Häutung informieren.» Abweisungen nimmt sie hin und freut sich an den positiven Begegnungen – etwa mit dem älteren Ehepaar am Stand, das findet, dass sie tolle Arbeit leistet. Auch in Zukunft will sie an Demos mitmachen und Flyeraktionen organisieren. Und auch dann wird sie nach vier Stunden am Stand nur vier, fünf positive Reaktionen gesammelt haben. Doch das motiviert Jil Heuri und ihre Freunde nur noch mehr. Auch Roman Hagen kennt das: «Pro Tag mache ich fünf bis sieben Abschlüsse. Und dazu spreche ich unzählige Passanten an und führe ein Verhandlungsgespräch.»

Lieber streiten als schweigen

Fabian Reinhard kämpft nicht nur für politische Anliegen, sondern auch für sich selbst, wenn er sich zur Wahl stellt. Er verstehe, wenn Passanten keine Zeit hätten, um mit ihm zu reden. Trotzdem findet er es frustrierender, wenn jemand das Gespräch verweigere, als wenn er mit jemandem diskutiert, der nicht seiner Meinung ist. «Mir ist wichtig, dass sich die Bürger mit einem Thema auseinandersetzen.» Sich für eine Sache engagieren sei für ihn nicht nur eine Herzenssache, sondern auch staatspolitische Pflicht: nicht nur motzen, sondern etwas tun.

Natalie Ehrenzweig

region@luzernerzeitung.ch

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