STADT LUZERN: Autofahren für einen guten Zweck

Der Fahrdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes befördert Leute, die selbst nicht mehr mobil sind. Einer der Fahrer ist Eugen Lustenberger. Er findet die Arbeit bereichernd – manchmal aber auch belastend.

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Der freiwillige Fahrer Eugen Lustenberger bringt Lyss Oeschger zu ihrem Praxistermin. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 7. September 2017))

Der freiwillige Fahrer Eugen Lustenberger bringt Lyss Oeschger zu ihrem Praxistermin. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 7. September 2017))

«Machen wir uns auf den Weg – wir sind ja schon ein paarmal zusammen unterwegs gewesen.» Es ist eine herzliche Begrüssung zwischen Eugen Lustenberger und Lyss Oeschger an diesem Morgen im Würzenbachquartier in Luzern. Der Ebikoner ist mit seinem privaten Wagen so nahe wie möglich an die Eingangstüre des Hauses an der Kreuzbuch­strasse herangefahren. Er führt Lyss Oeschger nun behutsam zum Wagen und hilft ihr, einzusteigen. Die ehemalige Heilpädagogin ist gehbehindert und rechts gelähmt. 56 Jahre alt war sie damals, als sie aus dem Nichts heraus einen Hirnschlag erlitt und in diese schwierige, ungewohnte Lebenssituation katapultiert wurde.

«Ja, damals hat sich mein Leben um 180 Grad verändert», sagt sie. «Seither bin ich in vielen Bereichen auf Hilfe angewiesen.» Wie eben jetzt, wo sie von Luzern nach Meggen in die Therapie muss. Sie, die einst nebst Auto auch Motorrad gefahren ist, kann selber kein Fahrzeug mehr steuern. Da kommt ihr der Fahrdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) Kanton Luzern gelegen.

Kein Freipass für schnelles Fahren

Es hat sich schon einige Male ergeben, dass Eugen Lustenberger Lyss Oeschger gefahren hat. «Rotkreuzfahrdienst» – diese Aufschrift bringt er dann jeweils an seinem Wagen an. «Nein», sagt Lustenberger, «natürlich gibt diese Beschriftung keinesfalls einen Freipass für das Übertreten irgendwelcher Verkehrsvorschriften.» Aber der Kleber schaffe Verständnis bei anderen Verkehrsteilnehmern, wenn es etwa darum gehe, einer gehbehinderten Person einen weiten Weg zu ersparen.

Lyss Oeschger hat sich im Auto eingerichtet, die Fahrt kann losgehen. Da sich Fahrer und Fahrgast dank früherer Touren bereits kennen (einst ging die Reise bis zum Kunstmalen nach Zürich) plaudern sie gleich munter drauflos. Die Malerei gibt auch jetzt Gesprächsstoff her. Bald ist die Zieladresse erreicht und Lustenberger begleitet Lyss Oeschger bis zum Praxiseingang. In einer Stunde wird er sie dort wieder abholen. Was macht er in der Zwischenzeit? «Mal in einem Café ausgiebig Zeitung lesen. Häufig nehme ich auch den Laptop mit und erledige so einiges.»

Zumindest beruflich müsste Lustenberger eigentlich nichts mehr «erledigen». Der 68-jährige Buchhalter und Controller ist seit zwei Jahren theoretisch pensioniert – er kann es aber nicht ganz lassen und ist zeitweise weiterhin als selbstständiger Berater für Finanz- und Organisationsthemen tätig. Mit Familie und Hobbys ist seine Zeit daher auch jetzt noch rundum ausgefüllt. Wie kommt es, dass er sich da noch zwei Tage in der Woche als freiwilliger Fahrer beim Rotkreuz-Fahrdienst zur Verfügung stellt? «Ich hatte als Kadermitarbeiter in einer internationalen Firma diverse anspruchsvolle Positionen inne, die mich immer sehr ausgefüllt haben. Nach der Pensionierung wollte ich weiterhin eine gewisse Struktur in den neuen Lebensabschnitt bringen», sagt er. Und: «Ich will der Gesellschaft über das SRK-Engagement auch etwas zurückgeben.» Das könne er im Fahrdienst besonders im zwischenmenschlichen Bereich – wobei der direkte Kontakt mit seinen Fahrgästen auch für ihn eine Bereicherung sei. So steigen ganz verschiedene Personen in ebenso unterschiedlichen Lebenssituationen in seinen Wagen; Einfühlungsvermögen und Empathie sind da immer wieder gefragt. Dann etwa, wenn ein Fahrgast nach einem Arztbesuch das Bedürfnis hat, von einer belastenden Diagnose zu erzählen. Oft ist da der Fahrer die erste Ansprechperson. «Da braucht es Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, zuhören zu können.» Solche Situationen seien manchmal schon belastend – das Engagement erweitere aber den Horizont und die Lebenserfahrung.» Lustenberger könne sich deshalb gut vorstellen, seine Tätigkeit beim SRK noch längere Zeit weiterzuführen. Und er freut sich auch, wenn er Lyss Oeschger demnächst wieder mal chauffieren kann. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Lyss Oeschger sagt: «Es ist natürlich schön, wenn man den Fahrer gut kennt.»

Natalie Ehrenzweig

region@luzernerzeitung.ch