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STADT LUZERN: Er wollte Priester werden – und wurde Quartieraktivist

Der «Untergrund» gehört zu den am meisten benachteiligten Quartieren der Stadt. Seit über 30 Jahren kämpft Urs Häner (61) hier für bessere Lebensbedingungen. Jetzt erhält er für seine Arbeit eine offizielle Auszeichnung.
Pirmin Bossart
Urs Häner vor dem Sentitreff. In der Hand hält er historische Fotos seines Quartiers. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 16. August 2017))

Urs Häner vor dem Sentitreff. In der Hand hält er historische Fotos seines Quartiers. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 16. August 2017))

Sein längeres Haar und der markante Bart sind schon sanft grau eingefärbt, doch an der stattlichen Erscheinung von Urs Häner, seinem klaren Blick und seiner offenen Haltung hat sich nichts geändert. Wir treffen uns in der Reussfähre, einer Beiz mitten in jenem Quartier, das für ihn, den Zugezogenen, schon längst zur Heimat geworden ist. Und zum Nabel der Welt: Mit Menschen aus über 70 Nationen ist die Welt im Gebiet Basel-/Bernstrasse in besonderer Vielfalt zu Hause.

Nun erhält der 61-jährige Quartierarbeiter aus dem «Untergrund», wie das Quartier offiziell heisst, die Ehrennadel der Stadt Luzern. Die Auszeichnung, die im Oktober übergeben wird, habe ihn überrascht und auch ein wenig mit Stolz erfüllt, sagt er. Aber, fügt er sofort an: Seine Person stehe wohl stellvertretend für jene drei Körperschaften, bei denen er sich gemeinsam mit anderen für das Quartier engagiere: den Sentitreff, die Quartier-Rundgänge und das Quartierentwicklungsprojekt BaBeL «Da ich in allen ­dabei bin, hat es wahrscheinlich mich getroffen.» Besonders freut ihn, dass mit der Ehrennadel sein Quartier in den Fokus rückt. «Dass die offiziellen Scheinwerfer aus dem stadträtlichen Haus auch mal in den ‹Untergrund› leuchten, ist ein tolles Ereignis.»

«Ich verstehe mich als politischen Menschen»

Urs Häner steht für einen Typus Mensch, der langsam auszusterben scheint. Bewusst hat er vor über 30 Jahren seinen Job als Druckerei-Arbeiter auf ein 50 Prozent-Pensum festgelegt, um die restliche Zeit in sein grossmehrheitlich ehrenamtliches Engagement für die Quartierarbeit zu investieren. Die Zahlen beeindrucken: 32 Jahre Mitarbeit im Sentitreff, davon 30 Jahre als Vorstandsmitglied, und 17 Jahre als Co-Präsident. Dazu kommen 22 Jahre Mitarbeit bei den «UntergRundgängen» sowie 16 Jahre Mitarbeit beim Quartierentwicklungsprojekt BaBeL, wo er seit zehn Jahren Vizepräsident ist.

Hinter den Zahlen steht das Wirken und Kämpfen eines Basisaktivisten der alten Schule, der seinen Lebensraum ernst nimmt und ihn mitgestaltet. «Ich verstehe mich als politischen Menschen, der mitreden, sich eingeben und beteiligen will.»

In Bern aufgewachsen, verschlug es Häner 1975 zum ersten Mal nach Luzern: Er kam, um Theologie zu studieren, weil er den Ruf verspürte, Priester zu werden. «Ich bin zwar Theologe geworden, aber dann stand für mich fest, dass ich nicht in der Kirche mein Geld verdienen, sondern Lohnarbeiter werden wollte.» Nach zwei Jahren in Berlin, wohin ihn die Liebe zog, kehrte er 1985 nach Luzern zurück und begann seinen Job in einer Druckerei. Nachdem er kurze Zeit bei einem Kollegen einquartiert war, fand er die Wohnung an der Dammstrasse, der er bis heute treu geblieben ist. Er lebt einfach, verzichtet auf Autofahren und Flugreisen. Lieber als vom Verzicht redet er jedoch vom Gewinn und auch von der Lebensqualität, die ihm diese Haltung einbringt.

Dass er im Untergrund-Quartier landete, bezeichnet Häner als eine «glückliche Fügung». Er liess sich ein, arbeitete mit, dachte und handelte im Kollektiv und brachte vieles in Schwung. Er tut es bis heute. Trotzdem kommt er manchmal ins Grübeln: «Oft denke ich, dass ich für Geflüchtete im Quartier mehr tun könnte.»

Bei Häner beeindruckt die Mischung aus gewerkschaftlich-linkem Gedankengut und seiner gleichzeitigen Verwurzelung in der jüdisch-christlichen Tradition. In der Pfarrei St. Karl ist er ebenso aktiv wie in den weltlichen sozialen Institutionen und Gremien. Aus der Bibel leitet er seine Handlungsmaximen ab. Sich gemeinsam mit den Menschen vor Ort für eine bessere Welt einzusetzen, ist ein wichtiges Credo. «In unserem Quartier ist die ganze Welt anwesend. Da lässt sich gut ein weltoffener Alltag kultivieren.»

Dass diese vielfältigen Engagements gerade in einer zunehmend ökonomisierten und sich entsolidarisierenden Welt auch an den Kräften zehren können, verschweigt Häner nicht. Aber jammern will er nicht. «Die Injektion der Ehrennadel ist ja so etwas wie ein Gegengift für allfällige Ermüdungserscheinungen», meint er schmunzelnd.

Das Image der Baselstrasse ist besser geworden

Seine Bilanz des bisher Erreichten fällt positiv aus. Häner erwähnt als Beispiel die gut funktionierenden Animationsprojekte für Kinder und Jugendliche oder die verstärkte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Gremien, die im Quartier wirken. «Auch das Image hat sich gewandelt. Man redet heute anders über die Baselstrasse als vor 20 Jahren.» Die grösste Bedrohung im Quartier ist für Häner der Verkehr. Zusammen mit andern kämpft er für Tempo-30-Zonen. Auch wünschte er sich, dass sich die Gewerbetreibenden im Quartier stärker vernetzen würden, um ihre Interessen gegenüber der Stadt besser vertreten zu können.

Warum er eigentlich immer noch kein Handy habe, wollen wir noch wissen. Urs Häner stutzt und meint: «Muss man das jetzt noch begründen? Die 24-Stunden-Erreichbarkeit ist etwas, was krank macht!» 20 Minuten später schwimmt er schon die Reuss hin­unter. Das gehört zur Lebensqualität im Quartier, die er meint. Und ist erst noch gesund.

Pirmin Bossart

stadt@luzernerzeitung.ch

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