STADT LUZERN: «Flotte Dame» wurde dem Erdboden gleich gemacht

Die letzte Mauer der Siedlung Himmelrich ist weg – und damit das Wandbild. Wie die Berliner Mauer soll es ein zweites Leben erhalten. Wie das passieren soll, erfahren Sie in unserem Video.

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Bild: Stefanie Nopper / luzernerzeitung.ch

Bild: Stefanie Nopper / luzernerzeitung.ch

Es ist eine ganz besondere Stimmung am Freitagvormittag (26.Februar 2016): Passanten bleiben stehen, halten Smartphones und Kameras in die Luft um zu filmen oder zu fotografieren. Grund: An der Luzerner Bundesstrasse fiel die allerletzte Wand der Himmelrich-Überbauung. Das Grafitti, das auf der letzten Wand prangte – die «flotte Dame», ist ein Relikt des Kulturprojekts «Zwischenrich» vom September. Damals entstanden vor dem Abriss der Überbauung rund 100 Kulturprojekte.

Das Bild zeigte eine überdimensionierte Kuckucksuhr mit einem Zifferblatt und einem Comicmädchen, das sich auf eine weite Reise zu machen scheint. «Time has come» heisst das Werk des Luzerner Künstlerpaars Queen Kong. «Die Zeit für das Himmelrich ist nun definitiv gekommen», sagt Marco Schmid, einer der beiden Künstler.
 


 

Idee entstand auf Facebook

Dass ausgerechnet die Wand mit dem Bild als letzte fällt, ist kein Zufall. «Für uns war klar, dass wir diese Wand möglichst lange stehen lassen möchten», erklärt Benno Zgraggen, Kommunikationschef der Allgemeinen Baugenossenschaft (ABL). Ziel beim Rückbau war, die Stücke der Mauer im bestmöglichen Zustand zu erhalten. Verantwortlich dafür sind Oliver Sielemann aus Horw und die Facebook-Gruppe «Du besch vo Lozärn, wenn ...». Dort entstand die Idee, dass sich Private Stücke der Wand sichern können. Am 5. März dürfen Interessierte im Neubad mit Hammer, Meissel und Schutzbrillen ihr Lieblingsstück holen. Es gibt eine Kollekte. Das Geld geht an den Verein Spieltraum Luzern, der sich für spielende Kinder einsetzt. Nach dem Abbruch der Mauer wurden die Steine deshalb gestern ins Neubad transportiert.

Mauerstücke sind begehrt

«Ich hörte von mehreren Seiten, dass man gerne ein Stück des Bildes möchte. Ich fand, dass dies möglich sein soll», sagt Oliver Sielemann. «Es ist ein bisschen so wie bei der Berliner Mauer.» Die Nachfrage sei bereits jetzt sehr hoch. Bei der Aktion stehe nicht nur das Bild selber im Mittelpunkt, so Künstler Marco Schmid. «Es steht symbolisch für das ganze Himmelrich. Viele haben zu dieser Überbauung eine grosse Verbindung und wollen sich deshalb ein Stück sichern.»

Das ganze Bild zum Aufhängen gibt es bei der Confiserie Bebié zu kaufen. Viel mehr als einen Farbklecks kann man vom echten Wandbild nämlich nicht mitnehmen: Alleine ein Auge des Mädchens ist rund zwei Meter breit.

Raphael Gutzwiller / Stefanie Nopper

 

Über zwanzig Meter ist der Arm des Baggers lang, er krallt sich die Regenrinne und reist sie vom Dach runter. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
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Am Montag hat der Abbruch der Siedlung Himmelrich 3 in der Neustadt gestartet. Sie wird zurückgebaut – eine Abrissbirne sucht man vergeblich. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
«Heutzutage funktioniert ein Abriss nicht mehr so wie früher», sagt Peter Bucher, Leiter Bau und Entwicklung der Allgemeinen Baugenossenschaft (ABL). (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Das Material werde strikt getrennt. So haben Bauarbeiter Fenster, Türen, Kellerabteile und Spiegel einzeln ausgebaut. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
«Insgesamt 85 000 Kubikmeter Bauschutt wird in 800 Lastwägen abtransportiert», sagt Bucher. (Bild: Corinne Glanzmann)
Ein halbes Jahr dauert der Abriss der Häuserzeilen an der Tödistrasse und am Heimatweg. Insgesamt kostet er rund 4,5 Millionen Franken. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Nicht eingerechnet ist die halbe Million für die Asbestsanierung, die noch immer andauert (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Die Siedlung geriet in den 1990er-Jahren durch eine neu erstellte Tiefgarage in leichte Schieflage. Die ABL entschied sich für einen Neubau für 170 Millionen Franken mit Wohnungen, Läden und Dienstleistungsbetrieben. Die erste Bauetappe bis Frühling 2019 umfasst die Häuserzeilen an der Tödistrasse und am Heimatweg, die zweite bis Frühling 2021 jene an der Claridenstrasse. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Bevor die Gebäude abgerissen werden konnten, mussten Arbeiter den Asbest abtragen. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Über zwanzig Meter ist der Arm des Baggers lang, er krallt sich die Regenrinne und reist sie vom Dach runter. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Die ABL Überbauung Himmelrich in Luzern wird abgerissen. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
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«Das Material wird alles strikt getrennt, damit es danach einzeln entsorgt werden kann», sagt Franz Studer, Bauleiter der Allgemeinen Baugenossenschaft (ABL). (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Die ABL baut dort für 170 Millionen Franken einen Neubau mit Wohnungen, Läden und Dienstleistungsbetrieben. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Mit insgesamt rund 1200 bis 1500 Lastwagenfahrten wird der Bauschutt von der Baustelle abtransportiert. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Zwei Häuserreihen stehen aktuell nur noch zur Hälfte. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Riesige Bagger zerstückeln aktuell die Siedlung Himmelrich 3. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Seit Anfang Oktober werden drei Häuserreihen einzeln und aufwendig zurückgebaut. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Baustellenrundgang (vlnr): Franz Studer (Bauleiter ABL), Raphael Gutzwiller (Journalist Neue LZ) und Benno Zgraggen (Kommunikation ABL). (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Bis Ende April dauern die Rückbauarbeiten der aktuell grössten Stadtluzerner Baustelle. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Die ABL Überbauung Himmelrich in Luzern wird abgerissen. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Bild: Pius Amrein / Neue LZ
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Ein 18 Meter langer Baumstamm hat quer in der Wohnung Platz gefunden. Bestaunt durch Nadja Bürgi (hinten) Amun Martin (5 Jahre mitte) und seine Mutter Fabienne Marti (vorne). (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Auf dem Bild zu sehen ist ein Baum ein 18 Meter langer Baumstamm der quer in der Wohnung Platz gefunden hat. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Die "Queen-Kong" ziert eine der Fassaden. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Kaffeerösterin Sophia Wetterblad, welche zusammen mit Katharina Steiner von "Die Zuckerbäckerin" ein Kaffee führt. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Bild: Pius Amrein / LZ
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Wohnung mit Werken von Pablo Stettle und Lionne Saluz. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Wohnung mit Werken von Sabina Oehringer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Wohnung mit Werken von Pablo Stettle und Lionne Saluz. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Auf dem Bild zu sehen ist die Wohnung mit Werken Paul Lipp. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Auf dem Bild zu sehen ist die Wohnung mit Werken von Pablo Stettle und Lionne Saluz. Das Kulturprojekt «Zwischenrich» an der Tödistrasse dauert noch bis Samstag. Die Ateliers sind von 11 bis 23 Uhr geöffnet, die Gastrobetriebe von 11 Uhr vormittags bis 4 Uhr morgens. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Bild: Pius Amrein / Neue LZ