STADT LUZERN: Herzlichen Dank, ihr Luzerner Saubermänner!

Strassenreiniger sind häufig verbalen Angriffen ausgesetzt. Wer sind die Männer, die trotzdem Tag und Nacht für Sauberkeit sorgen?

Sarah Weissmann
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Albert Kreienbühl, 55, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Albert Kreienbühl, 55, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Zigarettenstummel, Essensreste, Glasscherben und vieles mehr. Während die meisten Menschen noch am Schlafen sind, sorgen die Männer in oranger Arbeitskleidung bereits in den frühen Morgenstunden für eine saubere Stadt.

Brunnen reinigen, Rasen mähen

2,1 Millionen Quadratmeter öffentlicher Grund in der Stadt Luzern erfordern täglich betrieblichen und baulichen Unterhalt. Dafür ist das Strasseninspektorat mit seinen insgesamt 190 Mitarbeitern zuständig. Im betrieblichen Unterhalt, welchem die Luzerner Strassenreiniger angehören, sind 69 Mitarbeiter tätig. Diese haben ganz viele völlig unterschiedliche Aufgaben: Reinigung der Stadtbrunnen und Liftanlagen, Unterhalt der Verkehrspoller und der Wanderwege sowie Mäharbeiten, Tierkadaverentsorgung und die Betreuung von Events auf öffentlichem Grund. Ausserdem kontrollieren die Männer Kunstbauten und Spielplatzgeräte und melden Mängel. In ihrem Berufsalltag werden die technischen Mitarbeiter des Strasseninspektorats der Stadt Luzern immer wieder tätlich und verbal angegriffen, müssen sich auch menschenverachtendes Verhalten gefallen lassen (Zentralschweiz am Sonntag vom 2. November). Wir haben sechs der Männer zu einer Gesprächsrunde getroffen: Wie gehen sie damit um? Wie erleben sie ihren Arbeitsalltag?

Albert Kreienbühl, 55, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Albert Kreienbühl, 55, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Ich bin als Leiter Stadtteil Mitte für 28 technische Handwerker im betrieblichen Unterhalt des Strasseninspektorats zuständig. Nach meiner Lehre zum Strassenbauer habe ich die Vorarbeiterschule gemacht und 17 Jahre lang die Baugruppe der Stadt Luzern geleitet. 2008 habe ich dann den Stadtteilleiter-Job übernommen. Während meiner Zeit hier, hat mich ein Erlebnis schockiert: Ich habe vor der Disco Rok gewischt, und drei Jugendliche haben dort gekifft. Das Mädchen der Gruppe fragte mich, ob ich auch einen Zug wolle, dann würde es mir sicher einfacher gehen mit dem Saubermachen. Die Jungs sagten ihr, dass sie so etwas doch nicht sagen dürfe. Ihre Antwort war, dass ich ja eh nur ein Bimbo sei, der nix gelernt hat und deshalb für sie putzen müsse. In solchen Situationen muss man auf Distanz gehen. Meinen Mitarbeitern empfehle ich, die Polizei einzuschalten. Angriffe auf uns werden wie Beamtenbeleidigung geahndet. Trotzdem, die Wertschätzung uns gegenüber ist gross. Die Leute sagen uns oft Danke.»

Vaz Marques Domingos, 54, Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Vaz Marques Domingos, 54, Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«In Portugal, wo ich herkomme, habe ich als Koch in einem Hotel gearbeitet und wurde vor 25 Jahren in die Schweiz versetzt. Dann wurde das Hotel verkauft und allen Mitarbeitern gekündigt. Ich hab mich danach bei einem Transportunternehmen als Lastwagen-Chauffeur gemeldet und wurde eingestellt. Vor zehn Jahren dann hat die Stadt Luzern einen Fahrer für die Putzmaschine gesucht und ich hab mich beworben. Es gefällt mir, täglich an der frischen Luft zu sein, und ich habe tolle Arbeitskollegen. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Die Menschen in der Schweiz sind sehr nett.»

Ioe Thalmann, 60, Horw. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Ioe Thalmann, 60, Horw. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Ich habe die Landwirtschaftliche Schule besucht und eine Zeit lang als Landwirt gearbeitet. Seit 1972 bin ich jetzt schon beim Strasseninspektorat. Ich stehe gerne früh auf und geniesse es draussen zu sein. Der Sonnenaufgang, die fröhlichen Menschen oder die Rehe im Wald, das motiviert mich. Überwiegend gibt es Menschen, die meine Arbeit schätzen. Natürlich gibt es solche, die das nicht tun, aber die haben keine Ahnung, was wir machen. In den ganzen Jahren hatte ich vier Erlebnisse, die schwierig waren. Morgens um 5 Uhr ist ein Velofahrer in mich reingefahren und einfach weitergefahren. Ich hab ihm nachgerufen und gefragt was das soll. Dann stieg er ab und hat sich vor mir aufgeblasen. Er sagte: «Was ist los? Ich mach dich kaputt.» Ein anderes Mal sagte mir einer im Bahnhof unten, ich sei Dreck und zeigte mir den Mittelfinger. Mir wurde auch schon ein Besenstil über den Kopf gezogen oder einmal pinkelte mir ein Typ gegen die Kehrmaschine. Ich blieb ruhig und bin weitergefahren. Dann warf er eine Bierflasche gegen die Maschine. In einer solchen Situation richtig zu reagieren ist eine Herausforderung. Die Maschine ist teuer und wird mit Steuergeldern bezahlt. Aber ich muss Verantwortung übernehmen, schliesslich hab ich eine Frau und Kinder. Aber auch für meine Kollegen, denn wenn ich mich auf eine Schlägerei einlasse, dann werden alle Mitarbeiter in den Dreck gezogen.»

Daniel Siegenthaler, 35, Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Daniel Siegenthaler, 35, Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Ich bin eigentlich gelernter Maler. Aber wir hatten zu wenig Arbeit im Betrieb, und ich wurde entlassen. Mein Cousin arbeitet auf dem Wilhelm-Tell-Restaurant-Schiff und die Frau meines jetzigen Chefs auch. So kam ich 2009 mit ihm in Kontakt. Er erzählte mir von der Arbeit beim Strasseninspektorat, und ich habe mich beworben. Seit fünf Jahren bin ich nun dabei. Mein Alltag hier ist sehr abwechslungsreich. Mir gefällt es, dass ich selbstständig arbeiten kann. Es gibt viele Leute, die meine Arbeit schätzen und sich bedanken, wenn die Strassen vom Schnee befreit oder die Abfalleimer geleert sind.»

Roby Weibel, 57, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Roby Weibel, 57, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Bis 2013 habe ich als technischer Ausgräber auf der Archäologie in Zürich, Zug und Luzern gearbeitet. Dann wurde ich arbeitslos. Durch das Arbeitsintegrationsprojekt kam ich im Februar 2014 zum Strasseninspektorat. Ich arbeite sehr gerne im Freien und schätze mich glücklich, hier zu sein. Einmal habe ich im Inseli sauber gemacht, ein altes Ehepaar kam vorbei. Sie bedankten sich, dass ich sauber mache und drückten mir 2 Franken in die Hand. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich höre das viel von den alten Leuten, dass sie sich freuen, dass wir sauber machen. Aber es gibt auch die andere Seite. Ich habe beim KKL sauber gemacht und wurde von hinten angegriffen. Ich erhielt einen Schlag auf die Schulter, drehte mich um und der Typ schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Meine Arbeitskollegen haben mich weggeholt und den Typ festgehalten. Ich konnte die Polizei anrufen, und die haben den verhaftet. Aber so etwas lässt mich kalt. Ich bin ein positiver Mensch und habe die Einstellung, wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Ich komme gerne arbeiten.»

Axmed Cusman, 34, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Axmed Cusman, 34, Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Ich komme aus Somalia und bin im Januar 2004 als Asylbewerber in die Schweiz gekommen. Wegen dem Krieg in meinem Land konnte ich keine Ausbildung machen. Lange habe ich als Office-Mitarbeiter in der Küche gearbeitet. Aber 2012 wurde ich arbeitslos. Durch das Arbeitslosenprogramm ReFit bin ich hier zum Strasseninspektorat gekommen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich hier arbeiten kann und ein eigenes Einkommen habe. Zu-Hause-Sitzen ist nicht gut. Hier werde ich integriert. Ich fühle mich wohl, und der Chef ist zufrieden mit mir.»

Die Luzerner Strassenreiniger sind stadtbekannt, ihre Arbeit wird von vielen geschätzt. Oft müssen sie aber Angriffe und Beleidigungen über sich ergehen lassen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Die Luzerner Strassenreiniger sind stadtbekannt, ihre Arbeit wird von vielen geschätzt. Oft müssen sie aber Angriffe und Beleidigungen über sich ergehen lassen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)