Stadt Luzern
Überbrückungshilfe: 400'000 Franken aus Fonds für armutsbetroffene Ausländer

Die Stadt Luzern hilft Nicht-Schweizern und Sans-Papiers. Diese Armutsbetroffenen meiden Sozialämter aus Angst, ihren Aufenthalt zu verlieren.

Sandra Monika Ziegler
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Auch als eines der reichsten Länder der Welt ist die Schweiz von Armut betroffen. Das solche Menschen sich nicht melden, liegt an der Gesetzgebung des Bundes. Denn Sozialhilfebezug kann zur Ausweisung führen. Deshalb meiden Ausländerinnen und Ausländer mit einer B- oder C-Bewilligung den Gang aufs Sozialamt. Nun hilft die Stadt Luzern in eigener Kompetenz seit dem 1. September mit einer Überbrückungshilfe. Finanziert wird die Hilfe nicht aus Steuergeldern, sondern aus dem Margaretha-Binggeli-Fonds mit 400'000 Franken.

Innert einer Woche greift die Hilfe

Stadtrat Martin Merki (FDP) stellte am Freitag an einer Medienkonferenz das Pilotprojekt vor, das unter dem Arbeitstitel Wirtschaftliche Basishilfe läuft. Er sagte: «Es hilft Menschen, die keine Sozialhilfe beziehen und hat dementsprechend keine ausländerrechtlichen Folgen. Die Armutsbekämpfung ist eine zentrale Aufgabe der Stadt.» Das Angebot werde schnell und unbürokratisch umgesetzt. Vom ersten Beratungsgespräch bezüglich Finanzen, Arbeit oder Krankenkasse bis zum Greifen der Überbrückungshilfe dauert es eine Woche.

Beratung an einem Sozialamt-Schalter.

Beratung an einem Sozialamt-Schalter.

Symbolbild: Christian Beutler/Keystone

30 Prozent mehr Ratsuchende bei Sans-Papiers Luzern

Voraussetzung für den Bezug der Überbrückungshilfe ist, dass die Gesuchstellerin mindestens fünf Jahre in der Schweiz, davon zwei Jahre in der Stadt Luzern, lebt. Die Caritas Luzern und die Kontakt- und Beratungsstelle Sans-Papiers Luzern sind für die Umsetzung zuständig. Von den 400'000 Franken erhält die Caritas 90 Prozent, Sans-Papiers Luzern 6 Prozent und die restlichen 4 Prozent werden für das Reporting verwendet. Stadtrat Merki wie auch Caritas-Geschäftsleiter Daniel Furrer sind überzeugt, Menschen in akuter Notlage auf diese Weise eine längerfristige Perspektive aufzeigen zu können.

Die Pandemie erhöht das Armutsrisiko, wie Nicola Neider, Präsidentin Sans-Papiers Luzern, ausführte. Sans-Papiers seien besonders verletzliche Personen ohne Aufenthaltsstatus. Seit der Pandemie habe es 30 Prozent mehr Ratsuchende, im Jahr 2020 waren es 249 Personen.

Er behält ihren Lohn und betrachtet sie als sein Besitz

Nicola Neider erzählt von einer 45-Jährigen, die als Saisonarbeiterin putzt und bei dem Mann wohnt, der sie vermittelt. Er behält ihren Lohn und betrachtet sie als sein Besitz. Als die Arbeit wegbricht, fällt sie ihm zur Last, er misshandelt sie. Sie läuft davon und meldet sich bei Sans-Papiers. Mit Kurzberatung, Opferhilfe und Frauenhaus wird sie stabilisiert. Es wird eine Rückreise nach Tschechien organisiert und ihr finanzielle Starthilfe geboten. Neider: «Sie war ein Opfer von Menschenhandel, der nicht nur das Sexgewerbe, sondern auch die Putzbranche bedient.»