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Stadt Luzern will «Velostrasse» definitiv einführen – doch der Bund ist skeptisch

Seit zwei Jahren läuft der Pilotversuch «Velostrasse» des Bundesamtes für Strassen (Astra) in Luzern. Das Fazit des Bundes ist durchzogen. Bei der Stadt Luzern hingegen ist man begeistert.
Robert Knobel
Auf der Velostrasse – hier auf der Luzerner Taubenhausstrasse – sollen Velos möglichst ungehindert fahren können. (Bild: Dominik Wunderli, 9. April 2018)

Auf der Velostrasse – hier auf der Luzerner Taubenhausstrasse – sollen Velos möglichst ungehindert fahren können. (Bild: Dominik Wunderli, 9. April 2018)

Eines der grössten Ärgernisse für Velofahrer im Stadtverkehr ist das ständige Abbremsen und Anfahren. Zwar kennen auch Autofahrer den Stop-and-go-Modus nur zu gut. Doch während Automobilisten sich vor allem über den Benzinverbrauch ärgern, kostet es die Velofahrer jedes Mal zusätzliche Muskelkraft. Genau dieses Problem soll das Pilotprojekt «Velostrasse» beseitigen. Es wurde 2016 vom Bundesamt für Strassen (Astra) initiiert und in mehreren Schweizer Städten getestet.

In Luzern wurde damals die Achse Taubenhaus-/Bruchstrasse versuchsweise zur Velostrasse umfunktioniert. Konkret bedeutet dies: Auf der gesamten Achse zwischen Eichhof und Kasernenplatz haben die Verkehrsteilnehmer immer Vortritt gegenüber den einmündenden Strassen. Damit ist auch der Rechtsvortritt aufgehoben, der sonst in Tempo-30-Zonen bei Kreuzungen üblich ist. Das erspart das Abbremsen vor Stopp-Signalen und schont die Muskeln der Velofahrer.

Die Strecke des Pilotprojekts «Velostrasse».

Die Strecke des Pilotprojekts «Velostrasse».

Der Pilotversuch wurde vom Astra mit diversen Messungen und Umfragen begleitet. Nun liegt der Schlussbericht vor. Dort steht unter anderem, dass die Velos mit dem neuen Regime nicht schneller unterwegs sind als vorher. So fuhren 85 Prozent der Velos mit maximal 27 km/h oder langsamer. Auf der Taubenhausstrasse sank die Geschwindigkeit sogar leicht gegenüber früher. Auch die Geschwindigkeit der meisten Autos veränderte sich kaum – sie lag meist bei den erlaubten 30 km/h.

Abgenommen haben hingegen die isolierten Tempoexzesse: Waren in der Voruntersuchung einzelne Autofahrer mit bis zu 58 km/h unterwegs, so betrug der maximale Wert später nur noch 45 km/h. Dies ist positiv, erstaunt gleichzeitig aber auch. Denn man könnte vermuten, die «freie Fahrt» mit General-Vortritt könnte den einen oder anderen Autofahrer dazu verleiten, aufs Gas zu drücken.

Weniger Tempoexzesse auf der Bruchstrasse

Aber auch bei den Velofahrern haben die Schnellsten ihr Tempo etwas gedrosselt: Die maximal gemessene Geschwindigkeit sank von 45 auf 39 km/h. «Damit haben sich die Befürchtungen aus dem Quartier nicht bewahrheitet», sagt Martin Urwyler, Projektleiter beim städtischen Tiefbauamt. Tatsächlich hatten sich Anwohner nach der Einführung der Velostrasse beklagt, dass insgesamt aggressiver gefahren werde (wir berichteten).

Auch in den Umfragen, die die Stadt im Auftrag des Astra durchgeführt hat, kritisieren die Quartierbewohner das Tempo. Sie beklagen insbesondere zunehmende Konflikte zwischen E-Bikes und Fussgängern. In der Umfrage äussern sie unter anderem den Wunsch nach Tempokontrollen für Velofahrer. Letztlich finden aber doch 79 Prozent der Befragten in der Umfrage die Velostrasse eine «gute Idee».

Interessant ist auch die Einschätzung der Verkehrsteilnehmer selber: Aus Sicht der Velofahrer und Fussgänger ist die Taubenhaus-/Bruchstrasse ein bisschen attraktiver geworden, während sie bei den Autofahrern an Attraktivität verloren hat:

Umfrage Verkehrsteilnehmer zur Velostrasse

Sie beurteilen die Taubenhaus-/Bruchstrasse als "attraktiv" (Anteil in %)
vorher (2016)
nachher (2017)
AutofahrerVelofahrerFussgänger020406080100

Immerhin hat das subjektive Sicherheitsgefühl bei sämtlichen Verkehrsteilnehmern zugenommen. So fühlen sich 84 Prozent der Autofahrer, 87 Prozent der Velofahrer und 93 Prozent der Fussgänger sicher. Dies obwohl sich mit der Einführung der Velostrasse die Zahl der Überholmanöver deutlich erhöht hat – sowohl zwischen Autos und Velos als auch von Velo zu Velo.

Die Zahl der Velofahrer auf der Bruchstrasse hat nach Einführung der Velostrasse von 3350 auf 3600 pro Tag zugenommen. Diese Zunahme ist allerdings deutlich geringer als auf den meisten anderen Strassen der Stadt Luzern. Auch die Zahl der Autos blieb mit rund 2600 weitgehend konstant:

Verkehr auf der Bruchstrasse

Anzahl Fahrzeuge pro Tag
Juli 2016
Mai 2017
AutosVelos01000200030004000

Wie geht es nun weiter? Im Schlussbericht des Astra heisst es, die Bilanz des Velostrassen-Versuchs sei weder klar positiv noch negativ. Ob die Velostrasse definitiv ins Schweizer Strassensystem aufgenommen wird, ist noch offen. Falls ja, so bräuchte es eine Anpassung der Tempo-30-Verordnung bezüglich Rechtsvortritt. Heute sieht die Verordnung so aus:

Zuerst muss die Tempo-30-Verordnung angepasst werden

Aus Sicht der Stadt Luzern ist die Bilanz aber eindeutig positiv. «Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht», sagt Martin Urwyler. Dies sei auch das Fazit der anderen beteiligten Städte. Urwyler stellt teilweise die Schlussfolgerungen des Astra in Frage. Die Tatsache, dass sich das Tempo der Velofahrer nicht erhöht habe, erwecke den Eindruck, die Velostrasse würde wenig bringen.

«Hätte man die Zeit gemessen, die die Velofahrer für eine bestimmte Strecke benötigen, so hätte man mit Bestimmtheit einen positiven Effekt festgestellt», so Urwyler. Der Grund sei, dass die Velofahrer dank Vortritt flüssiger vorankommen. Für die beteiligten Städte sei daher klar, dass die Velostrasse definitiv eingeführt werden soll. «Wir bleiben mit dem Astra im Gespräch», so Urwyler.

Velostrassen: Hier gehts zum vollständigen Schlussbericht des Astra.

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