Stadtentwicklung: Baukultur, wo sie wirklich zählt

Gebäude haben in Städten einen hohen Stellenwert. Doch es kommt nicht nur auf sie selbst an, sondern auch auf deren Aussenwirkung.

Dieter Geissbühler
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Dieter Geissbühler, Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern. (Bild: PD)

Dieter Geissbühler, Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern. (Bild: PD)

Das Europäische Jahr des Kulturerbes 2018 neigt sich dem Ende zu. Gerade die Baukultur hat in der Schweiz unter den Aktivitäten dieses Jahres einen relativ grossen Stellenwert einnehmen können. Was bleibt uns davon? Vor allem hat sich gezeigt: Die Begriffe Kulturerbe und Baukultur sind im öffentlichen Verständnis diffus geblieben. Dies mag man als Problem verstehen, meines Erachtens ist es aber eher eine spezifische und sehr wichtige Qualität. Denn Komplexität bestimmt alle gebaute Kultur. Da prallen politische, soziale, ökonomische, technische und künstlerische Aspekte aufeinander, die jede Gesellschaft verbindlich aushandeln muss.

Im Vordergrund steht oft das einzelne Gebäude. Dies nicht zufällig, denn es ist das Gefäss, das uns geborgen hält. Sein Wert liegt in dem, was es für die Qualität des Wohnens oder des Arbeitens leisten kann. Die Ästhetik schieb sich zwar oft in den Vordergrund, doch der eigentliche Wert misst sich daran, welche Bedeutung der Inhalt hat, der darin aufgenommen werden kann. Heute dominieren in der Beurteilung die wirtschaftlichen und auch die ökologischen Aspekte. Aber über die Zeit zählen dann doch auch andere, wie das Wohlbefinden oder die Akzeptanz durch die Nutzerinnen und Nutzer. Und trotzdem bleibt die Stadt in dieser Diskussion eine Anhäufung solcher Gefässe. Solange jedoch nur über das einzelne Gebäude gesprochen wird, kann der Wert der Stadt nicht verhandelt werden: Jedes Gebäude ist durch ein anderes ersetzbar. Und doch zeigt sich immer wieder, dass viele Leute an bestimmten Gebäuden hängen. Man könnte deshalb meinen, dass sie die Identität – ein ebenso offener wie unscharfer Begriff – einer Stadt ausmachen. Doch greift diese Vorstellung zu kurz.

Denn Baukultur wird genau da besonders wertvoll, wo sie den Freiraum, den Raum zwischen diesen Gefässen bestimmt. Das heisst, Gebäude haben zwar einen inneren Wert, aber ihre kulturelle Wirkung ist dann besonders gross, wenn es ihnen gelingt, dem öffentlichen wie auch dem privaten Freiraum Wertschätzung abzuverlangen. Darum ist diesem Aussenraum immer wieder besondere Beachtung zu schenken. Der Wert dieser Räume ist ein sehr hohes gemeinschaftliches Gut, das permanent ausgehandelt werden muss. Wenn es uns gelingt, diesen Diskurs öffentlich und offen am Laufen zu halten, dann werden wir fähig sein, Baukultur zu schaffen und aus dieser heraus eine lebenswerte Umwelt zu schaffen, die auch künftigen Generationen als solche zur Verfügung stehen kann. Nehmen wir dies als Vermächtnis des Jahres des Kulturerbes und stellen wir uns dem oft anstrengenden öffentlichen Disput.

Hinweis: Dieter Geissbühler ist Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern. Einmal im Monat äussern sich Professoren des Departements zu städtebaulichen Themen des Kantons Luzern Ihre Ansichten müssen nicht jener der Redaktion entsprechen.