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Kolumne

«Let it grow!»: Wilde Natur statt künstliche Tristesse

Autor Peter Schwehr plädiert in seinem Gastbeitrag zur Stadtentwicklung dafür die Natur auch mal einfach machen zu lassen.
Peter Schwehr
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Ja, es wird heiss in unseren Städten! Tropennächte und Hitzeinseln gehören mittlerweile zum alltäglichen Sprachgebrauch. Glutofenhitze nicht nur von oben, sondern von der Seite und von unten, lässt uns stöhnen und kühle Ecken aufsuchen. Ist es doch auch kein Wunder, angesichts von schwarz asphaltierten Plätzen, reflektierenden Glas- und Metallfassaden und sorgfältig dekorierten Verkehrskreiseln. Alles Natürliche scheint zum Störfaktor geworden zu sein. Schliesslich gilt auch hier: Unterhalt ist teuer. Damit das Ganze aber dann doch nicht so eintönig aussieht, wird dekoriert: Kurzgehaltene Bäume bekommen ihren Platz in kleinen Pflanztrögen, allenfalls gibt es noch die umzäunte, quadratische und unkrautfreie Rasenfläche.

Doch es geht auch anders: Die Rabatte an den Strassen entwickeln sich zu kleinen Biotopen voller Leben, die Natur wird ohne Pestizide sich selber überlassen. Design by Nature spart Ressourcen, schafft Komfort und erhöht die Biodiversität in unserer Stadt. Was also, wenn wir dieses Gestaltungsprinzip auch auf unsere Bauten übertragen? Denn sie beeinflussen massgeblich das Klima einer Stadt; sie reflektieren Schall, aber auch Sonneneinstrahlung. Die Folge? Die Stadt wird lauter, heisser und kühlt auch nachts nicht mehr aus. Stehen dann noch Gebäude in Frischluftschneisen, wird es stickig und ungemütlich.

Nicht jedes Stück Grün muss den Anforderungen eines Golfkurses entsprechen. (Bild: Peter Schwehr)

Nicht jedes Stück Grün muss den Anforderungen eines Golfkurses entsprechen. (Bild: Peter Schwehr)

Leider ist das Stadtklima als relevanter Entwurfsfaktor noch zu selten in den Köpfen und Herzen der Planer und Planerinnen angekommen. Klimagerechtes Bauen wird auf die Umsetzung energieeffizienter Gebäude und die Einhaltung entsprechender Normen reduziert. Zu oft wird das Potenzial von Vorgärten, Fassaden, Dachflächen und grünen Verkehrskreiseln für unser Stadtklima brachliegen gelassen.

Was also, wenn stattdessen die Fassaden zu Träger für vertikale Begrünungen würden, Dachflächen zu Trockenwiesen und Verkehrskreisel sich in Biotope verwandeln, in denen sich die Flora weitgehend selbst entwickeln kann? Die Architektur könnte hier Ausgangspunkt auf dem Weg hin zu einer grünen Stadt sein und wichtige Hilfestellungen bieten. Architektur und Natur nicht als Gegensatz, sondern als synergetisches Tandem. Das Gebaute ist dabei nicht der Endzustand, sondern entwickelt sich durch Bepflanzungen in seinem Ausdruck, auch ein Stück frei und unkontrolliert, weiter. Der Architekt Snozzi beschreibt es treffend, wenn er meint, «Bauen heisst zerstören, aber zerstöre mit Verstand». In meiner Interpretation bedeutet dies, nicht gegen die Natur, sondern mit ihr zu arbeiten. Wer aber versucht, Natur zu imitieren und sie zur Dekoration verwendet, beraubt sie ihrem ureigentlichen Wesen – ihrer Lebendigkeit. Verbauen wir uns also nicht das Klima in der Stadt. Ein natürlicher und entspannter Umgang ist Gebot der Stunde! Let it grow.

Prof. Dr. Peter Schwehr ist Leiter des Kompetenzzentrums Typologie & Planung in Architektur der Hochschule Luzern, Departement Technik & Architektur.

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